Die Zeche Zollverein

von Ute Lenke

Die Zeche Zollverein ist ein markantes Beispiel für den Wandel in der Arbeitswelt, Einst eine der größten Kohleförderungsanlagen im Ruhrgebiet, machte auch vor ihr das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters nicht Halt. Sie wurde vor knapp 20 Jahren geschlossen.

Kurzer Blick in die Vergangenheit

Maschinenhalle mit Infostand
Maschinenhalle mit Infostand

In den 70er Jahren wurden in der im Essener Norden gelegenen Zeche noch täglich auf der „schwarzen“ Seite in 304 Öfen bei 1.250 Grad Celsius 10.000 t Kohle zu 8.600 t Koks verarbeitet. Die dabei entstehenden Gase wurden auf der „weißen“ Seite zu Ammoniak, Rohbenzol und Teer weiterverarbeitet.
In Spitzenzeiten hatte die Kokerei 1.000 Mitarbeiter.
Sie konnte trotz aller Rationalisierungsbemühungen dem Kostendruck ausländischer Kohleförderung nicht Stand halten. Am 23. Dezember 1986 fuhr die letzte Schicht nach 135 Jahren Bergbaubetrieb ein. Damit schloss die letzte der Essener Zechen ihre Tore. Am 30. Juni 1993 folgte die Kokerei.

Der Zollverein heute

Design-Zentrum NRW
Design-Zentrum NRW

Im Jahr 2001 wurde die Stadt Essen Kulturhauptstadt Europas und dafür mächtig herausgeputzt. Auch die alte ziemlich heruntergekommene Zeche Zollverein wurde fein gemacht, sollten doch in ihr zahlreiche Festakte, besonders die Eröffnungsfeier mit vielen Prominenten stattfinden. Aus der einstmals größten Kohlenförderungsanlage wurde ein Weltkulturerbe der UNESCO, ein lohnenswertes Ausflugsziel für Besucher von nah und fern mit vielfältigem kulturellem Angebot.
Hat man den gut ausgeschilderten Weg durch ehemalige Bergarbeiterwohngebiete gefunden, fällt als erstes ein großes, fast quadratisches weißes Gebäude mit kleinen Fenstern auf: das SANAA-Gebäude der Folkwang-Universität Essen, in dem Ausstellungs- und Arbeitsräume der Folkwang-Universität untergebracht sind. Das Gebäude ist der einzige Neubau auf dem Gelände und die Architektur erinnert an die Malakofftürme der ehemaligen Zechen.

Eine Besichtigung heute

Illustration

Vor einer Portiersloge begrüßt ein freundliches „Glück Auf“ den Besucher; hier kann man erste Informationen bekommen, als Infomaterial, aber der Portier, ein ehemaliger Bergarbeiter, erklärt auch gerne, wo was zu sehen ist und wie man dort hinkommt.
Das Gelände ist weitläufig, und festes Schuhwerk empfiehlt sich – man darf nicht vergessen, dass es Werksgelände ist, dessen Charakter erhalten werden soll..
In der Halle 12, genannt „Butterzeit“, weil die Bergleute hier frühstücken konnten (Pause=Butterzeit), können auch die Besucher ihre Butterzeit nehmen, um sich nach manchmal längerer Anreise erst einmal zu stärken. In der Halle haben Künstler und Kunsthandwerker ihr Domizil und meist herrscht buntes Treiben.

Die Kohlenwäsche

Vor der Kohlenwäsche
Vor der Kohlenwäsche

Danach betritt man das Gelände der „Kohlenwäsche“, zur Zeit meines letzten Besuchs mit „Wasserkunst“ versehen. Den Besuchern machte diese Art Erfrischung viel Spaß, zumal auch noch Regenmäntel bereit lagen, damit man sich für ein Erinnerungsfoto unter die „Dusche“ stellen konnte.
Die „Kohlenwäsche“ ist  mit einer Höhe von bis zu 45m und 100m Länge das größte Gebäude der Zeche Zollverein in Essen. Eine Kohlenwäsche, auch bekannt als Aufbereitung, ist eine Anlage zur Trennung der  geförderten Kohle von den störenden Bestandteilen (taubes Gestein, Berge). Über Transportbänder gelangte die aus der Tiefe geförderte Kohle in den Kohlenbunker; nach Größe sortiert und  entstaubt, wurde sie dann in einem Wasserbad vom Gestein getrennt. Eine laute und schmutzige Arbeit, von der man noch einen Eindruck bekommt, wenn man die Maschinenhalle heute besichtigt.

Die längste Rolltreppe der Welt

Vor der Rolltreppe
Vor der Rolltreppe

Das ehemalige Transportband ist heute die längste Rolltreppe der Welt, die die Besucher in die Maschinenhalle befördert; dort sind heute das Ruhrmuseum der Stadt Essen, eine Buchhandlung, ein Infostand und ein Café untergebracht. Von dort lässt sich auch der Aussichtsturm besteigen, von dem man einen fantastischen Überblick über das Gelände hat.

Ein moderner Freizeitpark

Was fast 150 Jahre Arbeits- und Lebensmittelpunkt für viele Hundert Bergleute und ihre Familien war, ist heute ein großer Freizeitpark; Bahntrassen sind Fahrradwege oder werden von Spaziergängern und Joggern gern genutzt.
Und allmählich holt die Natur sich zurück, was der Mensch ihr genommen hat.

Die Folgen des Wandels

Bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Zeche Zollverein ist ja nur eine von vielen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgegeben wurden und nun teils verfallen, teils umgewidmet wurden zu Kultur- und Freizeit-, manchmal auch Konsumtempeln oder wenigstens Handwerksbetrieben Raum- und Arbeitsflächen bieten.
Insgesamt verloren 500000 Kumpel ihre Arbeit – eine Arbeit, die sie trotz aller Gefahren, trotz Dreck, Lärm und Mühsal liebten, die sie und ihre Familien zusammenschweißte. Und noch immer ist das Ruhrgebiet von hoher Arbeitslosigkeit betroffen, denn nicht alle Kumpel konnten umgeschult und in andere Berufe vermittelt werden.

Kritische Stimmen

Der Bürgermeister meiner Heimatgemeinde, die ebenfalls schwer unter dem Zechensterben leidet, fasst es zusammen: „Wie viele Arbeitsplätze sind denn bei Leuchtturmprojekten wie Zollverein tatsächlich entstanden?“ Er ist Bürgermeister von Dorsten und für 78.000 Einwohner zuständig. Als die örtliche Zeche Fürst Leopold 2001 geschlossen wurde, haben 3.000 Menschen ihre Jobs verloren. 
Er würde das Zechengelände gerne zur Ansiedlung neuer Betriebe verwenden. Doch das Areal gehört nicht der Stadt, sondern der RAG, unter deren Dach die derzeit deutschlandweit noch fünf aktiven Zechen gebündelt sind. Und die hat das Gelände unlängst an einen Investor verkauft, der hier eine Disco und ein Oldtimer-Museum etablieren will. „Das ist doch kein Strukturwandel“, schimpft der Bürgermeister. Er fordert andere Nutzungen. „Wir brauchen doch gewerbliche industrielle Arbeitsplätze“, klagt er. Vor lauter Euphorie über die Kreativen und die Kulturevents werde verkannt, dass das Ruhrgebiet seine Sorgen und Probleme eben noch nicht so weit hinter sich gelassen habe, wie es gerne nach außen verkauft werde.

Blauer Himmel über der Ruhr

Als 1961 Willy Brandt versprach: der Himmel über der Ruhr soll wieder blau werden, hat ihm das an der Ruhr kaum jemand abgenommen. Hier war der Himmel seit jeher schwarz und draußen Wäsche aufzuhängen für die Hausfrauen ein Abenteuer. Aber hier gab es Arbeit; Arbeit für viele und jeden, der arbeiten wollte. Die Arbeit war schwer und  lebensgefährlich, die Lebensbedingungen waren erbärmlich und die Lebenserwartung niedrig. Dennoch kamen seit Beginn des Kohleabbaus viele Menschen hierher – aus Ostpreußen, Masuren, Polen, Großbritannien. Das Ruhrgebiet war ein Schmelztiegel.  Das Sprachengewirr ist noch heute spürbar: hier arbeitet man nicht: man „malocht“, der Hammer heißt „Motek“, „Ruhrdeutsch“ ist ein eigenartiger Dialekt mit für fremde Ohren abenteuerlicher Grammatik (Komma hierhin und dann gehsse bei die Omma inner Küche“. Und viele Familiennamen enden auf „…ski“.
Eine Ära ging zu Ende. Wer heute das Wort „Ruhrgebiet“ hört, denkt aber noch immer an qualmende Schlote, dunklen Himmel und Dreck unter und über Tage. Aber es hat sich gewandelt.

Kommentare

Kommentar von Maja Pree |

Nun wird es wohl Zeit, dass ich mir diese Region auch mal anschaue. Lang ist es her, dass der Geographielehrer über die Steinkohlegebiete sprach. Danke für den interessanten Beitrag. Maja Pree

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