Lise Meitner – Atomphysikerin, Mutter der Kernspaltung

Von Ute Lenke

„Wissenschaft ist meistens Kummer“.

Bei der Nobelpreisverleihung am 10. Dezember 1946 in Stockholm traf Otto Hahn seine langjährige Arbeitskollegin Lise Meitner wieder, die einen wesentlichen Anteil an der Entdeckung der Kernspaltung hatte und in Stockholm im Exil lebte.

Wem gehört der Nobelpreis?

Meitners Vor- und Mitarbeit während über 20 Jahren Forschungen am „Kaiser-Wilhelm-Institut“ in Berlin war für diese Entdeckung, für die Hahn 1945 den Nobelpreis erhalten sollte, entscheidend. Sie war so entscheidend, dass viele Stimmen davon sprachen, dass der Preis eigentlich ihr zustand. Meitner gilt besonders in den USA als „Mutter der Kernspaltung“. In seiner Dankesrede aus Anlass der Preisverleihung erwähnte Otto Hahn ihre Mitarbeit jedoch mit keinem Wort.

Meitners Anteil an einer Entdeckung, die der Weltgeschichte eine völlig andere Wendung geben sollte, sowie Otto Hahns unverständliches Verhalten ihr gegenüber sind Gegenstand meiner Betrachtung.

Das Werden einer Wissenschaftlerin

Lise Meitner wurde 1878 in Wien als Tochter eines Rechtsanwalts geboren. Obwohl es zu dieser Zeit für Mädchen nicht üblich und auch schwierig war, hat sie in Wien studiert und das Doktorexamen in Physik und Mathematik ablegt. Ihr Interesse gilt der damals entdeckten Radioaktivität. Um mehr darüber zu lernen, geht sie als frischgebackenes „Fräulein Doktor“ zu Max Planck nach Berlin.

Frauen ist in Preußen zwar der Besuch von Hochschulen noch verboten, aber allen Schwierigkeiten zum Trotz gelingt es Lise Meitner schließlich, Vorlesungen zu hören und einen Laborplatz zu erhalten: Otto Hahn, Chemiker und Assistent von Max Planck, ist bereit „mit einem Mädel“ zusammen zu arbeiten. Der zuständige Institutsdirektor Fischer verlangt aber, dass sie in der Holzwerkstatt im Keller bleibt und „niemals das Institut betritt“.

Damit beginnt eine Zusammenarbeit, die 31 Jahre später zur Entdeckung der Kernspaltung führt. Hahn und Meitner, der Chemiker und die Physikerin, ergänzen sich gut, und die Arbeitsgruppe Hahn-Meitner macht sich schnell einen Namen in der internationalen Fachwelt.

Der weitere Lebensweg

Beruflich und privat genießt sie mehr und mehr Anerkennung. Bis 1912 kann sie auf 22 Veröffentlichungen verweisen, hat viele Kongresse besucht und berühmte Kollegen, wie Albert Einstein und Madame Curie kennengelernt.

1912 eröffnet Kaiser Wilhelm II das neugegründete Kaiser-Wilhelm-Institut (KW) in Berlin-Dahlem. Lise Meitner kann die Holzwerkstatt mit dem Labor vertauschen und wird Assistentin von Max Planck, noch immer unbezahlt. Das ändert sich 1913: sie erhält ein Angebot auf eine Professur in Prag. Darauf reagiert man in Berlin und bietet ihr endlich eine bezahlte, unbefristete Stelle an. Sie ist jetzt 35 und hat ihren Kindheitstraum, Wissenschaftlerin zu werden, verwirklicht; für Privates bleibt ihr kaum Zeit. Sie reist viel, hat einen großen Freundeskreis, pflegt die Beziehungen zu ihrer Familie, insbesondere zu ihrem Neffen Otto Robert Frisch, ebenfalls Physiker. Er spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg unterbricht die Arbeit am KW-Institut: Otto Hahn wird eingezogen, Lise Meitner geht als Röntgenassistentin zum Roten Kreuz. 1918 wird Meitners Arbeit endlich gewürdigt: sie erhält eine eigene Abteilung und ihr eigenes Forschungsgebiet.

Otto Hahn leitet sein chemisch-radioaktives Institut; gemeinsam führen sie nun das „Hahn-Meitner-Institut“. Die Zusammenarbeit geht wie vorher weiter, mit einem Unterschied: sie duzen sich jetzt, und wenn Lise Meitner ungeduldig wird, sagt sie schon mal: „Hähnchen geh nach oben, von Physik verstehst du nichts“.

Sie führt „ihr“ Institut mit großer Umsicht: der Umgang mit den radioaktiven Substanzen ist gefährlich. Sie achtet auf Schutzvorkehrungen und deren Einhaltung. Aber sie hat auch ein Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Assistenten und Studenten und tröstet: „Wissenschaft ist meistens Kummer“. Das hat sie selber nur zu oft erfahren. Zwischen 1920 und 1933 veröffentlicht sie über 50 Arbeiten und ist eine anerkannte Hochschullehrerin und Atomphysikerin geworden.

Hauptforschungsgebiete

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 ändert sich alles: Lise Meitner verliert als Jüdin ihre Vorlesungsbefugnis, kann aber durch Fürsprache von Planck und Hahn noch bis 1938 am Institut und den Versuchen zur Kernforschung weiterarbeiten.

Denn wäre sie schon 1933 geflohen, wie sie überlegt und man ihr geraten hatte, hätte sie Hahn nicht zu einer neuen gemeinsamen – und folgenschweren – Arbeit überreden können.

Nach dem Ersten Weltkrieg sind Radioaktivität und Atomphysik Hauptforschungsgebiete, für die sich außer Physikern und Chemikern auch Philosophen, Künstler und Politiker interessieren. Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass neue Entdeckungen die Fachwelt aufrütteln. Man denke nur an Namen wie Einstein, Planck, Heisenberg, Bohr, Fermi – um nur einige zu nennen.

1932 hatten Wissenschaftler durch Versuche mit Uran und Neutronenbestrahlung die Möglichkeit einer Kernspaltung der Atome entdeckt. Zunächst begriff kaum jemand die Tragweite dieser Entdeckung. Lise Meitner schreibt später in ihren Erinnerungen: “Ich habe mehrere Wochen gebraucht, bis sich Otto dafür interessiert hat“.

Im Exil

Sie nehmen nun ihre Versuche wieder auf, verstärkt durch den jungen Chemiker Fritz Straßmann. Es folgen Veröffentlichungen (30!) zum Aufbau der Atomkerne. 1935 werden Hahn und Meitner, 1936 Meitner allein für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich ist Lise Meitner aber nun als Jüdin in höchster Gefahr. Mit Hilfe befreundeter Wissenschaftler rettet sie sich im Sommer 1938 über Holland nach Stockholm.

Das Leben und Arbeiten in Stockholm erscheint Lise Meitner nach den fruchtbaren Jahren in Berlin „wie ein böser Traum“. Zunächst lebt sie bei einer Freundin, dann in einem Hotelzimmer; ab November kann sie am Nobel-Institut arbeiten.

Die Bedingungen sind so schlecht, dass sie die Versuche mit Uran nicht weiterführen kann. Arbeits- und Lebensgrundlage sind ihr damit entzogen. Sie ist sehr deprimiert und häufig erkältet – der schwedische Winter macht ihr zusätzlich zu schaffen. Hinzu kommen die Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie und zunehmend politische Differenzen mit den Kollegen in Deutschland. Ihr Neffe O. R. Frisch arbeitet in Kopenhagen bei Nils Bohr. Dort trifft sie sich im November 1938 mit Hahn und bespricht den Fortgang der Versuche an der Forschung in Berlin. Zusammen mit ihrem Neffen macht sie „eine kleine physikalische Überlegung“: die theoretische Erklärung und physikalische Deutung der Kernspaltung.

Die Entdeckung der Kernspaltung

Hahn und seinem Assistenten Straßmann gelingt im Dezember 1938 der entscheidende Versuch: die Entdeckung der Uranspaltung, die jedoch nicht Transurane, sondern die leichteren Bariumisotope erzeugt. Hahn ist ratlos, will aber die Entdeckung schnell veröffentlichen, denn Curie/Joliot arbeiten in Paris ebenfalls an solchen Versuchen. Für die Veröffentlichung braucht Hahn Meitners „kleine physikalische Überlegung“ und schreibt ihr:

“…Falls Du irgendetwas vorschlagen könntest, das Du publizieren könntest, dann wäre es doch eine Arbeit zu dreien…“

Meitner diskutiert die Versuchsergebnisse aus Berlin mit ihrem Neffen; da sie nicht so gut Englisch spricht, verfassen sie gemeinsam eine Arbeit über die „nuclearfission“, die am 11. Februar 1939 erscheint: der Neutronenbeschuss spaltet Urankerne – ein Phänomen, das man bis dahin für unmöglich gehalten hatte.

Die Entdeckung Hahns und die Veröffentlichung der theoretischen Begründung ist eine Sensation, die die internationale Fachwelt aufrüttelt und schließlich mit dem Nobelpreis für Otto Hahn belohnt wird.

Ungereimtheiten

An diesem Punkt beginnen die Ungereimtheiten: Hatte Otto Hahn den Nobelpreis für die Entdeckung der Uranspaltung allein verdient?

Lise Meitner betont immer wieder, dass die Uranspaltung zuerst auf rein chemischem Wege nachgewiesen wurde – also allein durch die chemischen Versuche von Hahn und Straßmann (die SIE immerhin angeregt und forciert hatte). Die theoretischen Grundlagen und die theoretische Erklärung dessen, was da eigentlich durch diese Versuche passiert war, lieferte aber Meitner, und in Folge zusammen mit ihrem Neffen O.R. Frisch. Brieflich bleibt sie in Kontakt mit Hahn und diskutiert die Versuchsergebnisse. Aber: “Es ist Lise Meitners Schicksal, dass sie als Jüdin vor den Nationalsozialisten fliehen musste. So kam es, dass ein Teil – und nur ein Teil – ihrer Arbeit mit dem Nobelpreis für Otto Hahn gekrönt wurde.“

Otto Hahn rückt den falschen Eindruck über ihre Leistung nicht zurecht – im Gegenteil. Das Verhältnis zwischen Meitner und Hahn kühlt merklich ab, von der „Arbeit zu dreien“ ist nie mehr die Rede.

Lise Meitners weitere Arbeit

Sie selber übt niemals Kritik daran, dass Otto Hahn allein den Nobelpreis bekam, sie äußert sich gelegentlich verärgert darüber, dass ihre Leistung als Physikerin nicht anerkannt wurde und sie „nur“ als  Mitarbeiterin Otto Hahns genannt wird. Das ist verletzend für sie, und es schadet ihr als Wissenschaftlerin. In Schweden weiß man nicht, dass sie 31 Jahre selbstständig geforscht und wesentliche eigene Arbeiten vorzuweisen hat.

Sie hat am Nobel-Institut einen Arbeitsplatz, ohne Mitarbeiter und finanzielle Unterstützung. Sie kann keine weiteren Versuche mehr machen und nur noch theoretische Arbeiten veröffentlichen. Ab 1941 hält sie zwar wieder Vorlesungen in Kernphysik, aber in Schweden interessiert man sich nicht ernsthaft für dieses Thema.

Die Auswirkungen

Lise Meitner in 1946
Lise Meitner in 1946

Im Mai 1945 kapituliert Nazideutschland, am 6. August fällt die erste Atombombe auf Hiroshima. In den USA hatte man begriffen, dass Kernspaltung und Kettenreaktion nicht nur zur Energiegewinnung für friedliche Zwecke taugten.

Meitner und auch Hahn sind entsetzt. Plötzlich ist Meitner berühmt und gefragt, denn Hahn ist noch im Internierungslager. Auf Fragen der Reporter ist Meitners Antwort stets, dass weder sie noch Hahn etwas mit der Bombe zu tun hätten. Dennoch gilt Meitner in den USA als „die Mutter der Atombombe“, was durchaus positiv gemeint ist. Man ist der Meinung, und auch Meitner teilt anfangs die Ansicht, dass die Bombe den Krieg beendet und weitere Kriege unmöglich gemacht habe. Meitner äußert die Hoffnung, dass „wir diese riesige Energiequelle für friedliche Zwecke nutzen werden“. Es folgen Reisen in die USA: Vorlesungen, Vorträge, Interviews, Ehrungen über Ehrungen – Liese Meitner glaubt, in ein "Tollhaus“ geraten zu sein.

1960 zieht sie zu ihrem Neffen nach Cambridge, wo sie 1968, 3 Monate nach Otto Hahn, kurz vor ihrem 90. Geburtstag stirbt.

Quellen

Charlotte Kerner: Lise, Atomphysikerin. Die Lebensgeschichte der Lise Meitner. 1986

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