Das Frühlingsopfer

Von Anne Pöttgen

Eine großartige künstlerische Darstellung uralter Frühlingsbräuche ist das Ballett „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky.

Skandal

Das Theater, Foto Pline, by-sa

Die Opferung einer jungen Frau als Dank für den Frühlingsgott gehört in die ferne Vergangenheit des Menschen, aber das war es nicht, was das Pariser Publikum empörte.

Auf revolutionäre Musik und chaotische Choreographie war niemand bei der Ankündigung eines neuen Balletts von Strawinsky vorbereitet. Das Publikum kannte die Ballette „Feuervogel“ und „Petruschka“ und hatte sie begeistert gefeiert. Die Balletttruppe der Ballets Russes war anerkannt und beliebt.

Die chaotische Choreographie Nijinskys entsprang der Idee von einem archaischen Fest. Die Kostüme von Nicholas Roerig lehnten sich an russische Trachten an. Alles war ungewöhnlich an diesem Abend des 29. Mai 1913: Niemand hatte je eine solche Musik gehört.

Lauter noch als die avantgardistische Musik Strawinskys war allerdings das Lärmen des Publikums. Ein Theaterskandal. War er geplant? Bereits bei den ersten Tönen der Musik gab es einen Aufruhr im Parkett, was unbegreiflich ist, wenn man die wunderbaren Fagotttöne heute hört.

Inhalt

Foto Dalbera by-sa

Ob Strawinsky tatsächlich alte russische Mythen kannte, die von Jungfrauenopfern erzählten, habe ich leider nicht herausfinden können. Es genügte ja auch die Idee davon. Dank an den Frühlingsgott wurde schon in frühen Zeiten mit Prozessionen über die Felder zelebriert. Im Sacre du Printemps wird im ersten Teil die Erde gefeiert, der zweite Teil zeigt das Opfer.

Die Vorboten des Frühlings, ein Tanz der jungen Mädchen, ein Frühlingsreigen, es kommt zu einem Kampf der Stämme, dann eine Prozession der Alten, ein Greis küsst die Erde, nach diesem Ritual folgt der Tanz der Erde.

Der zweite Teil beginnt mit einem langsamen mystischen Reigen der jungen Mädchen, eines der Mädchen, die Auserwählte steht plötzlich allein im Kreis, die Ahnen werden angerufen. Die Auserwählte beginnt ihren Tanz, gerät mehr und mehr in die erhoffte Ekstase, die sie alles vergessen lässt, auch die Möglichkeit des Sterbens.

Prominenz am Frühlingsabend 1913

Der Komponist

Nicht nur der Komponist des Sacre du Printemps war 1913 bekannt und geschätzt, auch die Ballets Russes mit ihrem Impresario Sergej Diaghilew hatten einen guten Ruf; nicht zuletzt der Tänzer und Choreograph Vaclav Nijinsky. Nicholas Roerich, ein vielseitiger Künstler, der mit für das Libretto verantwortlich war und sowohl das Bühnenbild als auch die Kostüme schuf, war ein in Russland bekannter Mann, ein Freund Strawinskys. Der Dirigent, Monteux, und das Orchester waren neu im Théatre des Champs-Élisées, sie hatten schon bei der Generalprobe von der Befürchtung gehört, es könnte einen Skandal geben.

Mit im Publikum saßen Cocteau, Gide, Debussy, Ravel, und zahlreiche andere bekannte Künstler und Kunstinteressierte.

Aber auch Tous Paris: „Das glänzendste Haus, das ich in Paris je gesehen habe, Aristokratie, Diplomaten, Halbwelt,“ so Graf Kessler.

Ein Presseurteil

Der Choreograph

„Vaslav Nijinskys Choreografie zu Le Sacre du Printemps wurde strukturiert von Bewegungsmustern auf der Basis einfacher geometrischer Figuren wie Kreise, Dreiecke, Linien und Winkel. Indem diese Bewegungsmuster in langen Abfolgen wiederholt und allmählich transformiert oder abrupt von anderen choreografischen Figurationen unterbrochen wurden, reflektierten sie sowohl den repetitiven Charakter von Igor Stravinskys Musik als auch den Gebrauch von Ornament und Farbe in Nicholas Roerichs Kostümdesign.

Le Sacre du Printemps ist ein Stück aus der primitiven Welt, das sich erhalten hat, ohne zu altern, und das weiterhin vor unseren Augen geheimnisvoll atmet, mit seinen Bewohnern und seiner Flora. Es ist ein wogendes Rudiment der Vergangenheit, zerfressen von einem vertrauten und ungeheuerlichen Leben. Es ist ein Stein voller Löcher, aus dem unbekanntes Ungeziefer kriecht, das sich in nicht entzifferbaren und längst überholten Beschäftigungen ergeht.“ (Jacques Rivière in La Nouvelle Francaise im November 1913).

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