Ein Blick aus Italien nach Deutschland

von René Nguyen-Duong (Rom), Übersetzung aus dem Französischen Brigitte Nguyen-Duong (Ulm)

Meine zweite Heimat Italien

Ich kam Ende 1957 aus meinem Geburtsland Vietnam im Alter von 14 Jahren nach Italien, als mein Vater damals als Botschafter von Südvietnam nach Rom berufen wurde. Seitdem ist mein Schicksal mit Italien verbunden, seinen Menschen, seine Sitten. Ich habe nach meinem Studium in Rom über dreißig Jahre als Zahnarzt dort gearbeitet.

 

Langjährige Verbindungen zweier Länder

Mit meiner Mutter, einer gebürtigen Deutschen aus Saarbrücken, die mit uns in Rom lebte, hatte ich oft Verwandte in Deutschland besucht.
Als langjähriger italienischer Staatsbürger und römischer Bürger habe ich stets aufmerksam beobachtet, was in Italien und in Deutschland geschieht.

Ich gebe zu, dass ich Italien liebe, so wie ich Deutschland liebe, und ich beschränke mich vor allem nicht auf dumme Klischees wie: „Italien, ein Land der Mafia!“ oder „Nazi-Deutschland“ und “Land der Kartoffel-Esser!“
Italien und Deutschland hatten immer enge Verbindungen miteinander, sowohl in der fernen Vergangenheit als auch in der heutigen Zeit, wie jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, beim Aufbau der europäischen Einheit, die eine absolut notwendige Aufgabe für alle europäischen Männer und Frauen ist.

Die germanische Eroberung im Teutoburger Wald

Eine frühe Verbindung zwischen Italien und Deutschland geht auf die Schlacht im Teutoburger Wald zurück, in der den Römern eine vernichtende Niederlage zugefügt wurde.

Im Herbst des Jahres 9 nach Christus überfallen Hermann – sein römischer Name lautet Arminius - und die Allianz germanischer Stämme (Cherusker, Marsi und Chatti Bructerer) die römische Armee; sie bestand aus der siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Legion und drei Kavallerieabteilungen, insgesamt etwa 25 000 bis 30 000 Mann unter dem römischen Gouverneur Varus.
Für die Römer war die Niederlage eine noch nie dagewesene Katastrophe. Einige wenige Legionäre der achtzehnten und neunzehnten Legionen überlebten, und konnten ihre Tortur erzählen, aber es gab keinen einzigen Überlebenden der siebzehnten Legion.

Es ist wahrscheinlich, dass der Aberglaube hinsichtlich der Zahl 17 im modernen Italien sich auf die verlorene XVII. Römische Legion bezieht und seinen Ursprung in dieser tragischen Episode in der römischen Geschichte hat.

Die italienische Unglückszahl 17

Die Zahl 17 ging in die italienische Geschichte als Unglückszahl ein. Auch heute kann es passieren, dass in italienischen Flugzeugen die Reihe 17 nicht existiert oder in manchen Hotels die Zimmernummer 17 ausgelassen wird, die Zahl, welche der Legion der tapferen ausgerotteten Römer in Teutoburger Wald entspricht.

Aber in Wahrheit war der Grund für die Unglückszahl 17 noch ein anderer:
Tatsächlich wurde seit der Antike die Zahl 17 stark mit Unglück verbunden. Die meisten Italiener glauben, dass der Aberglaube im alten Rom geboren wurde, weil auf den Grabsteinen das Wort „Vixi“ geschrieben stand (das bedeutet auf Lateinisch: Ich habe gelebt ... also bin ich tot ...), dessen Anagramm „XVII“ die Zahl 17 bedeutet.

Und da die XVII. römische Legion in der Schlacht von Teutoburger von den Germanen völlig vernichtet wurde, fand der Glaube an diese fatale Zahl 17 seine Bestätigung.

Geburt des neuen Europas

Das faschistische Italien und das Nazi-Deutschland gingen zerstört aus dem Zweiten Weltkrieg hervor.

Dank der Amerikaner und ihrer Verbündeten wurden diese beiden Länder nach 1945 von ihrer jeweiligen Diktatur befreit, und die beiden Länder erneuerten sich in den Jahren 1950 bis 1960 in einem grandiosen Wiederaufbau.

Die Idee der europäischen Integration erfuhr ihren ersten Schritt Ende 1950, als in Rom, am 25. März 1957, der “Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union” (AEUV) unterzeichnet wurde, auch „Vertrag von Rom“ genannt. Es war in dem Jahr, als ich zum ersten Mal römischen Boden betrat, zusammen mit meinem Vater, Ende 1957


Vertrag von Rom

Dieser „Vertrag von Rom“ ist einer der Kernverträge für die politische Institution der Europäischen Union. Er trug am 25. März 1957 bei der Unterzeichnung zunächst den Namen „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“, bis er bei der Unterzeichnung des Vertrags am 7. Februar 1992 seinen Inhalt geändert hatte und in den Vertrag der EU zur Gründung der „Europäischen Gemeinschaft“ umbenannt wurde.

So kann man sagen, dass die Italiener in ihrer Mehrheit am Aufbau Europas seit langem interessiert waren, auch an der Entwicklung eines friedlichen und demokratischen Europas, ein wichtiger Stabilitätsfaktor für die aktuelle Weltordnung, die derzeitig leider sehr destabilisiert ist.

Jeder weiß, wie sich Deutschland hervorragend entwickelt hat. Es ist die große Schwester des vereinten Europas, ein tugendhaftes Modell für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung.

Wie überwindet Europa die Krise

Die Probleme für diese europäische Konstruktion sind enorm, aber meiner Meinung nach, nicht unüberwindbar.

Europa ist am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr ein Europa des Hasses wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Es ist ein Europa der neuen Generationen des Internets, die gelernt haben sich zu verstehen, sich zu schätzen und zu respektieren.

Ich nenne die Zahl von ungefähr 40.000 jungen italienischen Absolventen der italienischen Universitäten, die vor 3 Jahren nach Deutschland ausgewandert waren, um einen Job entsprechend ihrer Diplome zu finden, was in Italien nicht möglich war.

Italien braucht Zeit, um Schritt zu halten

Diese jungen Menschen haben Deutschland kennen gelernt, schätzen seine Gesellschaft und seine Werte, und während der letzten Regierungszeit des italienischen Premierminister Matteo Renzi sprach man in Italien bereits vom deutschen Modell, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch aus politischer Sicht. Denn Italien wäre durch modernere politische und soziale Reformen sicherlich in einer besseren Lage, und hätte vielleicht nach den unzähligen kurzlebigen Regierungen in einer instabilen Vergangenheit die großen Krisen in den 70er, 80er und 90er sogar 2000er Jahren vermeiden können.

Italien braucht politische und soziale Stabilität, um wirtschaftlichen Fortschritt zu erlangen, um mit einem dynamischeren und hochentwickelten Deutschland Schritt zu halten. Die Italiener wissen das, aber es braucht Zeit, um die Meinungen zu ändern und die Dinge zu verbessern.

Einige politische Gruppen, wie die Lega Nord von Matteo Salvini zum Beispiel, drängen die Italiener dazu, Europa zu verlassen, so wie Großbritannien mit dem Brexit. (Ein Itexit wäre wie „Scheidung auf Italienisch“, der berühmte Film von Pietro Germi mit Marcello Mastroianni und Stefania Sandrelli.) Aber dies wird letztlich im Sande verlaufen.

Ich bin kein Experte für Wirtschaftsfragen, aber ich kann den Deutschen versichern, dass der Aufruf zum Austritt von Italien aus Europa und zum Verzicht auf den Euro keinen Erfolg in Italien haben wird.

Unheilvolle Allianz

Kehren wir zu einer Periode im 20. Jahrhunderts zurück, zu den Konflikten, die zwischen den damals gehassten österreichischen Besatzungsfeinden ausbrachen, (die Italiener nannten sie abschätzig „gli Austriacanti“ österreichische angreifende Besatzer...) und der italienischen Einheit, die von König Viktor Emanuel II und dem Helden der beiden Welten, Garibaldi, in den frühen 1860er Jahren konsolidiert war. Den Beschluss der Allianz zwischen dem faschistischen Italien und dem Hitler-Deutschland betrachteten viele Italiener als unheilvoll. Das größte Unglück, das den Italienern während des 2. Weltkriegs mit dieser gefährlichen Allianz passierte, war die eiserne Achse zwischen Deutschland, Italien und Japan, die sicherlich schmerzhafte Spuren im kollektiven Gedächtnis des italienischen Volkes hinterließ, vor allem im letzten Moment, als Italien von der deutschen Armee besetzt wurde.

Warum bewundern die Italiener die Deutschen

Natürlich wurden die Deutschen von den Italienern viel bewundert, nicht nur wegen ihrer Disziplin und ihrem Kampfgeist, aber auch wegen ihrem Erfolg in vielen wissenschaftlichen Disziplinen.

Jedoch auch in solchen populären Aktivitäten wie im Fußball, wo z.B. die deutsche Mannschaft, am 8. Juli 2014, die Brasilianer durch eine schreckliche Punktzahl in die Knie zwang. Aber alle deutschen Freunde der runden Kugel wissen, dass die italienischen „Azzurri“ immer ein rotes Tuch für die deutsche Mannschaft waren. Im Viertelfinale der Europameisterschaft 2016 boten die Deutschen der italienischen Mannschaft die Stirn, ihr rotes Tuch, das sie niemals in einem offiziellen Match besiegen konnten. Doch 2016 gewann nach neun Versuchen Deutschland mit 6: 5 Toren durch Elfmeterschießen! Endlich! Es war das erste Mal in der Geschichte dieser Fußballrivalität, dass die deutsche Mannschaft gegen die „Squadra Azzurra“ in einem großen Turnier gewann.

Hoffnung auf Freiheit und Demokratie

Eine kleine Erkenntnis ergibt sich am Ende meiner Plauderei über das, was die Italiener über die Deutschen und über Deutschland denken.

Es hat sich aus diesem früheren Gefühl von Hass-Liebe so etwas wie Hoffnung und ein gewisses Vertrauen gegenüber Deutschland entwickelt, ein Land, das jetzt unter dem Banner der Freiheit und der Demokratie nach dem Fall der Mauer der Schande seit Herbst 1989 wieder vereint ist.

Hoffnung und Vertrauen für ein wirtschaftlich im Vordergrund stehendes Deutschland, trotz gewisser Sorge bezüglich der Führungsrolle innerhalb eines geeinten und fortschrittlichen Europas zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts, ein Deutschland, das wegen seiner ständig wachsenden Wirtschaft seit dem letzten Weltkrieg bis zum heutigen Tag sich als Europas bester „Schüler“ erwiesen hat.

In Italien, wie ich schon erwähnte, unterstützen einige politische Parteien, wie die Lega Nord von Matteo Salvini und einige andere, einen Brexit auf Italienisch, mit dem Vorschlag, den Euro und dieses Europa zu verlassen, da einige Italiener denken, wahrscheinlich zu Unrecht, dass dieses Europa von den Deutschen dominiert wird.

Kein Itexit

Aber als vor kurzem in Frankreich bei den Präsidentschaftswahlen Macron als Sieger hervor ging, erwies sich, dass mit der Niederlage von Marine Le Pen die Anhänger des Austritts von Frankreich aus Europa und des Anti-Euro wenig Erfolg hatten. Ich sagte mir, dass wahrscheinlich auch die italienischen Anhänger dieses unmöglichen Itexit zweifellos nicht weit kommen werden.

Die Italiener haben insgesamt Vertrauen zu einem Aufbau eines Vereinten Europas, zu seiner Demokratie und seiner Achtung der Werte der Menschheit.

Es bleibt die Sorge um die wirtschaftlichen und sozialen Reformen. Diese sind absolut notwendig für eine harmonische und friedliche Entwicklung des gesamten Europas.

2017 kein Unglücksjahr!

Also findet hoffentlich die Angst vor der unheilvollen Zahl 17, dem Symbol der Niederlage der Römer, des Gouverneurs Varus vor dem Deutschen Hermann, schließlich keinen Glauben mehr im kollektiven Unterbewusstsein der Italiener, die Nachfahren der Römer.

Hoffen wir es von ganzem Herzen, und vor allem für die Einigung Europas, denn Italien wird immer ein unumgänglicher Partner von Deutschland sein, in ihrer nicht unmöglichen Mission!

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