Der Lesehunger im Nachkriegsdeutschland

von Erna Subklew

Während ich mich gut daran erinnere, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in unserer Familie recht schnell eine Tageszeitung gab, die zunächst nur an bestimmten Tagen erschien, habe ich es noch Anfang der 50er Jahre als Mangel empfunden, keine Bücher kaufen zu können.

Jahre ohne Bücher

Nach ungefähr 18 Monaten Lagerleben bekamen wir als Familie eine Wohnung in einem neu angesiedelten Flüchtlingsdorf. Natürlich war es sehr schwer, die Wohnung einzurichten, und wir lebten noch lange Jahre in geschenkten Möbeln. Aber dass ich ein Buch geschenkt bekomme hätte, daran kann ich mich gar nicht erinnern.
In diesem Ort hatte sowieso kaum jemand ein Buch. Da ich aber sehr gern las, habe ich es noch gut im Gedächtnis, wie ich nach der Arbeit schnell zum Nachbarn hinüber huschte, ob er vielleicht doch noch ein Buch hatte, das ich nicht kannte. Diese Familie war nämlich mit einem Trecker geflüchtet und hatte auch einige Bücher mitnehmen können.
Vielleicht lag das Fehlen von Büchern aber auch daran, dass nur wenige Bücher verlegt wurden und wir einfach nicht das Geld hatten, uns ein Buch zu kaufen.
Tageszeitung und Radio blieben noch lange Zeit die einzigen Informations- aber auch Kulturträger.

Die Leihbüchereien

In den 50er Jahren wurde das Flüchtlingsdorf, nicht gerade zu unserer Freude, wieder abgesiedelt. Heute findet man an diesem Ort nur noch einen großen Wald. Wir verließen das Dorf als eine der ersten Familien. Als unseren künftigen Lebensunterhalt hatten wir uns den Betrieb zweier Leihbüchereien ausgesucht. Natürlich waren wir keine ausgebildeten Buchhändler, eben so wenig, wie wir davor ausgebildete Bauern waren.

Ein neuer Beruf

Was mag uns dazu bewogen haben, gerade eine Leihbücherei zu übernehmen?
Was ist überhaupt eine Leihbücherei?
Allgemein betrachtet ist jede Bibliothek, in der man sich Bücher ausleihen kann, eine Leihbibliothek. Von einer Leihbücherei aber spricht man dann, wenn das Ausleihen von Büchern erwerbsmäßig geschieht, im Gegensatz zur Öffentlichen Bücherei, die von einer Institution betrieben wird und deren Mitglied man wird und aufgrund dieser Mitgliedschaft sich die Bücher ausleiht.
Leihbüchereien gibt es bereits seit der Aufklärung und sie waren zunächst enzyklopädisch angelegt, ehe sie auch die Unterhaltungsromane in ihren Bestand aufnahmen. Es hat immer mehr Menschen gegeben, die Informationen aus Büchern brauchten, die sie sich aber nicht kaufen konnten. Am Ende des 19. Jahrhunderts, als die ersten Romane in Zeitungen erschienen, fanden diese auch Eingang in die Leihbüchereien.

Ralph Waldo Emersons Ansicht über Leihbüchereien:

„Welche Bücher werden von den Leihbibliotheken am meisten verliehen? Mit welcher glühenden Teilnahme lesen wir diese Liebesromane, wenn die Geschichte nur mit einem Funken von Wahrheit und Natürlichkeit erzählt ist! Und was fesselt im Getriebe des Lebens die Aufmerksamkeit wie irgendein Vorgang, woraus die Liebe zweier Menschen spricht? Vielleicht sahen wir sie nie vorher und werden ihnen niemals wieder begegnen. Aber wir sehen sie einen schnellen Blick austauschen oder eine tiefe Bewegung verraten, und wir sind uns nicht länger fremd. Wir verstehen sie und nehmen das wärmste Interesse an der Entwicklung des Romans. Die ganze Menschheit liebt einen Liebenden“.
(Gedanken von R. W. Emerson, unitarischer Pastor und Philosoph am Ende des 19.Jahrhunderts)

Die Leihbüchereien

Die  Standorte der bekanntesten Leihbüchereien waren am Anfang des 20. Jahrhunderts in London, Berlin, Wien und Frankfurt.  Oft waren sie damals einer Bücherei angeschlossen.
Nachdem die Leihbüchereien auch Unterhaltungsliteratur in ihren Bestand aufgenommen hatten, wurden sie zu einer Bibliothek für die ganze Familie. Die Frauen holten sich dort ihre „Frauenromane“, Bücher mit denen sie ihren Alltag vergessen konnten. Die Männer wurden zu Helden der Abenteuerromane, fühlten sich als Bewohner einer zukünftigen Welt in den Zukunftsromanen. Daneben aber gab es auch die Neuerscheinungen. Die Kinder lernten dort die Heldensagen kennen, und nach dem Krieg gab es auch die Bücher von Kästner, Astrid Lindgren und Anderen.

Leihbüchereien im Nationalsozialismus

1932 gab es in Deutschland zwischen 10.000 – 18.000 Leihbüchereien. Die Leihbuchhändler waren im „Reichsverband deutscher Leihbuchhändler“ oder im „Deutschen Leihbüchereigewerbe“  oder in der „Vereinigung deutscher Leihbuchhändler“ organisiert und von der Reichsschriftumskammer anerkannt.
Die Anerkennung brachte eine Aufwertung der Büchereien und eine Regulierung der Leihgebühren. Gleichzeitig konnte die Aufwertung auch zur Überwachung genutzt werden.

Der Niedergang der Leihbüchereien

Nach dem Kriege gab es zunächst einen Boom der Leihbüchereien, so wird ihre Zahl bei Wikipedia 1960 mit 28.000 angegeben. Aber es zeichneten sich schon Formen des Niederganges ab. Die Öffentlichen Büchereien liehen ihre Bücher zu einem weit niedrigeren Entgelt aus, als es die gewerblichen konnten. Teilweise brauchte man nur einen Jahresbeitrag von 10,00 DM in den Öffentlichen Büchereien zu entrichten, was die Leihbüchereien natürlich nicht machen konnten, da sie von den Leihgebühren leben mussten.
Zwar hatte man den Vorteil, dass die gewerbliche Leihbücherei die wichtigsten Neuerscheinungen der Buchmesse sofort im Verleih hatte, was die Stadtbüchereien noch heute nicht haben. Es sei denn, die Kommune steht finanziell gut da. Da aber 16 Ausleihen erst dem Verkauf eines Buches entsprachen, musste sehr gut überlegt werden, was eingekauft wurde. Von Nachteil waren die weitere Verbreitung von Radio und Fernsehen und die Möglichkeit, das Buch nach einiger Zeit als Taschenbuch kaufen zu können.

Das Ende

Die Leihbuchhändler hatten nach dem Krieg noch einmal von 1960 – 1973 eine eigene Organisation. Das Ende dieser Organisation bedeutete auch das Ende dieser Art von Buchausleihe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es heute noch irgendwo eine Leihbücherei gibt.
Es stimmt etwas traurig, dass eine Institution, die den Menschen in schwerer Zeit  viel Freude gab und half, ihr Leben zu meistern, so völlig verschwunden ist.

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