Deutsche Nachkriegsliteratur

von Horst Glameyer

Deutschland, einst als Land der Dichter und Denker bewundert, dann als Land der Richter und Henker verschrien. Worüber können und sollen oder dürfen sie nach dem Zweiten Weltkrieg noch schreiben, die deutschsprachigen Dichter und Denker?

„Draußen vor der Tür“

Als dieses Heimkehrerdrama am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wurde, war sein Autor Wolfgang Borchert (1921 – 1947) tags zuvor im Alter von 26 Jahren in Basel verstorben. Der Spiegel schrieb: „Selten hat ein Theaterstück die Zuschauer so erschüttert wie Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür“. Im Gegensatz zu manch anderen zeitgenössischen Werken der Nachkriegsliteratur blieb es lebendig und wird weiterhin aufgeführt, gehört und gelesen. Aus Anlass des 75. Geburtstages Wolfgang Borcherts erschien 1996 eine Sondermarke der Bundesrepublik Deutschland mit seinem Porträt.
Wolfgang Borchert wurde mit 21 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und an der Ostfront schwer verwundet. Infolge seiner Kritik am NS-Regime verurteilte es ihn wegen sogenannter Wehrkraftzersetzung wiederholt zu Haftstrafen.

Paul Celan (1920 – 1970)

Der Dichter der Todesfuge entstammt der deutschsprachigen jüdischen Familie Antschel-Teitler und wurde in Czernowitz geboren. Aus Paul Antschel, rumänisch Ancel, wurde später das Anagramm Celan. Er studierte Medizin in Tours und Romanistik in Czernowitz. 1941 besetzten rumänische und deutsche Truppen die Stadt und zwangen die Juden in das örtliche Ghetto. Celans Eltern wurden in ein Lager in Transnistrien deportiert, in dem sein Vater an Typhus starb und seine Mutter erschossen wurde. Sein Leben lang hatte er das Empfinden, als hätte er seine Eltern  im Stich gelassen.
Die Todesfuge schrieb Celan 1944/45. Erstmals veröffentlicht wurde sie 1947.
Aus dem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ von Theodor W. Adorno, der 1949 geschrieben und 1951 veröffentlicht wurde, stammt der Satz: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Mit Blick auch auf die Todesfuge löste er  Diskussionen sowie Kritik aus.
Paul Celan starb vermutlich am 20. April 1970 in Paris.

Die letzte Strophe aus der Todesfuge:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

„Die Unfähigkeit zu trauern“

Unter diesem Titel veröffentlichten erst 1967 der Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Harbord Mitscherlich (1908-1982) und seine Frau Margarete (1917-2012) seine Erfahrungen aus der Beobachtung der Nürnberger „NS-Ärzteprozesse.“ Die Ärztekammern in den drei westlichen Besatzungszonen übertrugen ihm 1946 die Leitung einer Kommission zur Beobachtung dieser Prozesse. Er sollte alles unternehmen, damit in der Öffentlichkeit nicht der Begriff der Kollektivschuld auf die deutsche Ärzteschaft angewendet würde. Erschüttert berichtete Mitscherlich über die medizinischen Grausamkeiten in den Konzentrationslagern in mehreren Schriften und Büchern, die aber entweder (weil vermutlich unerwünscht) nicht veröffentlicht wurden oder kaum Beachtung fanden. Erst 1960 wurde die Prozess-Dokumentation von1949 erneut unter dem Titel Medizin ohne Menschlichkeit aufgelegt und fand diesmal große Beachtung.

Die Gruppe 47 (Von 1947 bis 1967)

Aus dieser Gruppe gingen nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche namhafte Schriftsteller hervor, unter ihnen die Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass. Die Gruppenmitglieder wollten auch sprachlich in der Literatur nach dem Ende der NS-Zeit neu beginnen, d.h. ihre Texte sollten fernab vom Pathos und der Propaganda einfach, sachlich und wahrhaftig sein. Bedingt durch die Kriegsfolgen und das Denken und Fühlen der Menschen im Nachkriegsdeutschland entstanden die Begriffe „Kahlschlag- und Trümmerliteratur“ für die nun veröffentlichten Kurzgeschichten und Romane.
Unter Hans Werner Richters (1908-1993) Leitung lasen sich die SchriftstellerInnen gegenseitig ihre Werke oder Auszüge daraus vor und kritisierten sie anschließend. Aus der anfänglichen Kollegenkritik entwickelte sich im Laufe der Jahre eine professionelle Literaturkritik. Bereits zu den ersten Gruppentreffen fanden sich Verleger sowie Vertreter aus Funk und Presse ein und machten die Gruppe 47 auch über Deutschlands Grenzen hinaus weltweit bekannt.

Ernst von Salomon (1902 - 1972)

Sein Roman „Der Fragebogen“ (veröffentlicht 1951) war der erste Bestseller der Nachkriegszeit. Der Autor beschreibt darin seine Erfahrungen mit den 131 Fragen, die er zwecks seiner Entnazifizierung beantworten musste und an die Entnazifizierungsbehörde zurückzusenden hatte.
Ernst von Salomon gehörte schon aufgrund seines Lebenslaufes nicht zur „Gruppe 47“. Er wurde in den Kadettenanstalten Karlsruhe und Berlin-Lichterfelde erzogen, war seit 1919 Freikorpskämpfer im Baltikum und in Oberschlesien.
Wegen Beihilfe zur Ermordung des Außenministers Walther Rathenau wurde er 1922 zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren verurteilt. Im März 1927 verurteilte man ihn zu eineinhalb Jahren Zuchthaus, weil er sich an einem versuchten Fememord beteiligt hatte. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er im Dezember desselben Jahres aus der Haft entlassen. Seinen ersten Roman „Die Geächteten“ veröffentlichte er 1930 und nahm 1961 in Tokio an der „Weltkonferenz gegen die Atombombe“ teil.

Ernst Jünger (1895 – 1998)

Bekannt als Schriftsteller wurde er vornehmlich durch seine 1920 im Selbstverlag veröffentlichte Tagebuchskizze “In Stahlgewittern“. Darin beschreibt er sehr ästhetisch seine Kriegserlebnisse als Offizier im Ersten Weltkrieg. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet.Auch im Zweiten Weltkrieg war Ernst Jünger Offizier und lehnte es 1945 ab, den „Fragebogen“ der Allierten zu beantworten. Von 1945 – 1949 darf er nichts publizieren. Danach erscheinen sein Roman „Heliopolis“ und im Laufe der Jahre weitere Werke. 1955 verleiht ihm die Stadt Bremen ihren Literaturpreis, 1959 wird ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten François Mitterand gedenkt  er 1984 in Verdun der Gefallenen des Ersten Weltkriegs und nimmt 1988 mit Helmut Kohl in Paris an der 25-Jahr-Feier des deutsch-französischen Vertrages teil.

Nachkriegsliteratur in der SBZ und der DDR

Mit der Vergangenheit setzten sich In der Sowjetischen Besatzungszone viele aus dem Exil zurückgekehrte AutorInnen auseinander, u.a. Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Anna Seghers und Arnold Zweig.
Nachdem 1949 die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik gegründet worden waren, trat nach und nach auch eine Spaltung in der Literatur ein. In der DDR entstand in den 50er Jahren der Sozialistische Realismus,  in dem die gesellschaftliche Wirklichkeit im Sinne der sozialistischen Weltanschauung dargestellt werden sollte.
1959 beschlossen die Teilnehmer an der Konferenz in Bitterfeld den „Bitterfelder Weg“. Schriftsteller und Arbeiter sollten voneinander lernen, wie sich die gesellschaftlich sozialistische Wirklichkeit literarisch beschreiben ließ.

Nelly Sachs (1891 – 1970)

Gemeinsam mit Samuel Joseph Agnon erhielt sie 1966 den Literaturnobelpreis „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren.“ Sie war eine jüdische deutsch-schwedische Lyrikerin und Schriftstellerin. Zusammen mit Ihrer Mutter konnte sie 1940 dem Holocaust nach Schweden entfliehen. Ihr Vater, der Erfinder und Fabrikant William Sachs, war schon 1930 an Krebs verstorben. Ihr erster Gedichtband „Legenden und Erzählungen“ erschien 1921. Nach dem Krieg wurden 1949 die beiden Bände „In den Wohnungen des Todes“ und „Sternenverdunkelung“ in Ostberlin veröffentlicht, dagegen nicht in Westdeutschland und der Schweiz. Erst gegen Ende der 50er Jahre wurden ihre Werke im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Der Südwestfunk sendete 1959 ihr Mysterienspiel „Eli“ als Hörspiel.

Anna Seghers (1900 – 1983)

„Anna Seghers: Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau, Mutter. Jedem  dieser Worte denke man nach“, schrieb Christa Wolf u.a. über diese große Erzählerin. In Mainz geboren, kam sie 1925 nach Berlin, war jungverheiratet und promoviert. Ihr bürgerlicher Name lautete Netty Radvanyi, geb. Reiling. Für ihre Erzählungen „Grubetsch“ und „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ erhielt sie 1928 den Kleist-Preis. Als auch ihre Bücher im Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, floh sie über Paris und Marseille nach Mexiko. Im Exil erschien 1942 in Boston ihr später in Hollywood verfilmter Roman „Das siebte Kreuz“ auf Englisch. Er war zum Bestseller geworden. Für diesen Roman wurde ihr 1947 der Georg-Büchner-Preis verliehen. Im Frühjahr 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück. Im Exil wie in der Nachkriegszeit schrieb sie viele Erzählungen. Von 1952 bis 1978 war sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR.

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