Frühe Wanderungen: woher kamen die Europäer?

von Helmke Hennig

In der letzten Zeit sind wichtige Forschungsergebnisse über neolithische menschliche Genome* erschienen. Ein Vergleich der unterschiedlichen Genome gibt Auskunft über die Herkunft, Alter, Verwandtschaft, Bevölkerungsdichte, Aussehen, Kultur, Nahrung und Krankheiten der Frühmenschen.

Wendepunkt: 80 000 Jahre

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Vor 125 000 Jahren ist eine kleine Gruppe anatomisch moderner Menschen aus Afrika über Arabien nach Asien gewandert. Bei 80 000 Jahren bewohnten sie als Sammler&Jäger** Zentralasien, wo sie mit den Neandertalern in Berührung kamen. Die Neandertaler bewohnten seid 300 000 Jahren, ganz Europa, Teile von Zentral und Nord Asien, so wie den Nahen Osten. Sie lebten in kleinen Familiengruppen und hatten eine dünne Bevölkerungsdichte. Leider ging die Berührung mit den Neuen aus Afrika nicht gut aus. Die Neuen hatten Krankheiten aus Afrika mitgebracht denen die Neandertaler nicht gewachsen waren.

Wendepunkt: 40 000 Jahre

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Auf Grund der geringen Bevölkerungsdichte war das Absterben der Neandertaler langsam. Die neuen Sammler&Jäger folgten diesem Absterben in ein nun fast leeres Land ständig nach Westen. Bei 40 000 Jahren waren sie in ganz Europa und den atlantischen Inseln. Die letzten Neandertaler hatten in Spanien eine Zuflucht gefunden, aber bei 35 000 Jahren  sind sie dort auch verschwunden. Obwohl die Sammler&Jäger alle eine sehr ähnliche Kultur (Flötenmusik, Schnitzen und Malen) und Glaubenswelt (eine weibliche Gottheit) hatten, kann man mehrere Bevölkerungskonzentrationen unterscheiden: Frankreich (F), Deutschland (D), Balkan (B), und Kaukasien (K) mit regem Austausch zum Nahen Osten (NO).

Wendepunkt: 25 000 Jahre

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Während des Höhepunktes der Eiszeit schrumpfte die Bevölkerung in ganz Europa drastisch. Die Kaukasien-Jäger wurden von ihren Nahost Nachbarn isoliert. Im Süden des Nahost geschah eine seltene Mutation: das Gras Einkorn verdoppelte den Chromosomensatz und Emmer entstand. Obwohl die Sammler&Jäger schon lange Einkorn- Körner gesammelt hatten, war es die Eigenschaft des neuen Emmers, die ausschlaggebend war. In Einkorn- Ähren fallen die Körner sehr schnell ab, aber die Emmer- Ähren halten ihre Körner fest. Jetzt war es möglich, ganze Ähren zu ernten und nicht nur Körner zu sammeln. Damit verwandelten sich die Sammler&Jäger in der Südosttürkei um 12 500 in Ackerbauern.

 

Wendepunkt: 7 000 Jahre

Mit dem Zurückziehen der Gletscher und Schmelzen des Eises, so wie der Erwärmung eröffnete sich mehr und mehr Land, das für die Ackerbauern benutzbar war. Sie holzten den Wald ab und rodeten Felder auf dem Weg nach Westen. Um 7 000 war diese Massenmigration über das ganze Europa verbreitet. Die Sammler&Jäger waren nicht begeistert, sie trieben wohl Handel mit den Ackerbauern, aber vermischten sich selten. Ackerbau hatte auch katastrophale Auswirkungen auf die Landschaft und damit dem Bestehen der Sammler&Jäger. Obwohl Sammler&Jäger pro Person 260 Hektar zum Leben brauchen und die Ackerbauern nur ein Zehntel, ist das eine verkehrte Rechnung. Auf frisch abgeholztem Waldboden bekam der Ackerbauer nur eine oder zwei gute Ernten, dann war der Boden ausgelaugt. Ohne Dünger musste der Bauer ein neues Feld aus dem Wald holzen und er hinterließ ein ruiniertes Stück Boden, das Jahre brauchte um sich zu erholen oder nur Steppe wurde.

Wendepunkt: Kultur

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Dieser Raubbau brachte es dann auch bald, dass die Zeit sehr gewalttätig wurde: Siedlungen waren befestigt und zahlreiche Massengräber von erschlagenen Frauen und Kindern zeugen davon. Da die Ackerbauern aus einer eisenarmen Gegend kamen brachen sie eine Eisenretention Mutation mit, die im eisenreicherem Westen zu einer Krankheit (Hämochromatose) führte. Es wird spekuliert, dass sie auch die Grundlage der westkeltischen Sprache mitgebracht haben. Ihre Gottheit war immer noch weiblich und kaum unterschiedlich von denen der Sammler&Jäger.

Wendepunkt: 5 000 Jahre

Bild 5

Als sich das Eis zurückzog, kamen die Kaukasus- Sammler&Jäger in Kontakt mit den Sammlern&Jägern der Steppe in Zentral -Asien . Es kam zu einer Vereinigung, die die Grundlagen der viehzüchtenden "Yamnaya" Leute schuf. Diese reitenden Metallarbeiter strömten in der Bronze - Zeit dann nach Westen. Das Ergebnis war ein drastischer Bevölkerungsrückgang in Europa. Man sieht das daran, dass die Gene homogen sind (ein Zeichen der Inzucht der damaligen Ackerbauern). Das Aussterben ist wahrscheinlich das Ergebnis der Pest; denn Pestbazillen wurden in Yamnaya Bestattungen nachgewiesen. Der Genpool von Nord- und Mitteleuropa wurde so stark verwandelt, dass einige Bevölkerungsgruppen bis heute 50% ihrer Abstammung auf dieses Steppenvolk zurückführen können, wie zum Beispiel die Norweger. Die Yamnaya sind nicht nur für Viehzucht, Metall- Schmieden und die Pest verantwortlich, sie brachten auch den Grundsatz der indoeuropäischen Sprachen im heutigen Europa, sowie ein männliches Pantheon, in dem die alte weibliche Gottheit untergeordnet eingefügt wurde. Unabsichtlich brachten sie auch genetische Varianten wie die Laktoseintoleranz und eine weitere Art von Hämochromatose, worunter besonders die Iren bis heute leiden.

Wer also sind die Europäer?

Die zurzeit untersuchten Genome zeigen, dass die Europäer aus drei großen Bevölkerungen entstanden - Ur-Sammler&Jägern, Ackerbauern aus dem Nahen Osten  und den Yamnaya Leuten (selber eine Mischung), die aus dem Osten in der Bronzezeit ankamen. Den Einfluss dieser großen Bevölkerungsbewegungen spüren wir noch heute.

Erläuterungen und Quellen:

*  Das Genom (Erbgut), bestehend aus einer Anzahle Chromosomen, ist die Anleitung für den Bau eines Menschen. In jeder Zelle befinden sich alle diese Träger

(Chromosomen) der vererbbaren Informationen (Genen). Alle Gene bestehen aus sehr langen Kettenmolekülen, Desoxyribonukleinsäure (DNS), englisch DNA für deoxyribonucleic acid). Im Menschen besteht das DNA aus etwa drei Milliarden gepaarten "Bausteinen". Eindeutig sind damit enorme Informationen ans Licht gekommen.

 

**  Der Begiff  Sammler&Jäger ist angemessener und entspricht dem heutigen Stand der Forschung, denn die neolithische Ernährung bestand aus 68% gesammelten Zutaten und 32% von der Jagd.

 

Die Grundkarte von Europa kommt von http://d-maps.com/carte.php?num_car=2232&lang=en. Die Zeichnungen vom Verfasser.

 

Upper Palaeolithic genomes reveal deep roots of modern Eurasians. NATURE COMMUNICATIONS | 6:8912 | DOI: 10.1038/ncomms9912 |www.nature.com/naturecommunications

 

Neolithic and Bronze Age migration to Ireland and establishment of the insular Atlantic genome. www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1518445113

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