Reisen heißt Wunder sehen

von Christine Herfel
… und nicht die alten Tapeten zu Hause! Wenn Dir das Fremde Angst macht, bist Du ein Tourist/eine Touristin. Wenn Dich das Fremde in Erregung versetzt, bist Du ein Reisender/eine Reisende – entscheide selbst!
(aus Giovanna Giordano „Zauberflug“)

Gemeinsame Zeiten

VAE Abu Dhabi

Ich traf eine Bekannte aus der Zeit meiner Berufstätigkeit, die wie ich in der Erwachsenenbildung tätig war und nun auch ihr neues Leben als Rentnerin planen und ordnen wollte … “Schön, keinen Zeitdruck mehr zu haben, den Tag nicht mehr durch Arbeitstermine strukturiert zu haben. Schön, ihn jetzt selber zu gestalten, endlich Liegengebliebenes zu erledigen, und, und … Und dabei gesund und mobil zu sein“. Da waren wir uns einig. Und: „So gut wie jetzt war ich noch nie …“, das stellten wir auch übereinstimmend fest. Nur, was machen wir mit unseren Kompetenzen, unserer Kreativität, mit unserer großen Erfahrung, mit unserer Sicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen, im Umgang mit Menschen?
All das hatten wir uns im langen Berufsleben erarbeitet, hatten immer Neues dazu gelernt und waren mit den Jahren souveräner geworden. Beide wollten wir zunächst nicht wieder in feste, regelmäßige Strukturen hinein, die uns unsere neue Freiheit begrenzt hätten …

Neue Pläne

Auf dem Markt

Meine Bekannte ist zum Bodensee gezogen, ein alter Wunschtraum von ihr und sie baut sich neue Verbindungen auf. Ich ergriff die Chance, als freie Mitarbeiterin für die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (wo ich 16 Jahre als Referatsleiterin für den Bereich „Frauen und Politik“ tätig war), pro Jahr zwei bis drei Bildungsreisen zu interessanten Zielen zu planen, zu organisieren und zu leiten.

Meine Wünsche

Privat haben mein Mann und ich bereits viel von der Welt gesehen, ohne eine mehrwöchige große Reise pro Jahr ging nichts … Aber die Welt ist groß, aufregend und unendlich vielfältig!
Wer individuell reist, kann sich den Reiseverlauf natürlich selber einteilen, kann sich Zeit lassen und verweilen, wo es gefällt. Aber was uns bei unseren privaten Reisen oft gefehlt hatte, waren die Möglichkeiten, in Institutionen wie z. B. das Goethe-Institut, die IHKs, die Deutschen Botschaften, Stiftungen, Schulen, Universitäten etc. empfangen zu werden und Gespräche zu führen. Spannend ist es, zu erfahren, was mit deutschen Entwicklungshilfegeldern geschieht, wie NGOs (Nicht Regierungs Organisationen) arbeiten. Welchen Schwierigkeiten sich die Menschen, die in Ländern wie Äthiopien, Brasilien, Vietnam und Kambodscha, Oman und VAE (Vereinigte Arabische Emirate), Namibia und Südafrika arbeiten und leben, gegenübersehen, wie sie ihre Arbeit verstehen.

Reisen in ferne Länder

Sonnenuntergang in Tallinn um 23 Uhr

Die Reisen der LpB beinhalten alle üblichen touristischen Highlights, die das jeweilige Land bietet. Darüber hinaus ist unser Anspruch der des Forschenden Reisens, wie es auch das ZAWiW pflegt.
Eine gemeinsame Bildungsreise in das Baltikum in diesem Sommer war eine erste gelungene Kooperation. Wunderbar, außergewöhnlich, großartig … So waren die Kommentare der Teilnehmenden. Estland, Lettland und Litauen sind heute Staaten der Europäischen Union, deren jeweiliger Weg in die Demokratie nach der Unabhängigkeit interessant zu beobachten ist. Die Erinnerungen an die nationalsozialistische und die kommunistische Vergangenheit in diesen Ländern, die oft schon vergessen erscheinen, wurden schmerzhaft lebendig durch Begegnungen mit Zeitzeuginnen.

Erlebnisse

San Mutter Kind Namibia

Im litauischen Kaunas, einem der schrecklichsten Orte des Holocausts, begegnete die Reisegruppe zwei beeindruckenden Frauen, die als Kinder jüdischer Eltern im Ghetto gelebt haben und als einzige ihrer Familien dank glücklicher Umstände überlebten. Die Gespräche mit Ihnen, in ihrer Begleitung das IX Fort, heute Gedenkstätte, zu besuchen und die grausamen Erinnerungen mit ihnen zu teilen, waren sehr bewegende Momente der Reise.
Ich komme gerade aus Südafrika zurück. Auch dort waren Begegnungen mit starken Frauen in Townships, die dort den Kindern in Projekten durch Bildung und Förderung etwas Hoffnung geben, sehr beeindruckend. Ich denke, dass wir in unseren politischen Gesprächen mit JournalistInnen, ParteienvertreterInnen oder Fachleuten aus dem Bildungsbereich wichtige Informationen über die gesellschaftliche Situation in den Ländern erhalten.
Das Herz bewegen die Begegnungen!

In fremden Kulturen

Hererofamilie Namibia

Ich genieße es, mir ferne Ziele auszusuchen, die zunächst fremd sind und über deren Geschichte und Kultur ich lediglich Allgemeinwissen habe.
In Namibia hatte ich die Chance, einen jungen Mann, Sohn eines Hereros und einer Damara Mutter zu gewinnen – ein Reiseleiter, der uns seine Heimat aus einer nicht „weißen“ Sicht näher brachte! Gerade durch diese interkulturellen Begegnungen macht mich das Reisen reich!
Immer noch gilt mein spezielles Interesse dem Leben der Frauen, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihren Problemen. Meine tiefe Überzeugung ist, dass eine Gesellschaft sich nur demokratisch entwickeln wird, wenn sie die Frauen gleichberechtigt behandelt und wenn Frauen die Hälfte der Macht haben. Das ist insbesondere in den Gesellschaften Afrikas und Asiens noch ein weiter und steiniger Weg!

Immer noch Neugier

Tatsächlich, meine Neugierde auf Neues, Fremdes, auf wunderschöne Landschaften und Menschen, auf neue Herausforderungen lässt nicht nach, auch mit nun 66 Jahren. Und ich genieße es, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer „meiner“ Bildungsreisen untereinander gute Kontakte knüpfen, sich über Gesehenes und Gehörtes austauschen und diskutieren, wenn sie ebenso reich wie ich zurückkehren in unsere „heile“ und so geordnete und geregelte Welt.
Und dann hoffe ich, dass ich weiterhin aktiv bleibe und mein “so gut wie jetzt war ich noch nie“ Satz noch einige Jahre Gültigkeit haben wird … zu meiner Freude und zur Freude meiner Mitreisenden!

Mein Wunsch

So möchte ich langsam alt werden, ich möchte, dass das “Fremde“ mich weiterhin in Erregung versetzt und mich nicht ängstigt … Und wenn ich einst „alt bin“, kann ich sicherlich von diesen großartigen Erlebnissen zehren und mit den wunderbaren Reiseerinnerungen wenigstens innerlich beweglich bleiben.

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