Das Gefühl arm zu sein

von Antje Liemen

Kann man Armut fühlen? Kann man Armut messen?

Nur Geld - oder mehr?

Wenn die finanziellen Mittel nicht ausreichen, um gut zu leben? Bin ich dann arm? Da ergibt sich die nächste Frage. Was bedeutet gut leben? Bezahlbare Wohnung, ausreichend Nahrung. Reicht das ? Gehören in unserem Land nicht auch Zugang zu Bildung und Kultur, zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dazu?

In meinen 66 Lebensjahren habe ich einiges gesehen und erlebt – auch zu diesem Thema. Mit Beispielen will ich versuchen, diese Fragen zu beantworten.

„Arm kann man sein, aber sauber und anständig muss man sein.“

Das Credo meiner Großmutter. Eine Frau, Jahrgang 1899, 2 Weltkriege, immer schwer gearbeitet als Waschfrau, einen Ehemann, welcher schon jung Invalide wurde. Immer ein sehr geringes Einkommen und später nur die Mindestrente, weil keiner ihrer gut gestellten Arbeitgeber für sie „geklebt“ hatte. Meist eine Kellerwohnung mit Plumpsklo auf der Treppe.

Soweit ich mich erinnern kann haben sie nicht gehungert. Es gab einfaches Essen. Und sie haben mich mit verköstigt. (Hort und Schulspeisung  gabs noch nicht.) Ab und an bekam ich auch einen Groschen oder einen Fünfziger für Eis, Limo oder Karussell. Als Studentin auch das Fahrgeld oder Taschengeld.

 

Eine andere Generation

Großvater las viel und  Großmutter ging gern ins Theater oder machte Busreisen für Senioren. Die Bücherei war kostenlos und Theaterkarten  und Busreisen erschwinglich.

Ich ging noch nicht zur Schule als meine  Oma mich zum ersten mal ins Theater mitnahm. Das Märchen „Die Regentrude“  wurde in der Adventszeit gespielt.

Oma machte sich schick, wenn sie ausging: Kostüm, Mantel, Hut, Handtasche. Es war nicht die neueste Mode, aber sie sah gut darin aus.

Ich frage mich heute noch, wie meine Großeltern das alles geschafft haben. Ohne zu klagen, zu murren. Unzufrieden mit sich und der Welt waren sie nicht. Trotz der vielen Arbeit, der fortschreitenden Krankheit des Mannes und obwohl sie sich kaum Wünsche erfüllen konnten. Sie waren zufrieden.  Eine andere Generation.

Allein mit 3 Kindern

„Wir haben wenig Geld, aber wir haben uns“

Während meiner Arbeit im Frauenzentrum lernte ich M. kennen.  Geschieden, 3 Kinder. Der Vater zahlte keinen Unterhalt. Die Große wurde 12 und bekam dann auch keinen Unterhaltsvorschuss mehr.

Das Arbeitsamt hatte sie für eine ABM ins Frauenzentrum geschickt. 

Frau M. war eine stille, fleißige, hilfsbereite Frau. Sie achtete sehr auf ihre Kinder, hielt sie zum Lernen und zur Höflichkeit an. Als die Große nur eine Empfehlung für die Grundschule bekam, obwohl ihre Leistungen im oberen Mittelfeld lagen, kämpfte sie wie eine Löwin für ihre Tochter. Das Mädchen machte einen guten Realschulabschluss, lernte Hotelfachfrau und besuchte die Hotelfachschule. Dem Mittleren gelang der Sprung auf das Gymnasium. M. fiel es sehr schwer, das  alles ,vor allem finanziell , zu stemmen.

Wir merkten, dass sie immer weniger wurde. Sie aß ja auch kaum etwas. In einem vertrauensvollen Gespräch erzählte sie der Leiterin der Einrichtung unter Tränen, dass das Geld hinten und vorne nicht reiche. Damit die Kinder sich satt essen können, verzichtete sie selbst auf so manches.

Trotz all dem sagte M. Immer zu ihren Kindern: „Wir haben zwar wenig Geld, aber wir haben uns.“

Leben mit Grundsicherung im Alter

In den letzten 10 Jahren vor meinem Ruhestand sah und erlebte ich während meiner Arbeit als Seniorenberaterin vieles, das mir noch immer anhängt.

Da war Frau G.. Alleinstehend, verwitwet, schwer herzkrank und Osteoporose. Sie hatte eine winzige Rente und ergänzende Grundsicherung im Alter. Sie benötigte etliche Medikamente. Auch Sohn und Enkelin konnten finanziell nicht aushelfen.

Befreiung von Zuzahlung erhielt sie natürlich. Aber erst, wenn die damals 72€ Zuzahlung, die jeder aufbringen musste, erreicht waren. Das Dilemma: Wenn ich im Januar die 72 € bezahle, dann kann ich mir die Marke für den Bus nicht kaufen. Aber ohne Bus komme ich nicht zum Arzt. Frau G hat es wie folgt gelöst: Sie nahm nur eine halbe Tablette. Manchmal auch gar keine. Ich sah es ihr an, wenn ich sie besuchte. Zu Essen gab es Brot mit Marmelade, Kartoffeln mit Quark. Zu manchen Mahlzeiten mitunter auch nichts. Auch an Feiertagen. Frau G war nicht nur unterernährt, sie zeigte bereits Symptome einer Mangelernährung.

Sie haderte mit ihrem Schicksal. Vergrub sich immer mehr, vereinsamte, verhärmte. Auch mit Gott haderte sie. „Warum hilft er mir nicht? Warum lässt er mich so leiden?“

Hinzu kam, dass die Pflegestufe dreimal abgelehnt wurde. Trotz fundierter Widersprüche. Einen Anwalt konnte sie sich nicht leisten.

Ehe die Frist für einen erneuten Antrag bei der Pflegekasse vorüber war, verstarb Frau G. . Alleine im Krankenhaus.

Wie sagte unsere neuer Gesundheitsminister doch sinngemäß: Mit Hartz IV (analog Grundsicherung im Alter) hat jeder das, was er zum Leben braucht.

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