von Carmen Stadelhofer

Nachruf zu Dr. Erna Subklew, Gründungsmitglied und langjährige Wegbegleiterin von ViLE, gestorben am am 1.8.2018 in Frankfurt.

Erster Kontakt

Vor ca. 20 Jahren erreichte mich als Geschäftsführerin des ZAWiW ein Brief von einer älteren Dame aus Frankfurt. Sie schrieb, sie habe gehört, das ZAWiW würde ältere Erwachsene ans Internet heranführen, sie würde dessen Nutzung auch gerne lernen, damit sie, wenn sie später mal nicht mehr so mobil sei, von zuhause aus mit anderen Menschen kommunizieren könnte, ob sie bei uns irgendwie mitmachen könnte. Das war mein erster Kontakt mit Erna Subklew, damals 75 Jahre alt.

 

Erprobung vielseitiger Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Internet

Ernas Brief erreichte unser Team zu einem Zeitpunkt, wo wir nach 2jähriger Kampagne Senior-Infomobil, bei der wir in ganz Deutschland viele Senior/-innen die ersten Schritte ins Internet gezeigt hatten, überlegten, wie man die kommunikativen und kooperativen Möglichkeiten des Internet für weiterbildungsinteressierte Ältere nutzbar machen könnte. So entstand das Modellprojekt „Gemeinsam lernen übers Netz“ (2000-2005). Aufgabe des Modellprojekts war es, über das Internet Selbstlerngruppen zu initiieren und zu begleiten und diese untereinander zu vernetzen. Seminare in Bad Urach wurden zu einer Ideenschmiede, wo Senior/innen aus ganz Deutschland sich real kennenlernten, thematische Gruppen bildeten und das Internet für kooperative Zwecke zu nutzen lernten, um dann in der Folge über Themen ihres Interesses über das Internet zusammenzuarbeiten.

Erna Subklew war von Anfang an engagiert dabei. Ob zum Thema „Wandel der Geschlechterrollen innerhalb der letzten fünfzig Jahre im Vergleich Deutschland-Ost/Deutschland-West“, oder „Heimat und Fremde“ , um nur zwei von vielen Lerngruppen zu nennen, Erna recherchierte immer umfassend, ihre Beiträge waren profund, eine gute Diskussionskultur, bei der unterschiedliche Meinungen sachlich diskutiert wurden, war ihr wichtig. Besonders interessierte sie sich für die „ virtuelle Zeitzeugenarbeit“ und die virtuellenAlt-Jung- Leseprojekte, wo Ältere und Jüngere ein ausgewähltes Buch lasen und sich dann in einem speziellen Forum darüber unter verschiedensten Perspektiven virtuell austauschten. Dabei brachte sie nicht nur ihre vielfältigen im Lebenslauf erworbenen Erfahrungen und ihr umfangreiches Sachwissen mit ein, sondern stellte auch den Jugendlichen zentrale Fragen und setzte sich mit ihren Sichtweisen auseinander.

 

Mitbegründerin von ViLE

Als aus dem Modellprojekt heraus 2002 der Verein ViLE entstand, war Erna Subklew Mitbegründerin. Sie war über viele Jahre aktiv im Vorstand tätig und beteiligte sich mit Kopf und Herz bei dem Aufbau und Weiterentwicklung dieses von Senior/-innen selbstgesteuerten und selbstverwalteten Vereins mit und gab wichtige Impulse für die Vereinsarbeit.E

Engagierte Senior-Online-Redakteurin

Es machte ihr Spaß, neue Wege des gemeinsamen Lernens übers Netz zu erproben. So war sie auch von Anfang an eine engagierte SOR, als das ZAWiW in einem weiteren Modellprojekt 2003-2006 Senior/-innen zu „Senior-Online-Redakteur/-innen“ qualifizierte. Sie brachte in vielen Ausgaben des Lerncafes interessante Beiträge und war auch immer bereit, sich mit neuen Themen, die die Leser/innen und ihre Kolleg/-innen vorschlugen, auseinanderzusetzen. Sie gehörte über viele Jahre dem für die Herausgabe des Lerncafes verantwortlichen Team an und übernahm in einer Krisenzeit beherzt die Chefredaktion.

 

Gemeinsam Lesen bereichert Wissen und macht Spaß

Literatur  war Erna Subklew in jeder Hinsicht wichtig, aber besonders interessierte sie sich für Belletristik. Daher beteiligte sie sich bei dem Lernprojekt „ Buchvorstellung“ , wo ViLE-Mitglieder pro Monat ein neues literarisches Werk, das ihnen am Herzen lag, vorstellten. Sie war Mitbegründerin des virtuellen Forums „Gemeinsam lesen übers Netz“, das sie über lange Jahre koordinierte. Alle paar Wochen wurde ein neues Buch zur Lektüre und anschließender Diskussion im Forum vorgeschlagen. Die unterschiedlichen Leseweisen ein und desselben Buches war für viele Beteiligte spannend und anregend.  Erna Subklew initiierte parallel dazu den Frankfurter Literaturkreis, der sich über lange Zeit einmal im Monat  unter ihrer Moderation traf, die Diskussion über  die ausgewählten Bücher wurden  im  virtuellen Forum fortgesetzt.

Internet als Chance für das höhere Lebensalter

Als sich Erna Subklew vor 12 Jahren  einer Knieoperation unterziehen musste, befand sie sich zum ersten Mal in einer Situation der physischen Unbeweglichkeit, die sie ja in ihrem Brief an mich als Motivationsfaktor für den Umgang mit dem Internet  genannt hatte. Vom Krankenhaus aus war sie ununterbrochen mit ihren älteren und jüngeren Gesprächs- und Lernpartner/-innen verbunden.

Als sie im hohen Alter aus gesundheitlichen Gründen ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte, der Geist aber hell wach war, blieb  ihr das Internet ein treuer „Türöffner zur Welt“, wie sie einmal sagte. Das Internet verschaffte ihr die Möglichkeit, sich weiterhin einzubringen, mit Menschen jeglichen Alters in Kontakt zu bleiben und neue Bekanntschaften zu machen, ihren Geist beweglich zu halten durch Dialoge. Das war ihr noch über viele Jahre vergönnt.

Nachdem sie 2017 nach einem Unfall und einer mißglückten Oberschenkelhalsoperation auf einen Rollstuhl angewiesen war, zog sie in eine Seniorenresidenz  um. Mit ihrer Tatkraft sorgte sie dafür, dass sich  die Mitglieder des Lesekreises auch dort monatlich treffen und diskutieren konnten, ihre  Diskussionsbeiträge ins Internet stellten dann andere.

Erna Subklew- eine Pionierung in vielen Bereichen

Vieles gäbe es noch über Dr. Erna Subklew, 1923, zu berichten, was den Platz dieses Nachrufs sprengt, z.B. dass sie, in Schlesien geboren,  ihre Kindheit/Jugend in der Türkei verbrachte, was ihre Weltoffenheit entscheidend prägte, auch, dass sie nach ihrer Pensionierung  Erwachsenenpädagogik, Europäische Ethnologie und  Turkologie studierte und mit 75 Jahren  promovierte, was für eine Frau ihres Jahrgangs auch heute noch  ganz ungewöhnlich ist..

 Was bleibt ist die Erinnerung an eine ungewöhnliche Frau, eine Pionierin in vielen Bereichen, der der Verein ViLE e-V. sehr viel zu verdanken hat. Mit großem Respekt und in freundschaftlicher Verbundenheit wird sie mir unvergessen bleiben,  und das nicht nur mir, dessen bin ich mir sicher.

Aus der Redaktion

Erna Subklew - European Women in Older Age (Foto:privat)

Zur Biografie von Dr. Erna Subklew erreichte uns noch der Hinweis auf:

https://www.vile-netzwerk.de/frauen-in-der-gesellschaft.html

Die Autorin Carmen Stadelhofer war bis  2012 Leiterin des Zawiw,: Vorsitzende von Vile von 2002 bis 2015.

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