Atemberaubende Akrobatik in der Peking-Oper

von Brigitte Nguyen-Duong

Einen tiefen Eindruck bewahre ich bis heute von einer Aufführung der Peking Oper. Es war ein Programmpunkt unseres touristischen Besuchs in Peking.

Schauspielschule der Peking-Oper

Schauspielschule der Peking-Oper (alle Fotos: Autorin)

Aufregend war schon am Vormittag die Ankündigung, eine Schule der Peking-Oper-Schauspieler zu besuchen. Mir war bereits bekannt, dass zur Kaiserzeit die Schauspieler sehr streng unterrichtet wurden. Bis zum Umfallen mussten sie die akrobatischen Kunststücke üben, von morgens um fünf bis spät am Abend. Und wenn eine Übung zu schlecht ausfiel, wurden sie mit Peitsche und Stöcken geschlagen und geprügelt.

Heute hat sich zum Glück vieles geändert in China. Die Akrobatikvorführungen sind immer noch atemberaubend, aber die Schule ist viel lockerer geworden. Wir durften uns in einer Art Turnhalle an der Wand entlang aufstellen, um einige Trainingsszenen zu verfolgen. Ziemlich martialisch traten die Protagonisten mit Schwertern und Fahnen in die Mitte der Halle und schwangen kunstvoll in korrekt einstudierten Bewegungen die Geräte um die Partner herum oder um sich selbst. Dabei flogen die Schwerter oder Fahnen manchmal bis zur Decke der Halle und wurden wieder aufgefangen.

Besuch im Liyun-Theater in Peking

Im Schminkraum

Am Abend sollten wir diese Szenen auf der Bühne des Theaters der Peking Oper im Zusammenhang der gesamten Inszenierung sehen, mit Kostümen, Masken, Gesang und Musikbegleitung.

Der Eingang zum Liyun-Theater in Peking war wenig spektakulär. Auf dem Weg in den Zuschauerraum , vorbei an bunten Masken und anderen käuflichen Theaterrequisiten durften wir noch einen Blick in den Schminkraum werfen. In einer langen Reihe an Spiegeltischen saßen die Schauspielerinnen und Schauspieler und ließen sich von Maskenbildnern schminken oder malten sich selbst die tollen Zeichnungen in ihre Gesichter

Ungewöhnliche Musik für Europäer

Mit Snacktablett im Parkett

Ein Durchgang führte uns an eine Theke, wo wir ein Tablett mit kleinen Snacks und Getränken erhielten. In einer der ersten Reihen im relativ nüchternen Zuschauerraum durften wir Platz nehmen.

Hinter der breiten noch leeren Bühne hing ein dezent bestickter Vorhang, Bald erschienen einige Musiker mit für uns sehr fremdartigen Instrumenten: Schlag- und Rasselgeräte, ein Gong, Bambusflöten, Mundharfen, Schalmaien und verschiedene saitenbespannte Holzinstrumente. Sie setzten sich in eine Art Loge am rechten Rand der Bühne.

Nüsse knabbernd und am Sektglas nippend wurde unsere Aufmerksamkeit jäh ins Geschehen des Theaters gezogen:

Mit lauter schneidend hoher Stimme erschien die erste Schauspielerin. Sie tanzte auf die Bühne in einem fantastisch verzierten und schimmernden Gewand, war kunstvoll geschminkt und frisiert. Jede ihrer fließenden Bewegungen wirkte korrekt einstudiert und drückte passend zu ihrem Gesang symbolisch die Handlung aus. Ein männlicher Partner trat von der anderen Seite hinzu in einem bombastischen Kostüm mit bunt bemalter Maske und fantasievollem Kopfschmuck. Ausdrucksvoll schienen sich die beiden eine Geschichte zu erzählen, weitere Schauspieler kamen in die Szene und brachten ein Tischchen mit, um einige Details des Ablaufs symbolisch zu realisieren. Das Orchester untermalte mit Rasseln, Klappern, Flöten- und Saitentönen die gedehnt sehr hoch gesungenen und gesprochenen Stimmen, oder betonte einige Vorgänge mit dem Gong oder mit den entsprechenden Instrumenten. Es waren sehr ungewöhnliche Klänge für unsere westeuropäischen Ohren.

Symbolische Besonderheiten

Zum Glück hatte unsere chinesische Reiseleiterin uns auf der Fahrt zum Theater in die historischen und symbolischen Besonderheiten der Peking-Opera etwas eingeführt:

In der traditionellen Szene unterscheiden sich vier Rollentypen: Frauenrollen, Männerrollen, Heldenrollen, Clownrollen. Die Schauspieler spezialisieren sich in ihrer langjährigen Ausbildung nur auf einen dieser vier Rollentypen. Mit einer besonderen Maske stellen sie unterschiedliche Charaktere und Typen dar, die sich wiederum symbolisch durch Farben, Linien und Muster ausdrücken.

Traditionen aus der frühen Kaiserzeit

Die Kostüme gehen auf die frühe Kaiserzeit zurück, aus deren Leben teilweise auch der Stoff für die Geschichten stammt. Meistens beziehen sich die dargebotenen Stücke jedoch auf alte Mythen, Märchen und Volksweisen. Die Farbe und Form der Mäntel symbolisieren die soziale Stellung der Figuren. Mit der besonderen Symbolik sollte sich ein Zuschauer vorher befassen, wenn er ein Stück inhaltlich begreifen möchte. Nicht eingeweihte Touristen können die Handlung nur schwer nachvollziehen.

Die Darstellungen der Geschichten folgen einem bestimmten korrekt einstudierten Ablauf in Gesang, Sprache, Tanz und Akrobatik Jeder Schauspieler und jede Schauspielerin ist in allen dieser vier Disziplinen ausgebildet.

Faszinierende Akrobatik

Bizarre Gesichter in meinem Wohnzzimmer

Die Szenen mit Akrobatik faszinierten uns am meisten. Der Ausschnitt in der Schauspielschule am Vormittag gab nur einen Vorgeschmack auf die sensationellen Kunststücke welche choreografisch die Szenerie der Volksstücke ergänzten.

Eine Schauspielerin springt graziös in die Szene und ist auch für uns Laien als Heldin zu erkennen. Aus ihrem reich bestickten Mantel ragen ein halbes Dutzend Pfeile und Fahnen heraus. Unter ihrem bunt bestickten und mit Steinen besetzten Kopfschmuck blickt sie lebhaft aus stark geschminkten Augen in die Runde und zückt zum Schlag eines Gongs mehrere Pfeile aus ihrem unsichtbaren Köcher im Rücken. Blitzartig fliegen die Pfeile, an denen sich bunte Flaggen entrollen, in die Luft und werden wieder aufgefangen, mit Händen und Füßen wieder abgestoßen und weiter herumgewirbelt, dabei berühren sie keinen Boden. Atemlos verfolgen die Zuschauer die magischen Bewegungen der Akrobatin, die Minutenlang die Szene beherrscht, begleitet von Gesängen, inszenierten Schreien und Paukenschlägen. Den Kampf hat sie offenbar gewonnen, denn in siegreicher Pose schreitet sie schließlich mit ihrem Gefolge von der Bühne.

Das Publikum spendete am Ende begeisterten Beifall. Unser Snacktablett wäre dabei beinahe vom Schoß gefallen.

An den Verkaufsständen am Ausgang erstanden wir noch zwei Imitationen von Masken der im Theater dargestellten Figuren: Auf einem gelben Grund erkannten wir die Charaktereigenschaften eines klugen Kopfes mit starker moralischer Haltung, die andere Maske deutet auf eine eher schroffe und kraftvolle Natur mit geschwungenen Linien auf rotem und schwarzen Grund. In einer Ecke meines Wohnzimmers fanden diese bizarren Gesichter einen auffallenden Platz zur Erinnerung an eine für uns sehr fremde Theaterkultur.

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