Ein steiniger Weg: Mary Anning – Paläontologin

Von Ute Lenke

„Die Paläontologie ist die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter. Gegenstand paläontologischer Forschung sind Fossilien, das heißt in Sedimentgesteinen vorkommende Organismenreste und sonstige Hinweise auf vorzeitliche Lebewesen“.

Wikipedia

Mit diesen nüchternen Worten beschreibt Wikipedia eine noch relativ junge Wissenschaft, die zur Zeit gerade durch neue Entdeckungen von sich reden macht. Bekannt ist sie auch durch ihre Forschungen und Veröffentlichungen zu Dinosauriern. Besonders Kinder sind von den „Dinos“ fasziniert, nicht zuletzt auch durch Filme wie „Jurassic Park“ oder „Ice Age“.

Die Geschichte der Wissenschaft

Die Paläontologie wurde wesentlich mitbestimmt durch eine junge Frau aus Lyme Regis an der Südküste Englands: Mary Anning. Mary wurde 1799 in Lyme Regis geboren, sie stammte aus einer armen Familie, hatte in der Sonntagsschule nur Lesen und Schreiben gelernt, und wuchs ohne Chancen auf richtige Bildung und Anerkennung auf. Marys Geburts- und Wirkungsort Lyme Regis ist heute ein hübscher, idyllischer Badeort in Dorset. Im Sommer bei Badegästen beliebt, hat der Ort das ganze Jahr über eine besondere Attraktion zu bieten. Touristen, Schulklassen, Studentengruppen ausgerüstet mit Hämmern, Eimern, Sturzhelmen machen die Küste besonders bei Ebbe unsicher.

Lyme Regis war und ist noch heute ein Paradies für Fossiliensammler und solche, die es werden wollen.

Wie kommt es, dass Lyme Regis diesen Ruf genießt, dass es als Zentrum für Paläontologen aus aller Welt gilt und seine Faszination auch Laien erfasst?

Geologie der Jurassic Coast

Dieser Küstenabschnitt entstand vor ca. 210 Millionen Jahren (im Erdzeitalter Jura), als die Gegend in der Nähe des Äquators und am Grunde eines tropischen Meeres lag. Im Laufe der Jahrmillionen Erdgeschichte und als Folge der Plattentektonik wanderte Britannien an seine heutige Stelle. Meeresablagerungen und darin eingebettete Pflanzen- und Tierreste wurden von anderen Schichten überlagert, emporgehoben, gefaltet. Diese Schichten, gebildet aus Schwarzer Jura (Lias) und Kalken, treten an der Jurassic Coast und an anderen Stellen der Erde, wie der Schwäbischen Alb, zu Tage. In Jahrtausenden haben sich die Kliffs von Lyme Regis gehoben, wieder gesenkt, wurden von Wind und Wetter ausgewaschen, Felsen sind ins Meer gestürzt und haben die versunkenen und inzwischen versteinerten (fossilierten) Zeugen der Erdgeschichte freigelegt.

Fossilien

Fundstück aus Lyme Regis, ein Ammonit (Museum Lyme Regis)
Fundstück aus Lyme Regis, ein Ammonit (Museum Lyme Regis)

Diese Versteinerungen, früher Petrefakte genannt, wurden als Kuriositäten gesammelt, und mit dem Aufkommen von Tourismus auch gehandelt. Aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann man, sich für diese Kuriositäten mehr zu interessieren und sie wissenschaftlich zu erforschen. Die Bedeutung dieser Fundstelle liegt auch darin, dass hier eine große Menge und eine Vielfalt von Arten relativ einfach zugänglich ist.

Mary Anning

Wie viele einheimische Familien zu Beginn des 19. Jahrhunderts sammelten die Annings Fossilien am Strand und verkauften diese „seltsamen Gebilde aus Stein“an Touristen und Sammler, um ihr mageres Einkommen aufzubessern. Natürlich ist das Geschäft mit den Fossilien damals nicht zu vergleichen mit heute: niemand hätte zu Mary Annings Zeiten mehrere Millionen für ein Skelett eines Sauriers bezahlt. Als Zusatzeinkommen war Fossiliensammeln eher ein unsicheres Geschäft, denn auch in Lyme Regis lagen die Fossilien nicht einfach so am Strand. Stürme und schlechtes Wetter erschwerten die Suche, manchmal waren die Funde rar oder die Touristen kauften nichts.

Lehrjahre

Der Kopf des Ichthyosaurus, Kopie im Museum Lyme Regis
Der Kopf des Ichthyosaurus, Kopie im Museum Lyme Regis

Mary lernte ihre Sammlererfahrungen von ihrem Vater Richard, einem Tischler, der wie viele andere in Lyme Regis das Familienbudget durch den Verkauf von „Kuriositäten“ an Touristen aufbesserte. Als er 1810 an den Folgen eines Unfalls starb, den er beim Sammeln erlitten hatte, führten Mary und ihr Bruder Joseph das Sammelgeschäft weiter. 1811 fanden Mary und Joseph ihren ersten fossilen Ichthyosaurier, zunächst noch „Seedrache“ genannt und für ein Krokodil gehalten. Mary grub später neben vielen anderen Exponaten auch noch den ersten kompletten Plesiosaurier aus, sowie die schönsten Exemplare eines seltenen Rochens und eines noch selteneren fliegenden Reptils, eines Dimorphodon.

Die Expertin

Mary Anning mit Werkzeug und ihrem Hund. Gemälde im Museum Lyme Regis.
Mary Anning mit Werkzeug und ihrem Hund. Gemälde im Museum Lyme Regis.

Ihre Sammelleidenschaft und ihr Geschick beim Bergen und Präparieren der Fundstücke führten dazu, dass selbst bekannte Geologen schon früh auf Mary Anning aufmerksam wurden und ihren Rat suchten. Sie sorgten dafür, dass Mary einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Einer ihrer Gönner verkaufte sogar seine eigene Fossiliensammlung und stellte den Erlös der nach dem Tod des Vaters völlig verarmten Anning-Familie zur Verfügung.

Marys erster Ichthyosaurier wurde immerhin für 23 Pfund verkauft, damals eine beträchtliche Summe. Ein paar Jahre später kostete er auf einer Auktion  das Doppelte und heute ist er das wertvollste Exemplar im „Natural History Museum“ in London, wo er zu sehen ist.

Mary selbst hatte nicht allzu viel von der Kostensteigerung, die Familie blieb arm und erst kurz vor Marys Tod wurde ihr eine Leibrente aufgrund ihrer Verdienste um die Geologie Großbritanniens zuerkannt.

Widerstände

Was Mary gegenüber vielen ihrer Zeitgenossen auszeichnet, ist, dass sie früh erkannte, dass Fossilien mehr sind als simple Kuriositäten.

Trotz Hilfe von prominenter Seite gab es nicht viele Geologen, die bereit waren, Mary Annings Verdienste beim Auffinden und Bergen der Fossilien anzuerkennen. Obwohl es allgemein üblich ist, neugefundene Arten nach ihren Findern zu benennen, wurde zum Beispiel erst 1878 ein Fossil nach ihr benannt: Tricycloserisanningi – eine Korallenart.

Förderer

Wichtig war für sie ihre Freundschaft zu den Philpot-Schwestern aus London, die ihr Interesse an Fossilien regelmäßig nach Lyme Regis führte. Die Schwestern, die anders als Mary, eine fundierte Schulbildung genossen hatten, hielten Kontakt zu den hervorragendsten Wissenschaftlern ihrer Zeit. Dadurch konnte Mary trotz ihrer niederen Herkunft ihre Funde mit bekannten Wissenschaftlern, wie William Buckland und Henry de la Beche, diskutieren.

Beide hatten damals bereits bahnbrechende Werke über Verwandtschaft und Gestalt von seltsamen Lebewesen auf Grund zahlreicher Knochenfunde geschrieben, die sie allerdings nicht richtig zuordnen konnten.

H. de la Beche lebte in Lyme Regis, und es ist möglich, dass erst Mary sein Interesse an Fossilien verstärkte. Später wurde er der erste Leiter des „Geologischen Survey“ (Vermessungsamt) von Großbritannien, während W. Buckland die erste Professur für Geologie in Oxford innehatte. Hochkarätige Kreise für ein Mädchen vom Land. Als erste Frau wurde sie schließlich sogar in die geologische Gesellschaft von Großbritannien aufgenommen.

Anerkennung

Ein schönes Zeugnis neidloser Anerkennung von Mary Annings Verdiensten findet sich im Tagebuch einer Zeitgenossin, Lady Harriet Sivester, die nach einem Besuch in Lyme Regis 1824 notierte:

„…das Außerordentliche an dieser jungen Frau ist, dass sie sich selbst so mit dieser Wissenschaft vertraut gemacht hat, dass sie in dem Moment, wo sie irgendwelche Knochen findet, weiß, zu welcher Spezies sie gehören. Sie fixiert die Knochen an einem Drahtskelett, dann zeichnet sie sie ab und graviert sie. Zweifellos ist es ein Zeichen göttlicher Gunst, dass dieses arme, unwissende Mädchen so begnadet ist, nur durch Lesen und praktische Übung sich einen Wissenstand angeeignet zu haben, der sie in die Lage versetzt, mit Professoren und anderen Fachleuten zu korrespondieren, und alle anerkennen, dass sie von dieser Wissenschaft mehr versteht als irgendjemand sonst in diesem Königreich.“

Die Öffentliche Meinung

Interessant an diesem Lob ist, dass sich Lady Sivester, wie so viele andere in Annings Umgebung anscheinend nicht vorstellen konnte, dass eine Frau, ein armes, ungebildetes Mädchen, sich aus eigener Kraft dieses enorme Wissen aneignen konnte – da mussten höhere Mächte oder göttliche Gnade im Spiel sein. Andere Zeitgenossen führten diese außerordentliche Begabung darauf zurück, dass Mary als Kind einen Blitzschlag überlebt hatte – der Blitz musste ihr Gehirn so verändert haben!

Bedeutung

Heute sieht man ihre Verdienste nüchterner: sie trug nicht nur mit ihren zahlreichen Funden, sondern auch mit ihren durchaus von Fachwissen und Sorgfalt geprägten Methoden, diese Funde zu bergen, zu präparieren und zu dokumentieren, wie sie von Lady Sivester beschrieben wurden, wesentlich zur Entwicklung der Paläontologie und deren heutigen wissenschaftlichen Arbeitsmethoden bei. Mary Annings Funde waren nicht nur „Kuriositäten“, die man den Touristen verkaufen konnte; zunehmend interessierten sich Wissenschaftler dafür und sahen in Fossilien wichtige Belege für das Aussterben von Tierarten. Zu dieser Zeit stritten sich die Gelehrten heftig, ob Tierarten aussterben und neue Arten entstehen oder ob sie sich nur verändern und irgendwo noch unentdeckt weiterleben. Darwin erkannte erst viel später in den Fossilien den Beweis für seine Evolutionstheorie.

Ausblick

Es sollte nicht verschwiegen werden, dass die Anerkennung von Mary Annings Arbeit nicht so glatt und reibungslos verlief, wie es heute manchmal dargestellt wird. Sie hatte neben Förderern auch Widersacher und musste zeitlebens um ihre Anerkennung kämpfen. Eine geregelte Schulbildung, geschweige denn eine Weiterbildung, waren für ein Mädchen und dann noch ihres Standes damals nicht möglich.

Und wenn man das Gemälde betrachtet, dass sie mit ihrem Hund und dem Grabungswerkzeug zeigt, ahnt man, dass sie auch große körperliche Strapazen und Lebensgefahr auf sich nehmen musste. Mary Annings Vater, ihr Bruder und ihr Hund, der die Funde bewachen sollte, während sie für die Bergung Männer aus dem Dorf holte,verunglückten durch Erdrutsche. Sie selbst entkam mehrmals nur durch Glück diesem Schicksal. Das Grabungsgebiet in Lyme Regis ist auch heute noch gefährlich und fordert Todesopfer.

In Memoriam

Mary starb 1847 an Brustkrebs; begraben ist sie auf dem Friedhof der St. Michaels Church in Lyme Regis, nicht weit von Kliff und Buchten entfernt, wo sie ihre so wichtigen Entdeckungen gemacht hatte. Ein Buntglasfenster in der Kirche erinnert an sie und man erzählt sich in Lyme Regis noch heute, dass der Zungenbrecher: “shesellsseashellsbytheseashore“ ihre Erfindung ist. Im Lyme-Regis-Museum sind ihr Werkzeug, ihre Fundstücke und allerlei Zeugnisse aus ihrem Leben zu sehen.

Quellen

- Mary Anning entriss die Saurier dem Vergessen, in: Die Welt, 21.05.2014

- Patricia Pierce, Jurassic Mary. Mary Anning and the Primeval Monsters, 2014

- Deborah Cadbury, The Dinosaur Hunters, 2000

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