Das Michaelisfest

Von Ute Lenke

Es ist nicht allzu bekannt, aber in einigen Gegenden Deutschlands wird es noch gefeiert, in anderen ist es vergessen, in europäischen Ländern ist es zum Teil Tradition: das Michaelis- oder Michaelifest am 29. September.

Was ist das für ein Fest, woher stammt es und hat es überhaupt noch Bedeutung für unsere Zeit?

Erzengel Michael

Michael ist der Name eines der Erzengel, von dem es im Neuen Testament heißt: „Im Himmel entbrannte ein Kampf; Michael und sein Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satanas heißt und die ganze Welt verführt, der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinab geworfen.“ (Offb. Joh. 12,7)

Im Christentum gilt Michael als Bezwinger des Teufels und als Anführer der himmlischen Heerscharen, der mit seiner Posaune am Tag des Jüngsten Gerichts die Toten aus ihren Gräbern erweckt und mit seiner Seelenwaage abwägt, wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle hinabstürzt. Daraus entstand im Volksglauben seine Rolle als Fürbitter des Menschen vor Gott, als Engel des christlichen Volkes, als Beistand der Sterbenden, der die Seelen der Verstorbenen in den Himmel geleitet.

Darstellung in der Kunst

Zahlreiche Abbildungen in der Kunst, Statuen, Altargemälde, die ihn mit Posaune, Schwert und Waage zeigen, lassen ahnen, welche Bedeutung er in der christlichen Kirche und im Volksglauben hatte. Die Engelsabbilder auf alten Grabmälern der Friedhöfe stellen den Erzengel Michael dar. Viele Städte haben ihn in ihrem Stadtwappen; Kirchen und Heiligtümer, Orden und Bruderschaften sind ihm geweiht. Die Michaeliskirche in Hildesheim, eine der ältesten romanischen Bischofskirchen in Deutschland, wurde im Jahre 1015 am 29. September, dem Michaelstag, durch Bischof Bernward geweiht.

Namenspatron

Als Anführer der himmlischen Heerscharen gilt der Erzengel Michael auch als Patron der Soldaten (heute besonders der Fallschirmjäger) und soll in verschiedene Schlachten eingegriffen haben. Eine dieser Schlachten ist besonders zu erwähnen: die Schlacht am Lechfeld gegen die Ungarn im Jahre 955. Der Sieg über die Ungarn mit Michaels Hilfe ermöglichte Otto dem. Großen seine Vorherrschaft durchzusetzen und in der Folge die Kaiserkrone zu gewinnen. Zum Dank bestimmte Otto den Erzengel zum Patron des Hl. Römischen Reiches deutscher Nation. Der Michaelistag am 29.September wurde somit – wenn man es so nennen will – zum ersten Nationalfeiertag der Deutschen. Ob allerdings der Spitzname „Deutscher Michel“ darauf zurückzuführen ist, ist in der Wissenschaft umstritten – denkbar wäre es immerhin.

Der Gedenktag

Schon im Jahre 493 hatte Papst Gelasius I. den 29. September zum Festtag für den Hl. Michael und alle Engel erklärt; es war der Weihetag der Michaelskirche an der Via Salaria in Rom. Bis heute wird dieser Festtag von den römisch-katholischen, anglikanischen und protestantischen Kirchen begangen; die protestantische Kirche feiert am Sonntag nach dem Michaelstag das Erntedankfest. Auf der Mainzer Synode 813 wurde dann der 29.September auf Wunsch Ludwigs des Frommen endgültig als Michaelistag festgelegt; der Grund: für die Germanen war der 29. September der Tag des Herbstbeginns und wurde mit Opfergaben für den Gott Wotan entsprechend (be-)rauschend gefeiert. Diesem heidnischen Treiben sollte ein für alle Mal ein Ende bereitet werden, indem der Tag einem christlichen Heiligen gewidmet wurde.

Im Volksbrauch

Eine so populäre Gestalt wie der Erzengel Michael hat natürlich auch im Denken und Handeln des Volkes und im profanen Alltag Spuren hinterlassen. Welche Bräuche haben sich rund um das Michaelisfest erhalten?

Spruchweisheiten verkünden: „Der Michel zündt´s Licht an“. Das heißt, mit dem Michaelistag beginnt die dunkle Jahreszeit, man muss bei der Arbeit Licht anzünden. Die Gärtner sagten:“ Ein Baum gepflanzt St.Michael, der wächst von Stund an auf Befehl. Ein Baum, gepflanzt an Lichtmess erst (2.Februar und offizielles Ende der dunklen Jahreszeit), sieh zu, wie du den wachsen lehrst“. Eine Wetterregel lautet: „Regnet´s sanft am Micheltag, folgt ein milder Winter nach“. „Kommt Michel heiter und schön, wird‘s noch 4 Wochen so weiter gehen“, andererseits: „Gibt’s Michaeli Sonnenschein, wird in 2 Wochen Winter sein“; oder aber: „Bringt St. Michael Regen, kannst du gleich den Pelz anlegen“. Für die Bauern in Zeiten ohne elektrisches Licht, Erntemaschinen und Wettervorhersagen aus dem Fernsehen waren solche Wetterregeln wichtig.

Herbstbeginn

Der Michaelistag markierte nicht nur den Beginn der dunklen Jahreszeit, sondern damit auch den Herbstanfang und den Start in eine recht arbeitsreiche Zeit. Die Ernte musste eingebracht, die Felder für die Wintersaat neu bestellt werden, Frauen und Mägde mussten Vorräte für den Winter anlegen, Wolle und Flachs spinnen.

Aber wer hart arbeitet darf auch feiern, und so heißt es: „es sei am Michaelitage Kirchweihe im Himmel wie auf Erden“. Am Micheltag, wie er in manchen Gegenden genannt wurde, wurde nicht gearbeitet. Der Bauer lud das Gesinde zum Essen, traditionellerweise der Michelgans. Gegen die bösen Geister der aufziehenden Dunkelheit wurden Michelfeuer entzündet und vielerorts gab es Kirchweihfeste und Märkte. Am bekanntesten ist wohl noch heute der Dürkheimer Michaelismarkt, auch als Dürkheimer Wurstfest bekannt und angeblich das größte Weinfest der Welt.

Zahltag

Der Micheltag war auch ein anderer wichtiger Termin im Jahresverlauf: Steuerabgaben waren fällig, das Gesinde wurde entlohnt, eventuell gewechselt oder entlassen. Heute ist der Micheltag fast in Vergessenheit geraten, aber seine Bräuche sind uns bekannt und werden an anderen Tagen gefeiert, wie die „Martinsgans“ oder die „Osterfeuer“.

Anthroposophie

Nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt ist die Bedeutung des „Michaelitages“ bei den Anthroposophen. In der anthroposophischen Philosophie Rudolf Steiners steht Michael innerhalb einer Hierarchie von Erzengeln. Zusammen mit den Festen St. Martin am 11. November und St. Nikolaus am 6. Dezember bildet das Michaelifest am 29. September als erstes den Beginn einer Dreiheit, die auf Weihnachten hinführt. Die auf Steiners Ideen zurückzuführenden Waldorfschulen feiern daher diese Feste besonders.

Lichtgestalt

Der Heilige Michael steht dabei für den Mut, St. Martin für das Mitgefühl und St. Nikolaus für das Gewissen – Tugenden, die in der Waldorfpädagogik besonders gefordert und gefördert werden. Drei Feiertage also, die beginnend mit dem mutigen Tun über das brüderliche Mitfühlen bis zum gewissenhaften Denken Licht in die Dunkelheit tragen und auf Weihnachten vorbereiten sollen.

Vorbild

Das Michaelifest fällt in die Herbst- und Erntezeit; anders als in den Volksbräuchen sehen die Anthroposophen hierin vor allem den ewigen Kreislauf der Natur: die Natur zieht sich zurück und hinterlässt den Menschen als Geschenke Samen und Früchte. Es ist die Zeit des Abschieds von der Fülle und Wärme des Sommers und der Beginn der Dunkelheit. Der Herbst verlangt den Menschen Vertrauen und Mut ab, daran zu glauben, dass das Absterben der Natur nur vorübergehend und ein Wiedererwachen im Frühling möglich ist. Es ist die Zeit der inneren Einkehr, in der der Mensch die innere Wärme und inneres Licht sich selbst schaffen muss. Dazu braucht er Mut und für diesen Mut steht das Michaelifest.

Festtag

Das Schulfest, dass in den Waldorfschulen zum Michaelitag gefeiert wird, richtet sich vor allem an die „Kleinen“: Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zur 8.Klasse. Es sind dabei allerlei Mutproben zu bestehen wie Drachen besiegen, Brezelstechen und ähnliches; auch Erntebräuche, etwa das gemeinsame Backen und anschließende Verzehren des „Michaelibrotes“ aus – wie in den Waldorfschulen üblich - selbst hergestelltem Vollkornmehl sollen den Kindern das Gefühl vermitteln, etwas von der Kraft und dem Mut des Erzengels in sich aufzunehmen.

Bedeutung heute

Michael ist nicht nur bei den Christen, den östlichen wie den westlichen, sondern auch im Judentum und im Islam ein gefeierter Heiliger, Namensgeber und Schutzpatron. An dieser Stelle konnte nur ein kleiner, eng begrenzter Teil der Bedeutung eines Festtages, der dem Erzengel Michael gewidmet ist, beleuchtet werden. Als Anlass für einen im Jahresverlauf wichtigen Festtag ist er fast vergessen, als Kirmesbrauch lebt er unerkannt weiter; in der Anthroposophie wird er verehrt und in der Gegenwart schließlich ist er der Held und Titelfigur zahlreicher literarischer Werke; selbst die moderne Filmindustrie greift die Geschichte vom mutigen Kämpfer gegen das Böse auf, ohne zu ahnen, welche mythologische Figur dahinter steckt.

Zum Nachlesen

Becker-Huberti, Manfred: Lexikon der Bräuche und Feste, 2007

Wenn es mir gelungen ist, Neugier und Interesse zu wecken, dann empfehle ich für das Nach- und Weiterlesen den sehr ausführlichen Artikel auf Wikipedia

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