Literaturströmungen um 1900

von Lore Wagener

„Und über Wolkenflügen weltenweit,
Jenseits der sternbeglänzten ewigen Sphären
dort regst du dich, mein Geist, so frei und jung!“
Charles Baudelaire (Erhebung)

Moderne Literatur

Illustration

Der Vers stammt aus einem Gedichtband, den der Dichter Charles Baudelaire 1857 veröffentlichte. Baudelaire wollte mit seinem Werk „Die Blumen des Bösen“ literarisch das „Böse in Schönheit“ verwandeln und umgekehrt. Seine Gedichte waren etwas völlig Neues in der damaligen Literatur und erregten in Paris Aufsehen. Wegen „Verletzung der öffentlichen Moral“ gab es sogar ein Verfahren gegen den Dichter. Heute sehen manche Literaturhistoriker in seinem Werk „den Beginn der literarischen Moderne.“
Um 1900 versuchte die Literatur, Althergebrachtes aufzugeben, um auf die großen Umwälzungen industrieller, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Art eine Antwort zu finden. Sie entwickelte unterschiedliche und oft gegensätzliche Strömungen. Die großen Dichter der damaligen Zeit erprobten meist in ihren Frühwerken die neuen Strömungen. In ihrem Spätwerk entwickelten sie daraus ihren eigenen unverwechselbaren Stil. Man kann sie also nicht so einfach einer bestimmten Strömung zuordnen.

Der Symbolismus (1890 – 1910)

Charles Baudelaire gehörte zu der Gruppe der Symbolisten. Diese literarische Richtung wollte keine gesellschaftliche Wirklichkeit, keine  persönlichen Empfindungen und keine subjektiven Reaktionen auf äußere Ereignisse. Sie entwickelte vielmehr ästhetisch-künstliche Welten. Sie wollte keine Naturnachahmung sondern eine eigene Symbolwelt. Sie stand also in krassem Gegensatz zum Naturalismus. Die ersten Symbolisten gab es in Frankreich. Neben Baudelaire gehörten auch Verlaine und Mallarmé dazu. Später nahmen deutschsprachige Literaten diese Strömung, zum Beispiel Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke. Letzterer hat den Begriff des "Dinggedichts" geprägt. Er wandte sich der künstlerischen Beschreibung von Dingen zu.
„Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein Weißer Elefant.““
Rainer Maria Rilke (Das Karussell)

Der Naturalismus (1870 – 1905)

Andere Historiker verbinden den Beginn der literarischen Moderne mit dem Naturalismus. Dieser entwickelte sich im 19.Jahrhundert aus dem Realismus. Er beschränkte sich aber noch viel radikaler auf die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit. Diese Literatur wollte die Realität genau darstellen und arbeitete mit fast naturwissenschaftlichen Methoden. Ihre Wissenschaftlichkeit erforderte die exakte Beschreibung der jeweiligen Situation. Das schloss auch die hässlichen Seiten der Wirklichkeit ein. Das Sozialdrama wurde eine wichtige Form. Als Ideal wurde der „unsichtbare Autor“ angesehen, der nicht kommentieren, Stellung beziehen oder subjektive Phantasie entwickeln wollte. Die großen Dichter dieser Bewegung waren die Russen Tolstoi und Dostojewski, die Skandinavier Strindberg und Ibsen, der Franzose Zola sowie die Deutschen Hauptmann und Büchner.

Sekundenstil und Großstadtdichtung

Besonders konsequente Abbildungen der Wirklichkeit erreichte Emile Zola mit seinem  „Sekundenstil“,  der eine Situation fast in Echtzeit protokollierte. Dabei wurden auch banale Details festgehalten, ebenso jede Spracheigentümlichkeit, wie Stottern oder Dialekt, aber auch Töne und Nebengeräusche.
Die Großstadtlyrik war ebenfalls eine literarische Besonderheit des Naturalismus. Die Großstadt wurde hier als Moloch beschrieben, dessen wichtigstes Problem die „soziale Frage“ war. Die Großstadt wird meist als Ort des Elends und Schmutzes wahrgenommen, ein Ort, an dem alle Aspekte der Natur verlorengegangen sind.
„Die letzten Sterne flimmerten noch matt,
ein Spatz versuchte früh schon seine Kehle,
da schritt ich müde durch die Friedrichstadt,
bespritzt von ihrem Schmutz bis in die Seele.“
Arno Holz, (Großstadtmorgen)

Heimatkunstbewegung 1890 bis etwa 1930

Die Heimatkunstbewegung war die populärste deutschsprachige Strömung um 1900. Als ihre Vorläufer gelten die im Biedermeier entstandene Dorfgeschichte sowie der Bauernroman.
Ihre geistigen Wurzeln hatte die Heimatkunstbewegung im Naturalismus. Sie beschrieb die heimatliche Situation in einer bestimmten Region, einer Landschaft oder an einem Ort und verwendete oftmals deren spezifischen Dialekt. Die Autoren der Heimatkunstbewegung wandten sich gegen die Großstadtdichtung und ebenso gegen den Modernisierungsprozess. Sie setzten die heile Welt des Dorfes und der Natur dagegen. Ihre Protagonisten waren traditionsverhaftete und moralisch handelnde Menschen, die den „gesunden Kern“ der Nation repräsentierten. Heimatkunst gehört zur Volksliteratur. Ihre Autoren empfanden sich damals aber als „Kunstbewegung“. Die bekanntesten Autoren waren Clara Viebig (Das Kreuz im Venn 1908) und Hermann Löns (Der Werwolf 1910).

Der Impressionismus (1890 – 1920)

„Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.
Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.“
(Detlev von Liliencron, Märztag)
An diesen Zeilen kann man gut die Merkmale des Impressionismus erkennen. Man kann ihn als Übergang zwischen Naturalismus und Symbolismus bezeichnen. Diese Literatur vermittelte „die sprachliche Gestaltung augenblickhafter Empfindungen“. Man findet den Stil besonders in der Lyrik. Längere Texte sind selten. Einer  der wenigen längeren Texte ist das  Romanfragment „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rilke.
Der Sekundenstil des Naturalismus kehrte wieder. Wichtig waren aber auch Töne und Düfte, Farben und Licht (zum Beispiel Glitzern und Funkeln von Gegenständen).
Die Dichter George und Rilke hatten nach der symbolistischen auch ihre impressionistische Phase. Bei der Lyrik Detlev von Liliencrons, Arthur Schnitzlers und Stefan Zweigs findet man ebenfalls impressionistische Züge.

Dekadenzdichtung (1887 – 1910)

„Des Teufels Fäden sind's, die uns bewegen,
Wir lieben Graun, berauschen uns im Sumpf,
Und Tag für Tag zerrt willenlos und stumpf
Der Böse uns der Hölle Stank entgegen.“
Charles Baudelaire (An den Leser)
Dieses Gedicht ist ein Beispiel dafür, wie sich die Dekadenzdichtung mit anderen Strömungen vermischt hat. Den Begriff prägte Paul Verlaine, der ebenso wie Baudelaire zu den Symbolisten gehörte. Man kann Dekadenz mit „(Kultur)Verfall“ übersetzen. Die Dekadenzdichtung ist also keine einheitliche Richtung, sondern wird von Dichtern fast aller modernen Stilrichtungen – außer von den Naturalisten – gepflegt. Als Kontrast zu dem düsteren Inhalt war der Sprachstil bewusst überfeinert. Die Autoren gaben sich meist betont anti-bürgerlich, anti-moralisch und anti-realistisch. Deutschsprachige Literaten schrieben meist Prosa-Texte dieser Art. Ihre Liste ist lang und enthält auch Dichter späterer Epochen der Moderne. Dort finden sich so  unterschiedliche Namen wie Heinrich und Thomas Mann, Heine, Hesse, Schnitzler, Rilke und von Hofmannsthal

Neuromantik (1890 – 1920)

Das ist die Bezeichnung für eine weitere literarische Strömung um 1900, die sich als Gegenbewegung zum Naturalismus verstand. Sie knüpfte an die Inhalte der Romantik an. Die neuromantischen Dichter liebten exotische Schauplätze, Wunderbares und Geheimnisvoll-Magisches sowie das Skurrile und Sagen, Mythen und Märchen. Sie  schrieben vor allem Lyrik in verfeinerter Sprache. Bezüge zu den übrigen avantgardistischen Strömungen sind spürbar. Die Abgrenzung zur gleichzeitigen Strömung des Jugendstils ist fließend. Bedeutende Vertreter der Neuromantik waren der George-Kreis, Gerhart Hauptmann (Hanneles Himmelfahrt, 1893;), Hermann Hesse (Der Steppenwolf), Agnes Miegel und  Ricarda Huch sowie Rainer Maria Rilke.
„Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.“
Ricarda Huch (Nicht alle Schmerzen sind heilbar)

Der literarische Jugendstil

Der literarische Jugendstil ist eng mit der Neoromantik verwandt. Die Übergänge sind kaum erkennbar. Auch der Jugendstil wandte sich vom Naturalismus ab. Ihn interessierte vielmehr das Geheimnisvolle und Magische in der Geschichte, der Religion und den Mythen. Auch seine Autoren hatten eine überfeinerte Sprache. Typisch ist vielleicht, dass sie Worte wie Ornamente benutzten, um damit die eigentliche künstlerische Aussage zu umrahmen. Sie schrieben meist Lyrik und kürzere Prosa. Der „vergiftete Brunnen“ von Arthur Holitscher ist einer der wenigen Romane des literarischen Jugendstils. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde Jugendstil-Lyrik meist von den Dichten verfasst, die schon von anderen anti-naturalistischen Strömungen her bekannt waren, zum Beispiel von Richard Dehmel, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und ArthurHolitscher.
„Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind.“
(Hugo von Hofmannsthal „An einen, der vorübergeht“)

Links zu den vollständigen Gedichten

Charles Baudelaire, (Erhebung)

Arno Holz, (Großstadtmorgen)

Detlev von Liliencron, (Märztag)

Charles Baudelaire (An den Leser)

Rainer Maria Rilke „Das Karussell“

Ricarda Huch (Nicht alle Schmerzen sind heilbar.)

Hugo von Hofmannsthal (An einen, der vorübergeht)

Sepp Buchegger

Quellen
Gero von Wilpert „Sachbuch der Literatur“
Meine Notizen zum Funkkolleg „Literarische Moderne“
Herausgeber DIFF 1994
Die Karikatur stammt aus dem vorgenannten Kolleg  und darf von uns mit freundlicher Genehmigung ihres Zeichners Sepp Buchegger veröffentlicht werden.
Die genannten Jahreszahlen beziehen sich auf die Verhältnisse in Deutschland.

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