Frauen im Handwerk

Von Hildegard Neufeld

Ist das Handwerk eine Männerdomäne? Das war einmal! Der Frauenanteil im Handwerk steigt nach Feststellungen des Zentralverbandes für das Deutsche Handwerk (ZDH) stetig, und er soll weiter gesteigert werden, auch, um den Fachkräftebedarf der Wirtschaft zu sichern.

Meine Begegnung mit dem Handwerk

Es begann im Jahre 1956. Als neu gekürte Diplom-Volkswirtin stellte ich mich bei einem Fachverlag für Wirtschafts-, Steuer- und Rechts-Informationen in Bad Homburg zum Dienstantritt ein. Ich war mit der Aufgabe betraut worden, eine zweimal monatlich erscheinende Ausgabe der im Verlag bereits etablierten Publikation zu entwickeln und redaktionell zu gestalten, den „Wirtschafts- und Steuer-Dienst für das Handwerk“.

Schnell war ich mittendrin in meinem erstrebten Berufsleben als Journalistin und Redakteurin und auch im praktischen Handwerksgeschehen. Dazu gehörte nicht nur die Konzeption der ersten Ausgabe für das Handwerk, sondern auch die Konfrontation mit der Technik, vor allem der Satz- und Drucktechnik und die Beherrschung des Umbruchs.

Die Internationale Handwerksmesse in München

Schon wenige Monate nach Beginn meiner Redaktionstätigkeit besuchte ich die Internationale Handwerksmesse in München, die bereits seit 1949 alljährlich stattfindet. Mit zahlreichen Besuchern und Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist die Messe zugleich ein jährliches Spitzentreffen des Handwerks. Den zahlreichen Besuchern werden hier vor allem Informationen und eine Übersicht über das gesamte Leistungsspektrum des Handwerks geboten.

Ich suchte zunächst die handwerklichen Messestände auf, von denen ich interessante Informationen für meine Leser erwartete und vervollständigte meine Materialsammlung durch mein erstes Interview als Redakteurin mit einigen auskunftsbereiten älteren Herren aus dem handwerklichen Leitungsteam. Mein Messebericht konnte geschrieben, gedruckt und veröffentlicht werden und zwar ausschließlich durch die sachkundigen Informationen und Erläuterungen von Männern. Fachfrauen des Handwerks schienen auf der Handwerksmesse zu jener Zeit noch nicht vertreten zu sein.

Frauen in Handwerksberufen

2013 arbeiteten in Deutschland in rund 1.009.000 Handwerksbetrieben 5.357.000 Menschen. Ein Drittel von ihnen sind Frauen, und sie arbeiten vorwiegend in den Bereichen Gesundheit, Körperpflege und Bekleidung.

Die große Mehrheit der Frauen im Handwerk ist, einem Bericht von Inpaed Berlin e.V. zufolge, in kaufmännischen Berufen tätig, beispielsweise als Fachverkäuferin oder Bürokauffrau. Nach Angaben des ZDH lag der Frauenanteil 2007 unter den Auszubildenden in diesem Bereich bei über 80 Prozent.

In den gewerblich-technischen Handwerksberufen waren dagegen nur knapp 17 Prozent der Auszubildenden weiblich. Und dort werden von Frauen nach wie vor besonders die klassischen Berufe, wie Friseurin (Frauenanteil unter den Auszubildenden 2007 = 90 Prozent), Augenoptikerin (75 Prozent) und Zahntechnikerin (56 Prozent) nachgefragt.

Entsprechend hoch ist der Frauenanteil unter den Lehrlingen in den Sparten Gesundheits-, Körperpflege- und Reinigungsberufe (76 Prozent) sowie Bekleidungs-, Textil- und Lederwarenhandwerk (58 Prozent).

Wenig Frauen in „typisch männlichen“ Berufen

Wie Spiegel Online in einem Beitrag vom 22.12.2010 berichtet, hat das Statistische Bundesamt auf der Basis des Mikrozensus ausgewertet, wie sich die Berufe in den vergangenen 20 Jahren nach Männern und Frauen entwickelt haben, mit dem Ergebnis: es hat sich seit 1991 kaum etwas getan. Zwar arbeiteten im Jahr 2009 deutlich mehr Frauen - ihr Anteil an den Erwerbstätigen stieg um 4,2 Prozentpunkte auf 45,8 Prozent. Doch die Berufswahl unterscheidet sich nach wie vor enorm zwischen den Geschlechtern.

Nach einem Bericht von Inpaed Berlin e.V. war im Bau- und Ausbauhandwerk, im Elektro- und Metallhandwerk sowie im Holzhandwerk nicht einmal jede zehnte Auszubildende weiblich. Vor dreißig Jahren lag allerdings der Frauenanteil in diesen Bereichen bei nahezu null Prozent.

Wenn sich Frauen aber für „typisch männliche“ Handwerksberufe entscheiden, dann schneiden sie bei den Abschlussprüfungen, so die Bundesagentur für Arbeit (BA), durchschnittlich erfolgreicher ab als ihre männlichen Kollegen.

Frauenanteil im Handwerk steigt weiter an

„Immer mehr Frauen im Handwerk“, ist in einem Bericht des Handwerkblattes vom Juli 2011 zu lesen. Fast jeder dritte neue Auszubildende im Handwerk ist weiblich. Mehr als 20 Prozent der Meisterprüfungen werden von Frauen abgelegt. Und auch der Anteil an den Existenzgründungen ist mit 24 Prozent sehr hoch.

„Von der Ausbildung bis zu den Führungspositionen – Immer mehr Frauen nutzen ihre Karrierechancen im Handwerk“, erklärte Otto Kentzler, Präsident des ZDH.

Um den Frauenanteil im Handwerk noch weiter auszubauen, haben die Handwerksorganisationen zahlreiche Aktivitäten zur Frauenförderung ins Leben gerufen, die in den Bilanzen zur Chancengleichheit dokumentiert werden, berichtet der ZDH.

Immer mehr selbständige Meisterinnen im Handwerk

Der Schritt in die Selbständigkeit im Handwerk wird immer öfter auch von Frauen gegangen. Jeder vierte Gründer im Handwerk ist inzwischen weiblich, berichtet der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Zudem seien über 75 Prozent der Handwerksbetriebe Familienbetriebe, die von einem Ehepaar geleitet werden. Entsprechend würden Frauen im Handwerk als Unternehmerfrauen schon immer vielfältige Führungsaufgaben wahrnehmen und seien als „Mit-Chefin“ im Betrieb beteiligt.

Die Handwerkspresse

Vor 58 Jahren, im März 1956, gründeten Medienschaffende des Handwerks die „Journalisten-Vereinigung der Deutschen Handwerkspresse“. Ihr gehören heute rund 200 Redakteure, Fachjournalisten, freie Mitarbeiter, Pressereferenten und Pressesprecher sowie Verantwortliche für Presse und Öffentlichkeitsarbeit aus Handwerkskammern, Verbänden und handwerksnahen Einrichtungen an.

Ich wurde etwa ein Jahrzehnt nach Beginn meiner Redaktionstätigkeit am „Wirtschafts- und Steuer-Dienst für das Handwerk“ Mitglied der Journalisten-Vereinigung. Damals, vor annähernd 50 Jahren, zählte sie etwa 50 Mitglieder, darunter drei Frauen. Inzwischen ist die Zahl der registrierten Mitglieder auf insgesamt 160 angewachsen, und der Anteil der weiblichen Mitglieder liegt bei 40 Prozent.

Die Frauen haben demnach in allen relevanten Bereichen das Handwerk erobert, und es liegt nahe zu prognostizieren, dass sie ihren Anteil in Zukunft noch ausweiten werden.

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