REISEN - Gestern, vorgestern und (über)morgen

von Dietrich Bösenberg

Nicht jede/r hat die Möglichkeit, selbst aktiv zu reisen. Hier können Berichte über Reiseerlebnisse Dritter – sofern sie“ interessant“ sind, dennoch ein wenig Vergnügen bereiten. Dafür einige Vorschläge und Leseproben aus der Vergangenheit, teils amüsant, teils ironisch – dazu einen Blick in die Zukunft.

Vor 140 Jahren

Mark Twain (1835 – 1910) bereiste 1878 Deutschland und besuchte u.a. die Städte Hamburg, Frankfurt und Heidelberg, aber auch Rhein und Neckar gehörten zu seinen Stationen. In seinem Buch "Bummel durch Europa" ("A Tramp Abroad") schildert er auf amüsante, teilweise ironisch/satirische Art viele Erlebnisse und Beobachtungen aus der Sicht eines Amerikaners. Als Leseprobe:

Floßfahrt auf dem Neckar
„…Deutschland im Sommer ist die Schönheit in höchster Vollkommenheit. Aber wer nie auf einem Floß den Neckar hinabgefahren ist, kennt nicht ihre ganze Sanftheit und Friedlichkeit und hat wirklich nicht die tiefste Freude an ihr ausgekostet. Die Bewegung eines Floßes ist niemals größer als unbedingt notwendig; es ist eine schmeichelnde, weichgleitende, geräuschlose Bewegung, die alle fieberhafte Erregung beruhigt und jede nervöse Hast und Ungeduld einschläfert. Unter ihrem besänftigenden Einfluss schwindet aller Kummer, aller Ärger und alle Sorge, die sonst das Gemüt quälen, und das Dasein wird zum zauberischen Traum, zum tiefen, ruhigen Entzücken. Welch ein Gegensatz zu dem erhitzenden Wandern im Schweiß des Angesichts, zu dem ständigen, betäubenden Dahinsausen in der Eisenbahn, und dem langweiligen Gerütteltwerden auf grellen, weißen Chausseen hinter müden Pferden.

und weiter
Schweigend glitten wir zwischen dem duftigen Grün der Ufer dahin und hatten ein wachsendes Gefühl des Behagens und der Zufriedenheit. Bisweilen waren die Ufer von dichtem Weidengestrüpp überhangen, und die Landschaft dahinter völlig versteckt. Bisweilen hatten wir zur einen Hand große, bis zum Gipfel mit dichtem Laubwerk bedeckte Hügel und zur anderen Hand weitoffene Ebenen, flammend vom roten Mohn oder leuchtend im satten Blau der Kornblumen. Bisweilen trieben wir im Schatten der Wälder dahin, am Rande weiter, samtener Wiesenstriche, eine unermüdliche Augenweide in ihrem blendend frischen Grün. Und erst die Vögel! Sie waren überall, jagten dauernd über den Fluss hin und her, und ihre jauchzende Musik hörte nimmer auf…“
(unveränderte Abschrift aus „Bummel durch Europa“, Verlag Ullstein, Berlin 1922, rechtefrei)

Vor 235 Jahren

Nicht nur J. W. von Goethe schrieb über seine Reisen, sondern auch Zeitgenossen, wie z. B. Christoph Friedrich Nicolai (1733 - 1811). Im Jahre 1781 reiste er durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Seine Beobachtungen und Erlebnisse beschreibt, interpretiert und formuliert er auf kritisch/sarkastische Weise, eben vor dem Hintergrund seiner Zeit und seiner persönlichen Einstellung.
Nachdem er zuvor Österreich besucht hatte, berichtet er aus Bayern:
„…Kommt man von Wien nach München, so fällt jedem, der auch nur ein klein wenig aufmerksam beobachtet, ein deutlicher Kontrast in sehr vielen Dingen auf. In anderen Bereichen gibt es hingegen auch recht viele Gemeinsamkeiten, schließlich beherrschten vor 900 Jahren die Bayern Österreich. Erst seit etwa 200 Jahren hat sich das Verhältnis umgekehrt, und Bayern wurde von dem beständig mächtiger werdenden Österreich immer abhängiger. Die beiden Nationen haben außerdem gemeinsame kulturelle Quellen, die gleiche Mundart und dieselbe Religion. Ungeachtet der unübersehbaren Gemeinsamkeiten bleibt der Gegensatz in einzelnen Bereichen immer deutlich erkennbar, oft schon auf den ersten Blick.

weiter
Kommt man z. B. aus dem Menschengedränge Wiens, so fällt sofort auf, daß in München alles sehr viel stiller zugeht. Auf den Gassen ist mehr Platz und in den Häusern kein solches Gedränge hin- und hergehender Besucher. In den Münchner Straßen ist recht wenig Verkehr, während einem in Wien das Rasseln der Räder gar nicht mehr aus den Ohren geht. Auch die Einwohner beider Städte unterscheiden sich allein schon in ihrem Äußeren. Der Bayer hat im ganzen kein so oberflächliches Wesen wie der Österreicher, ist nicht so aufgeregt in den Bewegungen und hat einen bedächtigeren Gang mit festem Tritt. Man begegnet in Bayern vielen Menschen von untersetzter Statur. Viele sind stark, breitschultrig und nur selten schlank. Im einfachen Volk entdeckte ich viele runde Köpfe und Bierwänste; aber in diesen dicken Körpern steckt Kraft. Das erkennt man sofort am Gang, der selten watschelnd oder schwankend ist, auch wenn der Körper unbeholfen wirkt. Selbst der gemeine Mann sieht jedem keck in die Augen...

mehr…
…Die jungen Leute geringeren Standes sehen sehr gesund und kräftig aus, was besonders bei den Mädchen ins Auge fällt. Hier verknüpft sich eine innere Kraft mit Schönheit zu einem sehr angenehmen Gesamteindruck….“

(unveränderte Abschrift aus „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“, Faksimile-Veröffentlichung in Digitale Bibliothek im Internet unter s.u.)

Als Kontrast – Reisen in der Zukunft

Nach den eher literarischen Reisebeschreibungen der beiden Schriftsteller früherer Zeiten ein Blick in die Zukunft des Reisens. Dazu bietet die Tageszeitung „DIE WELT“ vom 03.01.2014 in Verbindung mit dem Reiseportal „travelbook“ eine Vorausschau auf die neuesten Trends und Möglichkeiten für Reisen und Reisende. (s.u.) Hier einige Stichworte als Anregung zur weiteren Beschäftigung:

  • dank „Gesichtserkennungs-Software“ wird an Flughäfen kein Reisepass mehr benötigt.
  • digitale Gepäcketiketten ermöglichen automatisierte Gepäckabfertigung an Flughäfen, keine Wartezeiten
  • keine Probleme mehr mit Fremdsprachen. Ein digitaler „Travelguide“ in der Größe einer Kontaktlinse übersetzt unmittelbar gesprochene Wörter und ganze Sätze
  • Smartphone und Smartwatch übermitteln vor Reiseantritt persönliche Anforderungen, Wünsche und Vorlieben an Urlaubshotel und Veranstalter, so können Zimmer, Essen, Ausflüge usw. vorbereitet werden.

Man hat die Wahl zwischen Bewunderung und Skepsis.

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