von Erna Subklew
Verglichen mit Deutschland, ist der Anteil der alten Menschen in der Türkei
gering. Laut einer im Jahre 2009 erhobenen Statistik sind nur 6,8 Prozent über
65 Jahre alt. Trotzdem hat man Ende des vorigen Jahrhunderts die Senioren ins
Blickfeld genommen.
Das Osmanische Reich war ein agrarisches Land. Über 75% der Bevölkerung lebte
auf dem Dorfe. Das Alter wurde durch die Stellung im Familienverband bestimmt.
Auch die soziale Absicherung im Alter geschah nur durch die Familie, da auf dem
Dorf niemand eine Rente erhielt.
Waren es zuerst die Eltern, die für ihre Kinder sorgten, war es später die
Pflicht der Söhne für ihre Eltern zu sorgen. Die Arbeit der Eltern wurde
reduziert, wenn Alter und Gesundheit es erforderten. Die Pflege durch die Söhne
und Schwiegertöchter ist die Kompensation für alles, was man von den Eltern im
Laufe seines Lebens erhalten hat. Das Geben und Nehmen, der Tausch, ist das
Normensystem der dörflichen Bevölkerung.
Als aus dem Osmanischen Reich die Türkei wurde, behielt sie ihre agrarische
Struktur bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Diese begann sich erst
aufzulösen, als die Abwanderung der jüngeren Menschen ins Ausland begann.
Zuerst gingen die Söhne in die Stadt, dann viele von ihnen in fremde Länder.
Zwischen 1980 und 1990 verließen 13.681.000 Personen die Dörfer. Übrig blieben
vor allem die Alten. Dies änderte aber nichts an ihrer Versorgung. Allerdings
war es nun nicht mehr so einfach, sich um die Eltern zu kümmern, denn die
Wohnungen in der Stadt waren klein und teuer. So kam es jedes Jahr zu
Verhandlungen, wer in diesem Jahr die Eltern versorgen müsse. Manche der
arrivierten Söhne lösten sich aus ihrer Verpflichtung, in dem sie sich durch
die Übernahme der Kosten gewissermaßen loskauften. 1985 gingen von 6.948.000
über 50-Jährigen gerade einmal ein Drittel einer rentenpflichtigen Arbeit nach.
Natürlich ist diese Erhebung schon eine Weile her, heute ist die Zahl der
Rentenversicherten sicherlich weit höher, da die Industrialisierung in der
Türkei Ausmaße erreicht hat, an die man früher nicht gedacht hat.
Dies führte auch zu einer ansteigenden Berufstätigkeit der Frauen und einer
Reduzierung ihrer Pflegetätigkeit.
In den Zeiten, als die Arbeit der Frauen sich vor allem auf das Haus
beschränkte, wäre es eine Schande gewesen, die eigenen Eltern in ein Altenheim
zu geben. Vor allem deswegen, weil die vom Staat angebotenen Häuser immer den
Geruch eines Armenhauses hatten. Das erste staatliche Altenheim wurde am
Ausgang des 19. Jahrhunderts in Istanbul eingerichtet.
Daneben gibt es in dieser Stadt seit ungefähr 60 Jahren auch private
Altenheime, oft von christlichen Orden eingerichtet, wie La Paix, Ma Maison
(französisch), Artigeana (italienisch). Eine Zeitlang gab es auch bei der
Kirche St. Paul ein kleines deutsches Altenheim. Das Altenheim La Paix hat sogar
ein Pflegeheim, eine sehr rare Einrichtung, sodass die Bewohner im gleichen
Haus in die Pflege wechseln können.
Natürlich ist die Pflege in diesen Einrichtungen verhältnismäßig teuer, sodass
die wenigstens sie sich leisten können.
Allgemein kann man von den privaten Einrichtungen sagen, dass sie sich nur in
größeren Städten befinden, nur für eine kleine Gruppe von Senioren
erschwinglich sind und es viel zu wenige Pflegeheime gibt.
Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen müssen, wenn sie die Pflege nicht
selber leisten können, jemanden zu Hause einstellen.
Auch in der Türkei verlängert sich die Lebenszeit, die bei einigermaßen guter Gesundheit erlebt wird. Diese Tatsache zwingt die Politik, sich stärker auf die alten Menschen zu konzentrieren. Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Kommunen veranlasst, sich dieser Frage zu widmen. Man sieht jetzt im Alter nicht mehr nur ein Gesundheitsproblem und nicht nur die Bereitstellung von Pflegemaßnahmen. Seit dieser Zeit beginnt man, in den einzelnen Stadtteilen Sozialstationen einzurichten, die versuchen, mit den alten Menschen in Kontakt zu treten. Dabei sollen die Experten die Menschen so weit wie möglich, in ihrer häuslichen Umgebung belassen. Die ausgebildeten Pflegekräfte sollen die Senioren gesundheitlich betreuen, aber auch ihre Aktivität wecken und sie in ihrer Teilhabe am Leben fördern.
Der Gedanke dabei ist, dass Traditionen, die vorhanden sind, durch wissenschaftliche Erkenntnissen ergänzt und genutzt werden können. Es wird sicherlich noch eine Weile dauern bis für die ständig wachsende ältere Bevölkerung eine ausreichende Infrastruktur vorhanden sein wird. Es wird aber auch dauern bis man genügend Fachkräfte hat. Eine wichtige Frage ist gleichzeitig, wie die Angebote angenommen werden. Vielleicht wird die Tatsache, dass über kurz oder lang mehr Menschen eine eigene Rente haben werden, dabei eine positive Rolle spielen.
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