Begegnungen in den 1950er Jahren

von Erdmute Dietmann-Beckert

Die Lust zu reisen
Ich weiß nicht mehr, ob ich es in einer Zeitschrift der Evangelischen Jugend oder durch Freunde erfahren hatte: „Du kannst dich für eine Singefreizeit anmelden.“
Singen, ja, das liebte ich. In meiner Familie wurde viel gesungen, häufig mit Klavierbegleitung. Dann saß meine Mutter am Klavier, vor sich das bunte Liederbuch mit Noten. Wir Kinder standen hinter ihr und sangen. Wanderlieder, Frühlings-und Winterlieder, Kirchenlieder und Choräle.
Die Freizeit des CVJM sollte auf der Insel Mainau im Bodensee sein und es sollten außer Jugendlichen aus Westdeutschland, auch Jugendliche aus der Schweiz und Ostdeutschland daran teilnehmen. Das wollte ich erleben.
Über den Pfarrer konnte ich mich anmelden.

Vorbereitungen

Ich erhielt die Einladung und ich musste mich um Reisemöglichkeiten kümmern. Mit der Bahn konnte ich mit mehrfachem Umsteigen in Wetzlar, Frankfurt, Mannheim und Freiburg, bis an den Bodensee nach Konstanz kommen. Von dort ging es mit dem Schiff bis zur Mainau. Die Fahrkarte konnte ich am Bahnhof kaufen.
Ich hatte keinen Rucksack. Es war der alte Koffer meiner Tante, die gerne reiste. Was ich neben Waschutensilien auf keinen Fall vergessen durfte, war der Badeanzug. Ich hatte gehört, dass es möglich war, im Bodensee zu schwimmen. Darauf freute ich mich.
Ja, und ein Liederbuch sollte ich mitbringen. Ich habe vergessen, wie es hieß.

Die Reise

Zugfahren ist schön, aber umsteigen beschwerlich. Da ich niemand kannte, reiste ich allein und es gefiel mir, auch wenn das Kofferschleppen beim Umsteigen hinderlich war. Heute hat ein Koffer Rollen und Bahnsteige zu wechseln ist mit Aufzügen und Rolltreppen kein Problem.
Ich weiß nicht mehr wie lange die Reise bis Konstanz dauerte. Jedenfalls bin ich schon am frühen Morgen am Bahnhof gewesen und erst am Nachmittag in Konstanz angekommen. Mit dem Boot gelangte ich auf die Insel und zur Gruppe.

Unterkunft und Teilnehmer

Deutschordensschloss auf der Insel Mainau (Bild: Wikimedia.org)

Auf dem Boot hatte ich schon andere Jugendliche gesehen, die wahrscheinlich auch zu der Freizeit wollten. Am Landesteg wurden wir begrüßt und zum Schloss geleitet. Wir waren im Schloss untergebracht. Wahrscheinlich war es die erste Singe-Freizeit, die auf der Insel durchgeführt wurde. In den nachfolgenden Freizeiten, schliefen wir nicht mehr im Schloss, sondern in Baracken. Diesmal breiteten wir unsere Schlafsäcke in einem Saal des Schlosses aus. Ich erinnere mich noch an die hohen Fenster.
Für die Mahlzeiten waren Tische und Bänke außerhalb des Hauses in offenen Baracken aufgestellt.
Bei der gegenseitigen Vorstellung zeigte sich, dass die Jugendlichen nicht nur aus Nord- Süd-und Westdeutschland gekommen waren, sondern auch aus Ostdeutschland und der Schweiz, die meisten in Gruppen.

Bibellesen, Singen und Musizieren

Die Leiter der Freizeit waren Mitarbeiter des CVJM. Ich erinnere mich an Erich Gruber und Pfarrer Mrozek. Sie haben die Bibelarbeiten und die Morgen-und Abendandachten geleitet. Vor allem die Bibelarbeit mit Erich Gruber bleibt mir für immer im Gedächtnis. Er war so unkonventionell. So schilderte er die Geschichte, von Petrus, den der römische Hauptmann zu sich gerufen hatte, in der Art eines Berichts über eine Freizeit in unserer Zeit.[1]
Erich Gruber hat auch das Singen im Chor geleitet. Die Jugendlichen hatten sicher alle Vorkenntnisse im Chorsingen und wussten, in welcher Stimmlage sie singen wollten. Es waren auch viele Instrumentalisten dabei. Die begleiteten den Chor, oder gaben zu bestimmter Gelegenheit ein Konzert. Unvergesslich ist mir Mozarts „Kleine Nachtmusik“ in der Kapelle. Pfarrer Mrozek spielte die „Erste Geige“ mit einer solchen Verve, dass ich heute noch die Musik „höre“.
In dieser Schlosskapelle gab es auch für Frühaufsteher jeden Tag eine Morgenandacht.

[1] Apostelgeschichte 10

Freie Zeit

Es war Sommer und selbstverständlich auch Badezeit. Der See lud geradezu ein, am frühen Morgen hinein zu springen und hinaus zu schwimmen.
Unvergesslich sind mir die Gartenanlagen. Das Klima auf der Mainau bietet südländischen und anderen exotischen Blumen und Bäumen optimale Bedingungen.
Einmal gab es auch eine Schifffahrt auf die schweizerische Seite des Sees. Für mich und einige andere war diese „Reise“ nicht angenehm. Mit grün-bleichen Gesichtern hingen wir an der Reling.

Heimreise

Ich saß nicht mehr allein im Zug. Viele andere Jugendliche saßen mit im Abteil und wir haben dort weiter gesungen.
Weil es so schön gewesen war, haben wir uns für das nächste Mal verabredet. Da waren allerdings die Jugendlichen aus der SBZ nicht mehr dabei.

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