Reisen mit Handicap

Ein Reisebericht von Barbara Heinze

“ Du Arme, wie kommst Du denn zu Hause zurecht? Komm doch zu uns und lass Dich von uns verwöhnen! Bei uns ist alles ebenerdig“.

Dieses Angebot meiner Freunde kam im rechten Augenblick, denn ein gebrochenes Sprunggelenk, Op und Krankenhausaufenthalt waren zwar überstanden, der Bruch gut verheilt, aber ich war trotz Vacoped-Schuh und Gehhilfen noch immer nicht mobil.

Reisevorbereitungen

mein "Klumpfuss" (Bild: Autorin)

Nun wohnen die Freunde allerdings nicht gerade „um die Ecke“, sondern bei Emden, also etwa 800 km von Ulm entfernt. Wie komme ich da nun hin, war meine Überlegung.

Im Internet wurde ich fündig, denn es gibt einen Mobilitätsservice der Deutschen Bundesbahn.

Es galt, einen Anmeldebogen im Internet auszufüllen mit den genauen Angaben über den Schweregrad der Behinderung, also z.B. ob man eine Rollstuhlfahrerin ist, welche Hilfe man benötigt und ob ein Begleiter dabei ist, ferner welche Hilfsmittel man mit sich führt wie etwa Rollstuhl oder Rollator, und ob man technische Einstieghilfen wie eine Rampe benötigt. Ich hatte vorsorglich eine Zugverbindung ausgesucht, bei der ich nur einmal umsteigen muss. Bei den Gleisangaben der Auskunft hatte ich allerdings nicht die Gewähr, dass z.B. Gleis Nr. 12 auf demselben Bahnsteig wie Gleis Nr. 13 liegt. Wenn ein Bahnsteigwechsel notwendig sein sollte, besteht außerdem die Gefahr, dass kein Aufzug oder Rolltreppe zur Verfügung steht, wie z.B. in Ulm. Umsteigen mit Bahnsteigwechsel und mit Gepäck ist schon für gesunde Menschen nicht leicht, aber für mich mit Gepäck, Faltrollstuhl und an Krücken humpelnd? Wie sollte das gehen?

Das Experiment beginnt

Und, oh Wunder! Wenige Tage, nachdem ich den Anmeldebogen ausgefüllt und abgesendet hatte, kam von der Bahn die Rückmeldung: in welchem Wagen mir welche Platznummer in den verschiedenen, von mir ausgewählten Zügen zugewiesen worden war. Das war nun sehr erfreulich, dass ich in der Tat die von mir ausgewählten Züge benutzen konnte. Wider Erwarten war sogar die Platzreservierung ebenso umsonst wie die Nutzung der Mobilitätsservices an sich. Ich traute mir allerdings zu, mir im Zweifelsfall selbst helfen zu können. Inzwischen konnte ich ja relativ sicher mit Krücken gehen. Trotzdem waren einige kritische Ereignisse zu überstehen: das Einsteigen und Aussteigen im ersten Zug von Ulm nach Düsseldorf, sowie Einsteigen und Aussteigen im zweiten Zug, von Düsseldorf nach Emden. Derselbe kritische Ablauf war dann für die Rückfahrt zu erwarten.

Etappe 1

Der jeweils im Anmeldebogen angegebene Treffpunkt für jeden Bahnhof ist der Info-Point. Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges - wie vorgeschrieben - stand ich mit meinen Siebensachen in der Bahnhofshalle von Ulm. Ein Bahnbeamter, mit einem großen Zettel mit allen Angaben in der Hand, holte mich ab. Sogar einen Rollstuhl führte er mit sich, den ich aber nicht benötigte, weil ich meinen eigenen Faltrollstuhl dabeihatte.

Abfahrt in Ulm

In Ulm startete der gewünschte Zug auf Gleis 1, also nicht weit weg vom Info-point Das Einsteigen in den ICE klappte mit Hilfe des Beamten wunderbar. Dann allerdings wurde es mühselig. Mein hilfreicher Begleiter durfte nämlich nicht in den Zug einsteigen und im Zug selbst war weit und breit kein Schaffner zu sehen. Aber es war immerhin der richtige Wagen und der Sitzplatz war nicht allzu weit weg vom Einstieg. Nun musste ich mit zwei Stöcken, zwei Gepäckteilen und einem Falt-Rollstuhl meinen Platz suchen. Und dann – wohin mit dem Falt-Rollstuhl? Er passte nirgends hin. Was blieb mir anderes übrig: ich quetschte den Rollstuhl in ein normales Personenabteil, das dadurch natürlich komplett blockiert war. Eine ältere Dame, die zu mir ins Abteil wollte, musste ich abweisen, weil ich ja zwei reservierte Plätze belegen durfte um den Fuß hochzulegen. Sie entgegnete, sie wäre auch behindert, fand aber in einem anderen Abteil noch Platz. Mich ließ sie mit einem schlechten Gewissen zurück. Ich hatte wohlweislich verschwiegen, dass ich keinen Behindertenausweis hatte, sondern nur ein Schreiben der Unfallchirurgie. Nachdem nun das erste Problem gelöst war, hätte ich mich gerne im ICE-Restaurant bei einem heißen Kaffee entspannt. Aber mit den Stöcken durch den schnellen Zug zu wanken, wagte ich nicht. Und außerdem wollte ich auch den Rollstuhl und das Gepäck nicht alleine lassen.

Etappe 2: Umsteigen

Teil 1 des Experiments hatte ja schon gut geklappt. Die nächste Etappe sollte nun der Ausstieg in Düsseldorf sein. Kurz vor Düsseldorf war tatsächlich der versprochene Schaffner zum Helfen zur Stelle, und auch ein Mitpassagier im Abteil hatte bereits seine Hilfe angeboten. In Düsseldorf wartete am Ankunftsgleis ein Bahnbeamter, wieder mit Rollstuhl, den ich ja nicht brauchte. Also waren wir beide mit zwei Rollstühlen unterwegs: ich saß in dem einen und wurde geschoben, den anderen zog ich krampfhaft neben mir her. Eine junge Frau, die das beobachtet hatte, bot nun ihre Hilfe an und übernahm den überflüssigen Rollstuhl.

Am Ende war ich auf dem richtigen Bahnsteig und wartete an der mutmaßlichen Stelle, wo der anvisierte Wagen des IC nach Emden zum Stehen kommen würde.
Nun hatte ich eine zweistündige Wartezeit auf dem Bahnsteig in Düsseldorf vor mir.

Etappe 3: Weiterfahrt

Da ich mich nicht von der Stelle zu rühren wagte, griff ich zu Brotbox und Getränk, die ich vorsorglich eingepackt hatte. Und konnte konnte endlich die Süddeutsche Zeitung vom Freitag lesen. Der IC kam pünktlich an, und derselbe DB-Beamte, der mich schon am ICE abgeholt hatte, half mir in den richtigen Wagen des IC, dann allerdings wiederum nicht zu meinem Sitz. Aber er verstaute immerhin meinen Rollstuhl. Ich durfte wieder zwei Sitze belegen und konnte den „Klumpfuss“ hochlegen. Der Zug war sehr voll, es herrschte Wochenendverkehr und ich war über die Reservierung sehr glücklich. Endlich kam ich auch zu meinem heißen Kaffee, denn im IC ging glücklicherweise der DB-Service mit Getränken durch.

Etappe 4: Ankunft

 

Nach insgesamt 8 Stunden Fahrzeit näherten wir uns meinem Ziel Emden. Ich wurde wieder zuverlässig abgeholt und zum Info-point in Emden gebracht, wo mich meine Freunde in Empfang nahmen. Ich fragte den Beamten, der mich ziemlich fröhlich durch die Gegend schob, auch hier wieder mit seinem Mobilitäts-Zettel in der Hand, wie das denn so organisiert sei mit dem Mobilitätsservice. Seine Auskunft: die Leute werden wechselnden Diensten zugeteilt und sind dann manchmal ganz froh, wenn sie Fahrgäste transportieren, statt den Zug zur Abfahrt zu pfeifen oder Bürodienst abzuleisten. In Regionalzügen ist der Beamte wohl manchmal ein Alleskönner, der Zugbegleiter ist und gleichzeitig auch noch den Transportdienst macht.

Fazit

- Die Bahn hat die Mobilservice-Organisation gut im Griff und ist dabei zuverlässig

- Die Fahrgäste sind in der Regel sehr hilfsbereit

- Beim Ausfüllen des Mobilitätsservice-Bogens hatte ich Fehler gemacht:

Denn wenn man mit Rollstuhl unterwegs ist, sollte man auch die Rampe angeben,   dann ist die Begleitung vermutlich noch konsequenter. Außerdem hatte ich versehentlich angekreuzt, dass ich einen Rollstuhl am Bahnsteig brauche.

 

Ein richtiger Härte-Test war es allerdings nicht, weil

  1. a) die Züge pünktlich waren,
  2. b) kein Bahnsteigwechsel dabei war, und
  3. c) sich auch keine weiteren Zug-Probleme einstellten, wie ausgefallene Heizung oder verstopfte Toilette.

Übrigens brauchte ich kein einziges Mal meinen (nicht vorhandenen) Behindertenausweis vorzuzeigen, offensichtlich war ich deutlich erkennbar behindert mit „Klumpfuss“, Stöcken und Rollstuhl.

Die Rückfahrt gestaltete sich komplikationslos, denn in Emden hatte ich mich gut erholt, war viel sicherer zu Fuß und nun erfahren im Reisen mit Handicap.

Mobilitätsschein der DB

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