Lina Morgenstern genannt Suppenlina

Von Erdmute Dietmann-Beckert

„Mit Vergnügen gebe ich Ihnen meinen Namen. Sie haben ein vortreffliches Werk vor, harren Sie nur aus, es wird gelingen.“ (Karl Twesten, preußischer Politiker, zu Lina Morgenstern. In: Heinz Knobloch, S.16, 1997)

Starke Frauen

Der Politiker, Karl Twesten, hatte erkannt, dass Lina Morgenstern eine Sozialarbeit beginnen wollte, die in den kriegerischen Zeiten des 19. Jahrhunderts vielen Frauen helfen würde, ihre Familien zu ernähren. Die Männer mussten 1866 für Preußen in den Krieg ziehen. Frauen und Kinder blieben ohne Ernährer, und die Lebensmittel verteuerten sich.

Die erste Volksküche in Berlin

Lina hatte von Volksküchen gehört und beschließt, sie einzurichten. Sie findet die Unterstützung namhafter Persönlichkeiten. In kurzer Zeit gelingt es ihr, vier Volksküchen zu eröffnen und hungernden Menschen zu einem Selbstkostenpreis eine Mahlzeit anzubieten. Bezahlt wurde mit Gutscheinen, die Bedürftige erwerben konnten.

Die Helfer arbeiteten ehrenamtlich, deshalb entstanden keine Personalkosten. Da die Frauen die Mahlzeit abholten, wurden auch keine Speisesäle gebraucht. Nach einer Anschubfinanzierung waren die Küchen wirtschaftlich unabhängig.

Linas Volksküche war also keine Almosenküche. Die Bedürftigen behielten ihre Würde.

Der deutsch-französische Krieg

Nur wenige Jahre später erklärte Preußen 1870 Frankreich den Krieg. Wieder blieben die Frauen mit ihren Familien ohne Einkommen, während die Männer sich von Berlin nach Westen auf den Weg machten. Diesmal hatte sich der Staat auch nicht um die Verpflegung seiner Soldaten gekümmert. Da war man froh, dass Lina Morgenstern mit ihrer Erfahrung bereit war, die Ernährung der Soldaten zu organisieren. Die Volksküchen waren jetzt bei den Bahnhöfen, wo sich die Rekruten versammeln mussten.

Verwundete Rückkehrer, unter denen sich auch Männer aus Marokko befanden, mussten versorgt werden. Frankreich hatte die Männer aus den Kolonien in den Krieg geschickt.

Lina sorgte sich um diese verwundeten Männer genauso wie um die preußischen Soldaten. Das brachte ihr Schmähschriften ins Haus. Diese Nationalisten wollten ihr schaden und missachteten die Genfer Konvention von 1864, nach der im Völkerrecht Menschlichkeit ohne Ansehen der Nation oder Hautfarbe gefordert wurde.

Sozialwerke

Mit einem Gründungskapital der Kaiserin Augusta legt Lina Morgenstern den Grundstock für eine Krankenkasse. Die Helferinnen und Helfer in den Volksküchen sollten ihren Lohn vier Wochen lang erhalten, wenn sie krank wurden.
Für die Fortbildung junger Frauen wird eine Akademie eröffnet. Lina gründet einen Kinderschutzverein und verfasst ein Lehrbuch „Das Paradies der Kindheit“.

Mit den „Frauen-Speiseanstalten“ sollen berufstätige Frauen vor männlichen Belästigungen geschützt werden. Darüber hinaus gibt Lina den Anstoß für Volksküchen mit koscheren Speisen.

Lina schließt sich Bertha von Suttner (1843-1914) an, die mit ihrem Aufruf „Die Waffen nieder“ den Krieg zwischen Völkern ablehnt.

Schließlich wird Lina Morgenstern in den Vorstand der „Deutschen Friedensgesellschaft“ berufen und nimmt am „Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen„ teil.

Würdigung

Lina Morgenstern ist die Tochter einer reformierten jüdischen Familie. Von Jugend an engagiert sie sich in sozialer Arbeit. Sie hat die Phantasie und Tatkraft, auch in widrigen Situation ihren Weg zu gehen. Sie schafft es, die Familie zu ernähren, als ihr Mann Konkurs anmelden muss. Mit ihrem sozialen Engagement gewinnt sie die Unterstützung vermögender Freunde und die Würdigung der Kaiserin Augusta.

Lina hatte die Kraft, sich gegen antijüdische, hämische Zeitungsartikel hinwegzusetzen.

Sie veröffentlichte Kinderbücher und ein illustriertes Kochbuch, das in acht Auflagen erschien. Lina Morgenstern starb 1909. Viele Menschen erschienen zu ihrer Beerdigung. Die Kaiserin schickte ein Beileidstelegramm.

„Suppenküchen“ heute

In Ulm gibt es jedes Jahr einen Monat lang in der Pauluskirche ein Essen für bedürftige Mitbewohner. Sie heißt „Vesperkirche“. Im Jahr 1996 hatte ein Pfarrer die Idee und fand Unterstützer. Die Kosten werden zu Zweidrittel durch Spenden finanziert, die „Gäste“ zahlen einen geringen Beitrag.

In der kalten Jahreszeit öffnet sich die Pforte und der Kirchenraum wird zu einem großen „Esszimmer“. Menschen, die sich keinen Restaurantbesuch leisten können, nehmen dann an weißgedeckten, schön dekorierten Tischen Platz. Vor dem Essen wird gebetet.

Lina Morgensterns Idee, Menschen in Not eine Mahlzeit zum Selbstkostenpreis anzubieten und ihnen den Segen Gottes zuzusprechen, hat bis heute überlebt.

Literatur

Knobloch, Heinz. Die Suppenlina. Berlin 1997

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