Das Stadttheater in Gießen

von Erdmute Dietmann-Beckert

Im Jahr 2007 feierte die Stadt eine Woche lang das hundertjährige Jubiläum des Stadttheaters. Das Dreispartenhaus mit Schauspiel, Tanz und Konzert zählt zu den kulturellen Zentren in Mittelhessen. Das Programm beinhaltet neben den Klassikern Autoren bekannter und unbekannter Werke.
Die “studiobühne Stadttheater Gießen“, kurz „taTat“, ist „die Anlaufstelle für kulturellen Austausch“. Für Menschen mit Demenz bietet das Haus Orchestervorstellungen und Tanztrainings, jeweils mit einer Einführung und einem Nachgespräch. Mir gefällt diese soziale Komponente des Theaters.

Geschichte

Um die Mitte des 19ten Jahrhunderts wurden in Gießen für Theateraufführungen größere Säle als Aufführungsorte genutzt. Von einem solchen Ort berichtet Paul Wittko, dass dem Besucher, wenn er „das Portal betrat, sofort besondere Überraschungen für Ohr und Nase zuteil“ wurden. Neben angenehmen „Wohllauten“ für die Ohren, seien den Besuchern auch „nicht daphnische Düfte“, gemeint sind Lorbeerdüfte, in die Nasen gestiegen. Die Zuschauer der hinteren Reihen hätten dazu die Sonderfreude gehabt, dass sie keineswegs einsam waren „indem zu ihnen ein wunderliches Echo“ aus den angrenzenden Schweineställen gedrungen sei.
Gegen Ende des Jahrhunderts, verschafft der Physiker Professor Dr. Carl Fromme dem Theater einen „ungeheuren Aufschwung“. Er hat die Idee, für Theateraufführungen ein „eigenes repräsentatives Gebäude“ zu bauen und erhält die Zustimmung vieler „enthusiastischer Freunde“. Er übernimmt die Leitung des Theatervereins und es gelingt ihm, ein „größeres Publikum anzulocken“ und Spenden für einen Theaterbau zu erhalten Deshalb lesen wir über den Eingängen:
                             „Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns“

Ein neues Haus

Stadttheater Vorderansicht

Den Bauplatz stellt die Stadt Gießen kostenlos zur Verfügung. Der Entwurf des Architektenbüros Fellner und Helmer und des Gießener Architekten Hans Meyer findet die Zustimmung des Vereins. Zweidrittel der geschätzten Bausumme von 600000 Mark kommen durch große und kleine Spenden zusammen.
Im Juni 1906 wird der Bau begonnen und ein Jahr später ist er fertig gestellt; pünktlich zum 300jährigen Jubiläum der Universität.
Gespielt wird das „Vorspiel auf dem Theater“ aus Goethes Faust, Kleists „Der zerbrochene Krug“ und Schillers „Wallenstein“.

Das Äußere

Die Fassade des Hauses ist nach Süden ausgerichtet. Elemente des Jugendstils sind unverkennbar. Über den Eingangsstufen sehe ich die sechsgliedrige Fensterfront. Die Glasflächen sind umrahmt von schlanken Steinpfosten, geschmückt mit sieben Masken: Zorn, Hohn, Witz, Satyr, Bosheit, Lust und Verachtung.
Über der Fensterfront unter einem Mauervorsprung steht die oben erwähnte Inschrift.

Auf den Eckpfosten der Dachbrüstung sitzen Melpomene, die Muse der Tragödie und Thalia, die Muse der komischen Dichtung. Es sind Figuren des dramatischen, griechischen Theaters.
In der Mitte des Dachs gab es bis zum Ersten Weltkrieg die Figurengruppe Apoll, stehend auf dem Streitwagen, vor ihm das sich aufbäumenden Ross, das zwei Posaune blasenden Putten flankieren. Diese Figurengruppe war aus Kupfer getrieben und fiel im Ersten Weltkrieg einer Metallspende zum Opfer. Es heißt, dass nach dem Krieg Reste dieser Figuren gefunden wurden. Die Gruppe wieder herzustellen, wäre jedoch zu kostspielig geworden.

Das Innere

Drei Eingangstüren führen in das Haus. Der Zuschauerraum verfügt über 800 Sitzplätze.
Zum Ersten Rang führen je zwei geschwungene Treppen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil. Gegenüber den Eingängen zum Ersten Rang ist das Foyer mit der erwähnten breiten Fensterfront. Wunderschöne “Venezianische Kronleuchter“ strahlen von der Decke. In diesem Raum gibt es einen Getränkeausschank. Auch finden hier Lesungen statt. Die Präsentation zu Tollers Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ habe ich hier besucht.

Unruhige Zeiten

Mit dem Vorspiel zu Goethes Faust wird das Stadttheater im Juli 1907eröffnet. Zunächst bleibt es ein Sprechtheater. Es wird vereinbart, dass in Gießen im Winter gespielt wird, im Sommer in Bad Nauheim. Wie es heißt, wird damit sichergestellt, dass die Schauspieler das ganze Jahr über engagiert sind. Der Intendant Hermann Steingoetter schreibt, dass in jener Zeit das Theater „den Ruf einer vornehmen, gut geleiteten Bühne“ hatte.
Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, wird die Spielzeit zunächst unterbrochen, dann wieder eröffnet. Doch aus Mangel an Personal und Geld müssen in den folgenden Jahren die Aufführungen ganz eingestellt werden.

Nach dem Krieg

Die Wiedereröffnung des Theaters ist in den neunzehnhundertzwanziger Jahren nicht allein wegen der Inflation erschwert.
Dennoch, das Publikum sucht Zerstreuung. In Gießen wird der Spielplan mit der modernen Tanzoperette erweitert. Hermann Steingoetter, der erste Intendant des Gießener Theaters, meint, dass damit „das Niveau des Theaters unleugbar“ herabgedrückt wurde.
In den folgenden Jahren wird das Personal vorsichtig verjüngt. In Gießen beschränkt sich das Stadttheater auf das Schauspiel. Operette und Oper werden mit Gastspielen aus Frankfurt erbracht. Die Verbindung mit Bad Nauheim wird neu organisiert.
In der Spielzeit 1929/30 unternimmt das Stadttheater „zum ersten Mal den Versuch“, mit eigenen Künstlern Operetten auf den Spielplan zu setzen.

Theater nach 1933

Mit der „Machtergreifung“ wird in Gießen „Völkisches“ Theater ausgegraben. Im Spielplan von 1943/44 sind neben Schauspiel und Musiktheater arischer Autoren, auch die Stücke der deutschen Romantik vorgesehen.
Ausschließlich Schwänke, Operetten und Gastspiele stehen auf dem Programm. Mit Schmunzeln lese ich, dass im Programmheft zu Shakespeares Heldentragödie „Cäsar“ ein Text von Gustav Landauer, dem jüdischen Schriftsteller und Mitglied der „Münchener Räterepublik“, zitiert war. Wie es heißt, erkennt man die Ironie zu spät. Zukünftig sollen derartige Fauxpas vermieden werden, beziehungsweise, die linientreuen Mitarbeiter müssen für genaue Kontrollen sorgen.
Die verordnete Sprachregelung nach Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister, bringt für heutige Ohren lächerliche Eindeutschungen. Zwei Beispiele: der Abonnent heißt: „Platzmieter“, die Souffleuse: „Einhelferin“.
Zum 1. September 1944 verordnet der Propagandaminister Goebbels „die Schließung aller deutscher Theater“. Am Nikolausabend 1944 wird die Stadt Gießen in einem Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt.
Im Theater setzen Brandbomben die Dachbalken und den Parkettboden in Brand. Durch den mutigen und nicht ungefährlichen Einsatz des Bühnenbildners Karl Löffler und seiner Töchter, zusammen mit dem Bühnenarbeiter Max Pohl wird der Bau vor der totalen Zerstörung bewahrt. Das Bühnenhaus bleibt erhalten.

Neubeginn Theater

Am 15. November 1945 beginnt die erste Nachkriegsspielzeit unter anderen mit Carl Zuckmayers „Katharina Knie“. Die Eintrittspreise sind erschwinglich. Das Publikum achtet nicht auf eine besondere Garderobe.
Bis 1947 befinden sich auf dem Spielplan vorwiegend die Klassiker: Goethe, Schiller, Lessing. Aber das Publikum begeistert sich für Operetten und Opern.
Als Gerüchte aufkommen, dass in Zukunft nur noch das Orchester finanziert werde, sind die Gießener Theaterfreunde alarmiert. Der Verein “Freunde des Theaters“ und eine Theater-GmbH werden gegründet. Mit einer Tombola kommen nahezu 100 000 Mark zusammen. Dazu sprudeln private und staatliche Hilfen. Das Theatergebäude und der Zuschauerraum können renoviert werden.
Auf dem Spielplan von 1957, fünfzig Jahre nach Fertigstellung des Hauses, stehen unter anderen, ein Stück von Anouilh und Goethes ‚Tasso‘ mit Will Quadflieg. Ob es Feierlichkeiten gab, wird nicht erwähnt. Günter Weisenborn schreibt :
         „Das Stadttheater Gießen hat die Welt in eine kleine Stadt gebracht“.
Zum 75jährigen Jubiläum erstrahlt das Stadttheater am Berliner Platz in modifiziertem Jugendstil.

Was ich kürzlich besucht habe:

Theater
Ernst Toller (1893-1939): ‚Hoppla, wir leben!‘ und Johannes Brahms: ‘Ein deutsches Requiem‘. Dazu, wie erwähnt, die Lesung im Foyer ‚Eine Jugend in Deutschland‘.
Toller schreibt sein Stück, nachdem er aus der von den Nazis veranlassten Haft entlassen worden ist. Es ist eine Erzählung über das Scheitern. Die Ideale einer freien Welt sterben letztlich unter den Kugeln bestellter Killer.
Die erwähnte Lesung im Foyer zu Tollers „Offenem Brief“ aus: „Eine Jugend in Deutschland“ bezieht sich auf die Anordnung des Joseph Goebbels, die Werke deutscher Dichter und Schriftsteller öffentlich zu verbrennen. Im Foyer sitzen eine beachtliche Reihe Zuhörer und lauschen aufmerksam den Schauspielern.

Musik
„Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms (1833-1897), uraufgeführt 1868 im Bremer Dom, kam in Gießen als 3. Sinfoniekonzert des Theaters zur Aufführung. Auf der Bühne steht ein riesiger Chor. Ich schätze plus-minus 100 Frauen und Männer. Davor sitzt das Orchester. Das Schlagzeug beindruckt mich. Die beiden Solisten, Sopran und Bariton, stehen vorne rechts vom Dirigent im schwarzen Frack.
Die Brahm’sche Musik ist überwältigend. Alle Akteure, Sängerinnen und Sänger, Musiker und Solisten sind großartig.

Die soziale Komponente
Das Stadttheater unter der Intendantin, Cathérine Miville, unterstützt die Öffnung des Theaters für.
Menschen mit Behinderungen und Demenz. Im November 2017 standen Orchestervorstellungen und Tanztrainings auf dem Programm, sowie die Generalprobe zu „Das Deutsche Requiem“.

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