Tod, Trauer und Beerdigung im Judentum

Von Wolfgang Heumann

Die Gebräuche um Tod und Bestattung im Judentum sind uns fremd und erschließen sich uns erst bei genauerer Betrachtung.

Traditionen

Sie haben sich nach den verschiedenen religiösen Traditionen im Judentum unterschiedlich entwickelt. Die Morde der Shoa haben einen Bruch bei den tradierten Formen bewirkt. Veränderungen der alten Riten mögen auch durch das Erstarken der liberalen Gemeinden und den Zuzug von Juden aus den GUS- Staaten entstanden sein.

Wenn man also von Sitten und Gebräuchen um Tod und Beerdigung spricht, so meint man meist die Bräuche, die bei observanten Gläubigen oft auch heute noch üblich sind. Sie sind so vielfältig, dass man sich an dieser Stelle auf eine kursorische und knappe Schilderung beschränken muss.

Umgang mit Sterbenden

Der Umgang mit Sterben und Tod wird wesentlich davon bestimmt, was man nach dem Tod erwartet. Seit Maimonides gilt grundsätzlich der Glaube „dass die Toten wiederbelebt werden zu der Zeit, da es der Wille des Schöpfers, gelobt sei sein Name, sein wird“. Beim Sterben gibt der Mensch seine Seele zurück an seinen Schöpfer. Das ist die Voraussetzung für den Beginn eines neuen Lebens, das nie enden wird. Auch der Leib wird erweckt und wieder mit der Seele vereinigt. Der Sterbende soll wissen, wie es um ihn steht, damit er seine Sünden mit dem „Vidui“, dem Sündenbekenntnis aus den Gebeten des Jom Kippur, erlassen bekommen kann und noch einmal anerkennt, dass Leben und Tod in der Hand seines Schöpfers liegen.

Er bleibt nicht allein, man betet und wacht bei und mit ihm. Wenn der Tod endgültig naht, spricht man mit dem Sterbenden das „Shma Israel –Höre Israel, unser Herr ist einig, einzig“ so lange, bis der Tod eintritt.

Umgang mit dem Toten

Nach dem Aufhören der Atmung wartet man eine kurze Zeit und legt dann eine Feder auf die Lippen, um das Sistieren der Atmung zu kontrollieren. Die Augen werden geschlossen und als letztes Gebet das „Baruch Dajan HaEmet - Gelobt sei der wahrhaftige Richter" — gesprochen.

Der „Malach ha Mawet“, der Todesengel, der bisher am Bett gewacht hat, ist gegangen und hat die Seele mitgenommen.

Auch dem Körper, den die Seele verlassen hat, wird Ehrfurcht und Respekt entgegengebracht. Autopsien sind ebenso verboten wie Einbalsamierungen und Feuerbestattungen.

Der Körper wird auf den Fußboden gelegt und mit einem weißen Tuch bedeckt. Bei allen Verrichtungen und bei der Totenwache wird gebetet.

Vorbereitung der Beerdigung

Als Vorbereitung auf die Beerdigung wird der Leichnam rituell gereinigt. Diese Aufgabe übernehmen Männer und Frauen der „Chewra Kaddisha“, je für das eigene Geschlecht. Es ist eine Ehre, dieser „Heiligen Gesellschaft“ anzugehören.

Der Tote wird mit einem einfachen weißen Leinenhemd bekleidet. Manchmal handelt es sich um das Hemd, das bei der Hochzeit und zu hohen Feiertagen getragen wurde.

Ein schlichter Sarg wird mit einem Laken ausgelegt, bei Männern wird der Tallith, der Gebetsmantel, ausgelegt. Der Tote wird in den Sarg gelegt und in die Tücher gehüllt. In den Sarg gibt man einen Beutel mit etwas Erde aus dem Land Israel. Ein wenig der Erde wird über dem Verstorbenen verstreut. Man entfernt eine Quaste vom Gebetsmantel. Der Sarg wird geschlossen.

Auf dem Sarg wird eine Kerze als „Ewiges Licht“ entzündet. Es brennt im Hause des Verstorbenen ein Jahr lang.

Die Beerdigung

An einer Beerdigung teilzunehmen, ist eine Ehrenbezeugung für den Toten. Wer achtlos an einem Leichenzug vorbeigeht, verhöhnt nach den Worten der Thorah seinen Schöpfer.

In manchen Gemeinden ist es üblich, dass die Frauen nicht mit zur Beerdigung gehen, weil das Zeigen von großem Schmerz am Grab nicht erwünscht ist.

Auf dem Friedhof, dem „Guten Ort“ oder „Wohnung der Lebenden“ wird das Grab erst am Tag der Beerdigung ausgehoben. Es findet eine Andacht statt. Die trauernden Verwandten reißen ein kleines Stück ihrer Kleidung ein.

Eine Lobrede am Grabe ist nicht überall üblich.

Der Sarg wird in das Grab gesenkt, das Gesicht zeigt in Richtung Jerusalem, das „Shma“ wird noch einmal gesprochen. Dann wird von jedem Trauernden dreimal mit einer Schaufel Erde auf den Sarg geworfen.

Dann wird das „Kaddisch“, das alte Totengebet in aramäischer Sprache- gesprochen.

„Kaddisch“ wird von jetzt an von den Kindern ein Jahr lang jeden Tag, danach an jedem Todestag, gesprochen.

Nach der Beerdigung

Beim Verlassen des Friedhofs gehen die Verwandten durch ein Spalier der Trauergäste. Diese sprechen Worte des Trostes aus der Thorah.

Im Hause des Verstorbenen wird für die trauernde Familie von den Nachbarn ein sparsames Mahl bereitet. Ein Leichenbegängnis wie im Christentum ist nicht üblich. Die „Chewra Kaddisha“ oder die Nachbarn übernehmen in den nächsten Tagen die Versorgung der Trauernden mit Essen.

Die Trauerzeit

Eine Woche, sieben Tage lang sitzen die nahen Verwandten jetzt „Shiwa“ –hebräisch für die Zahl Sieben. Die Trauernden verlassen ihr Haus nicht, man besucht sie, um mit ihnen zu beten und um sie zu versorgen. Auch das ist die Aufgabe der „Chewra Kaddisha“. Die Trauernden sitzen auf dem Boden oder auf niedrigen Stühlen.. Sie tragen keine Lederschuhe, rasieren und frisieren sich nicht, tragen keinen Schmuck. Die Spiegel sind verhängt.

Es schließt sich eine Trauerzeit an, die für Vater und Mutter ein ganzes Jahr, für alle anderen Verwandten 30 Tage beträgt.

Nach der Trauerzeit

Der Grabstein wird nach einem Jahr aufgestellt.

Blumen sind auf den Gräbern nicht üblich, die Grabsteine sind eher schlicht. Auf den Grabsteinen werden kleine Steine abgelegt, wohl als Zeichen, dass man an den Verstorbenen denkt.

Eine Auflösung des Grabes, wie auf christlichen Friedhöfen üblich, ist auf jüdischen Friedhöfen undenkbar. Das Grab ist für die Zeit bis zur Auferstehung angelegt.

Die Gestaltung der Grabsteine ist und war immer von modischen Strömungen, aber auch von der Grabkultur der Umgebung, abhängig. Sephardische Gräber unterscheiden sich mit ihren Grabplatten deutlich von den aschkenasischen Gräbern. Die ursprünglich geforderte Schlichtheit der Grabstellen wird nicht immer beachtet. An die neuerdings häufig aufgestellten bunten Grabsteine mit Blumen und anderem Zierrat wird man sich im Laufe der Zeit sicher gewöhnen.

Quellen und Links

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, findet hier Material:

De Vries, Jüdische Riten und Symbole, Wiesbaden, 1982, ISBN-13: 978-3499187582

Hüttenmeister, Tod und Bestattung im Judentum, Steinheim Institut Duisburg Lessing Gymnasium Döbeln, Jüdische Geschichte und Kultur

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