Agnes Pockels – Hausfrau und Naturwissenschaftlerin

Von Brigitte Nguyen-Duong

Agnes Pockels folgte in ihrer chancenlosen Situation als familienpflegende Tochter einem bewundernswerten inneren Antrieb, neue Erkenntnisse zu erwerben und Lösungen zu finden, und entwickelte sich autodidaktisch zur wissenschaftlichen Forscherin.

Warum mich diese Frau interessiert

Agnes Pockels
Agnes Pockels

Als einfache Hausfrau beobachtete sie beim täglichen Abwasch im Spülwasser außergewöhnliche Phänomene. Am Ende ihres Lebens erlangte sie dafür eine  Ehrendoktorwürde. Aber bis vor wenigen Jahren war sie eine vergessene Wissenschaftlerin, auf deren Forschungsergebnisse sich selbst ein Nobelpreisträger stützte.

Die Familie

Agnes wurde als Tochter eines in Oberitalien stationierten Offiziers der österreichischen Armee in Venedig am 14. Februar 1862 geboren. Die damals dort verbreitete Malaria zehrte an der Gesundheit der ganzen Familie Pockels. Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Fritz wurde noch in Vincenza geboren. Danach ließ sich der Vater in den Vorruhestand versetzen, und 1871 zog die Familie nach Braunschweig.

Agnes besuchte in Braunschweig eine Mädchenschule, aber der Besuch des Gymnasiums oder gar ein Studium war für ein Mädchen im 19. Jahrhundert fast undenkbar. Sie wurde außerdem dringend gebraucht, um die kränkelnde Familie zu versorgen.

Fritz machte Abitur und begann ein Studium der Physik. Agnes entwickelte bei ihren häuslichen Tätigkeiten eine unbändige Neugier.

Ihre Beobachtung

Im Alter von 19 Jahren entdeckte sie beim täglichen Geschirrspülen die Veränderlichkeit der Oberflächenspannung von Wasser beim Eintauchen von festen Körpern. Sie beobachtete auch Filmbildung von verschiedenen Flüssigkeiten auf dem Wasser und dachte, dass es möglich sein sollte, die Filmdicke und die Oberflächenspannung von reinem Wasser zu messen. In ihrem Tagebuch schrieb sie 1891: „Ich habe die Anomalie der Wasseroberfläche entdeckt.“ Aus einfachen Mitteln ihres Haushalts entwickelte Agnes in ihrer Küche ein Gerät, das später in der Wissenschaft „Pockelscher Trog“ genannt wurde. Mit diesem konnte sie eine reine Wasseroberfläche herstellen. Durch einen Schieber konnte sie die Wasseroberfläche vergrößern und verkleinern und dadurch die Änderung der Oberflächenspannung präzise messen.

Die Fachliteratur des Bruders

Über ihren Bruder hatte sie Zugang zu Fachliteratur in Physik und konnte sich autodidaktisch fortbilden. Ihre Beobachtungen im Spülwasser veranlassten sie zu konsequenten wissenschaftlichen Forschungen, ohne jedoch den geringsten Kontakt zu entsprechenden Forschungseinrichtungen zu bekommen. Sie wurde als Frau nicht ernst genommen.

Entsprechende Beobachtungen machten bereits Leonardo da Vinci und später Benjamin Franklin, als eine geringe Ölmenge, auf einen Teich ausgeschüttet, die Wasseroberfläche glättete. Genaue Messungen dazu konnten aber bislang nie durchgeführt werden.

Durch Zufall las Agnes in der in Braunschweig editierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Wissenschaftliche Rundschau“ einen Artikel über die Forschungsergebnisse des damals berühmten englischen Wissenschaftlers Lord John William Rayleigh, dem es gelungen war, die Oberflächenspannung des durch Öl verunreinigten Wassers zu messen.

Korrespondenz mit Lord Raleigh

Agnes schrieb einen langen Brief mit Schilderungen ihrer eigenen Forschung an den Lord. Für sie war es beinahe ein Wunder, dass sie Antwort erhielt. Ihren deutschen Text übersetzte die Frau des Lords ins Englische. Der englische Forscher war der Braunschweigerin gegenüber sehr aufgeschlossen und äußerst interessiert an ihren Beobachtungen und Ergebnissen.

Es entwickelte sich ein intensiver Briefaustausch zwischen Agnes und Lord Rayleigh. Durch seine Empfehlung wurde ihre Arbeit sogar unter ihrem Namen in der renommierten Zeitschrift „Nature“ vom 12. März 1891 veröffentlicht.

Die Würdigung

Dreißig Jahre nach ihren ersten Entdeckungen erfuhr die wissenschaftliche Öffentlichkeit von der Weiterentwicklung der Messungen von Agnes Pockels durch den später im Jahre 1931 gekürten Nobelpreisträger Irving Langmuir, der seine Forschungen auf die Grundlagen von Agnes gestützt hatte. Das Gerät zur Messung der Oberflächenspannung wird heute in der Fachliteratur lediglich Langmuirwaage genannt. Nur wenige Autoren benutzen die Bezeichnung Langmuir-Pockels-Filmwaage. Für die engagierte und erfolgreiche Wissenschaftlerin wäre heutzutage mehr Würdigung und Anerkennung angebracht.

Zu ihrem 70. Geburtstag 1932, drei Jahre vor ihrem Tod, erinnerte sich ihre Heimatstadt an die außergewöhnlichen Leistungen ihrer Bürgerin. Sie erhielt als erste und bis heute einzige Frau an einer Technischen Hochschule in Deutschland die Ehrendoktorwürde verliehen.

Agnes-Pockels-Schülerinnen-Labor

Zehnjährigen Geburtstag feierte letztes Jahr ein der Technischen Hochschule Braunschweig angeschlossenes Agnes-Pockels-SchülerInnen-Labor, das Kinder und Jugendliche zu naturwissenschaftlichen Experimenten einlädt, und das an den langen Weg zur Chancengleichheit erinnern soll.

Literatur

- „Jubiläumsschrift zum 150. Geburtstag von Agnes Pockels“, „10 Jahre Agnes-Pockels-SchülerInnen-Labor“ Technische Universität Braunschweig, 8. März 2012

-„Datensammlung“ Liane Biermann im Auftrag der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Technischen Universität Braunschweig

-„Agnes Pockels“, Klaus Beneke, Universität Kiel, Juli 2005

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