Europa aus eigener Erfahrung

von Barbara Heinze

Meine Zuneigung zu Europa begann mit Frankreich! Und das hängt damit zusammen, dass ich im Saarland aufgewachsen bin. Allerdings, erst mit sechs Jahren kam ich aus dem Rheinland ins Saarland. Dort empfingen mich die neuen Schulkameradinnen mit dem Vorwurf: "gebb mit so aaaan mit deinem Hochdeitsch".

Sprachverwirrung

Die saarländische Sprache hat übrigens einige französche Wörter im normalen Sprachgebrauch: "ich hann die fleeme“ (frz.: flemme ist schlechte Laune), oder ich leg mich auf die „Chaiselongue“, nämlich das Sofa und ich geh von der Straße aufs „Trottoir“, den Bürgersteig. Bis 1954 war das Saarland von Frankreich besetzt, deshalb wurden wir schon in der Grundschule mit der französischen Sprache geplagt. Das Französisch- Lernen konnte ich allerdings mit 6 Jahren nicht ernst nehmen, denn ich kannte es ja schon, siehe oben: Troittoir, flemme, chaiselongue, und deshalb brauchte auch nichts zu lernen. Das führte natürlich dazu, dass ich dann in der ersten Gymnasialklasse mit dem Französischen von vorne anfangen musste. Später bevorzugte ich dann Französisch, weil Latein noch schwerer zu erlernen war. Am Ende war ich dann in der Lage, die Ergebnisse meiner Promotionsarbeit auf Französisch statt auf Englisch vorzutragen.

Grenzerfahrungen

Meine ersten Grenzerfahrung hatte ich ebenfalls mit Frankreich. Drüben, im „Reich“, war die Auswahl an Lebensmitteln und Kleidung billiger und man konnte in DM bezahlen, unsere saarländisch Währung war damals noch der Franc. Es ging darum, preisgünstig an Kinderkleidung für mich als 8jährigem Mädchen zu kommen. Meine Mutter hatte eine sehr gute Freundin im nahe gelegenen Zweibrücken. Dorthin fuhren wir mit dem Bus und kauften üppig ein. Die neue Kleidung wird dann mit mehreren Schichten übereinander angezogen und mir vorlautem Kind wurde eingebläut, dass ich unbedingt den Mund zu halten hatte. So stand ich einige Ängste aus, bis wir wieder über die Grenze zurück, im Saarland, waren.

Erste Reisen

Im Alter von 10 Jahren begann ich, Frankreich zu lieben: ich lernte "la douce france" an der Cote d‘Azur kennen, das blaue Mittelmeer, aber auch das Grimaldischloss in Monaco, die Blumenpracht, die Promenaden und Eiskaffees. Endgültig mit Frankreich versöhnt war ich, als ich mit 16 Jahren in einem Vorort von Paris mit unserem saarländischen Schwimmverein einen Wettkampf zu bestreiten hatte. Mit viel Herzklopfen genoss ich die „große weite Welt“ und wir „parlierten“ französisch. Im Studium führte uns dann der Weg von Saarbrücken öfter ins nahe Elsass und Lothringen zum „Essen gehen“, nach „Les Arcs“ in die französischen Alpen zum Skifahren oder zum Schwimmen und Segeln in die Bretagne.

Nachbar Frankreich

Erst im Erwachsenenalter wurde mir bewusst, welche Schicksalsgemeinschaft Deutschland und Frankreich verbindet. In jüngerer Zeit, vor 200 Jahren gab es den deutsch-französischen Krieg (1870-71) zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund. Eine Schlacht fand bei Saarbrücken auf den Spicherer Höhen statt. Im Deutsch-Französischen Garten wird in einem Ehrenfriedhof (https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Franz%C3%B6sischer_Garten#/media/File:DFG_Ehrenfriedhof.JPG) an diese Zeit erinnert.

Zwischen den beiden Weltkriegen war das Saarland ein Austauschgebiet zwischen den beiden Ländern. Deshalb war auch für uns Saarländer die Devise: nie wieder Krieg.

Grabstein im Ehrenfriedhof im Deutsch-Französischen Garten (Foto: Autorin)

Europa

Ein richtiges Gefühl für Europa bekam ich erst später im Berufsleben, denn in meiner Jugend ist man natürlich normalerweise wenig verreist und vor allem nicht soweit und auch das Internet gab es noch nicht.
Als Biologin wurde ich auf dem Gebiet der Strahlenbiologie in europäischen Forschungsprojekten tätig. Mein Chef an der Universität Saarbrücken/Homburg war Biophysiker und als europäischer Gutachter innerhalb von Euratom-Projekten (https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Atomgemeinschaft) bei der Beurteilung von Strahlenschäden involviert. Hier ging es hauptsächlich um die Spätfolgen von Strahlenexposition nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und die biologische und biophysikalische Strahlendosisabschätzung. In diesem Forschungsverbund arbeiteten Leute aus Frankreich, England, Deutschland, Belgien, Niederlande und Italien zusammen. Hier wurde mir erstmals bewusst, wie sehr die Sprachenkenntnis und das persönliche Kennenlernen ein wesentlicher Baustein für das Verständnis verschiedener Nationen ist. Im Saarland hat man natürlich unmittelbarer die Entwicklung der EWG über die EG in die EU mitbekommen.

Mitarbeit in Europäischen Projekten

Im Ruhestand habe ich es als besonderes Glück empfunden, wiederum in europäischen Projekten tätig werden zu können, jetzt aber in ehrenamtlicher Mission. In dem Projekt „EWA“ (https://frauengeschichte.forschendes-lernen.de/ewa/) im Rahmen eines Grundtvig-Programms, beschrieben wir mit fünf europäischen Ländern gemeinsam interessante Biographien von Frauen im dritten Lebensalter. Wir lernten dabei u.a., dass die beiden Weltkriege ähnliche Frauenschicksale in den Ländern verursacht hatten. Die EU versucht inzwischen in übernationalen Regionenprogrammen die nationalen Grenzen zu unsichtbarer zu machen, wie die Ostseeanrainerländer (http://foerderdatenbank.de/Foerder-DB/Navigation/root.html) oder die Donauregion. UIm und Schwaben haben einen besonderen Bezug zur Donauregion durch die Auswanderer (Donauschwaben) im 18. und 19. Jahrhundert, deren Schicksal im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm anschaulich dargestellt ist. http://www.dzm-museum.de/

 

Im Rahmen des neuesten EU-Projektes von Carmen Stadelhofer ODDA lernten wir im internationalen Seminar „creating bridges for Europe“ in Bad Urach (https://ileu.net/2017/05/08/creating-bridges-for-europe-seminar-bad-urach/ ) wie Sprachbarrieren heutzutage überwunden werden können. So gibt es u.a. im Internet kostenlose Übersetzungsprogramme, die simultan in Sprache und Text die Übersetzung liefern. In dem Workshop „Technical support“ erfuhren wir aber auch, dass die Programme nicht mit zu langen Texten und schlechter Artikulation überfordert werden dürfen.

Workshop in Bad Urach Juli 2017: Übersetzung macht Spaß

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