Sterben in der Türkei

Von Erna Subklew

Bedeutende Feste im Leben der Menschen sind stark von ihrer Kultur, Religion ja selbst von Ihrer Umwelt abhängig. Daher gibt es viel Unverständnis, wenn Minderheiten ein Begräbnis nach ihren Bräuchen fordern. Türken in Deutschland überführen noch nach fünfzig Jahren ihre Toten in die Türkei.

Ankündigung des Todes

Es war in Fethiye, einem eher kleinen Ort an der Ägäis. Plötzlich hörte man gegen 11.00 Uhr, also zu einer eher ungewöhnlichen Zeit, vom Minarett die Rufe des Muezzins. Zunächst sprach er ein Gebet, um dann die Nachricht zu verkünden: „Heute Morgen gegen vier Uhr ist unser Bruder Ali gestorben. Am Nachmittag um sechzehn Uhr findet seine Beerdigung statt.“ Nach nochmaligem Wiederholen der Nachricht schloss er mit den Worten: „Fatiha Ruhuna“ – Friede seiner Seele.

Es kam mir etwas ungewöhnlich vor, dass der Tote so schnell beerdigt werden sollte. Gab es nicht in Deutschland das Gesetz, dass frühestens ein Toter nach 48 Stunden beerdigt werden durfte? Wie aber ist es in der Türkei, bei den Angehörigen des sunnitischen Islams?

Beerdigung

In der Türkei muss die Beerdigung möglichst innerhalb eines Tages erfolgen. Der Tote sollte nach dem nächsten Mittagsgebet beerdigt sein. Er wird auf dem Friedhof vor dem Gebetsraum aufgebahrt. Nach einem Abschiedsgebet, sowohl vom Imam als auch den Gläubigen gesprochen, wird der Tote von Männern zu Grabe getragen. Er ist nackt in ein weißes Leichentuch gehüllt. Ältere türkische Männer und Frauen haben dieses Totentuch meist schon lange vor ihrem Tod zu Hause in der Schublade liegen.

Zum Transport wird der Tote in einen Sarg aus rohen Holz gelegt, der bei Männern mit einem grünen Tuch oder mit einer Flagge bedeckt ist.

Bei den Frauen kommt auf das grüne Tuch ihr Kopftuch. Die Farbe der Decke ist grün, da dies die Farbe des Propheten ist. Da alle Frauen beim Beten ein Kopftuch tragen, besitzt auch die emanzipierte Türkin ein Kopftuch.

Der Sarg muss rohen Holz sein, da das Holz nicht mit Feuer in Berührung gekommen sein darf.

Vorbereitung auf die Grablegung

Wie gesagt, dürfen Tote in Deutschland erst nach einer Frist von 48 Stunden begraben werden. Dies dient dazu, festzustellen an was die Toten gestorben sind und einen möglichen Scheintod auszuschließen.

Das Gebot die Moslems innerhalb von 24 Stunden zu begraben, steht wahrscheinlich mit dem Klima der Länder in Verbindung, in denen der Islam seinen Ursprung hat. Die Hitze macht dies erforderlich. Um trotzdem keinen Scheintoten zu begraben, wird eine Totenwaschung durchgeführt, die den Rang eines Gebetes hat.

Wie vor jedem Gebet ist die Waschung rituelles Handeln.

In der Nähe jeder Moschee gibt es einen Waschstein, auf den der Tote gelegt wird und mit viel Wasser und einer Wurzelbürste gewaschen wird. Die Waschungen werden jeweils von Angehörigen des gleichen Geschlechts durchgeführt. Danach werden die Toten in einer bestimmten Art ins Leichentuch gewickelt , das mit drei um den Körper gewickelten Bändern festgehalten wird. Im Ausland übernehmen oft Ehrenamtliche diesen Dienst für ihre Glaubensrichtung.

Die Zeremonie

Am Grab wird dem Moslem vom Imam noch einmal das Glaubensbekenntnis, das ihn während seines ganzen Lebens begleitet hat, gesprochen, ehe der Tote ohne Sarg ins Grab gelegt wird. Eine in die Erde gegrabene Nische wird dabei bevorzugt, damit der Tote auf der Seite liegend, mit dem Blick nach Mekka beerdigt werden kann.

Nach der Grablegung werfen die Trauernden drei Hände voll Erde ins Grab.

Die Moslems glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Das nochmalige Sprechen des Glaubensbekenntnisses soll dem Toten helfen, die Fragen der Todesengel nach dem Glauben richtig zu beantworten.

Der Auferstehungsglaube mit Leib und Seele führt auch dazu, dass ein Verbrennen nach dem Tod tabu ist.

Die Trauergemeinschaft

Ursprünglich begleiteten nur Männer den Sarg. Eine Lehrerin erzählte mir, dass sie beim Begräbnis ihres Mannes am Rande des Friedhofes stehen bleiben musste. Heute scheint es so zu sein, dass man in verschiedenen Gegenden auch Frauen teilnehmen lässt.

Es ist Brauch, die Trauernden in der Wohnung aufzusuchen und sein Mitgefühl und die Betroffenheit auszudrücken. Der Schmerz wird gemeinsam getragen. Nahe Bekannte und Verwandte bringen bei den Besuchen der Familie des Verstorbenen Essen. Auch für die Bewirtung der Kondolierenden sorgen sie.

Nur vereinzelt ist es üblich, dem Verstorbenen zu Ehren Totengesänge und Totenklagen anzustimmen. Am 40. Tage nach der Beerdigung ist es aber Brauch, dass die Frauen der Familie zu einem Mevlut – einer Gedenkfeier - zusammenkommen. In Anwesenheit eines Hodschas gedenken die Teilnehmer des Toten und beten und essen gemeinsam. Damit ist die Trauerzeit beendet.

Der Friedhof

Ein Moslem sollte unter Glaubensgeschwistern beerdigt werden. Daher besteht die Forderung der Türken, eigene Friedhöfe zu haben, was man ihnen in Deutschland nicht immer gewährt. Sollte dies nicht möglich sein, wollen sie wenigstens eine durch eine Mauer vom übrigen Friedhof abgeteilte Fläche besitzen. Jedes Grab wird in der Regel nur einmal belegt. Das führt dazu, dass Friedhöfe in großen Städten der Türkei sehr weit draußen liegen. Früher zeigten die Grabsteine an, wenn man auf einem Friedhof war. Es gab keinen Blumenschmuck und man sagte, wenn der Stein umfiele, der Verstorbene im Himmel sei. Heute ähneln die türkischen Friedhöfe den unseren. Vor allem die Friedhöfe in touristischen Orten und diejenigen, die historisch bekannt sind, werden gepflegt und sind teilweise auch mit Blumen geschmückt. Kerzen auf die Gräber zu stellen, entspricht nicht dem Islam.

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