Saliha Scheinhardt, die Schriftstellerin türkischer Frauen

Von Erna Subklew

Die Schriftstellerin Saliha Scheinhardt hat, wie wohl keine andere, den türkischen Frauen mit ihren Büchern ein Denkmal gesetzt. Allen Frauen, angefangen von denen, die auf dem Dorf in der Türkei leben über die in Deutschland lebenden, bis zu den Studentinnen.

Wo sie herkommt

Saliha ist die Tochter einer türkischen Arbeiterfamilie aus der Gegend von Konya, einer sehr frommen und traditionellen Gegend. So traditionell, dass man in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für die Busse, in denen Studenten befördert wurden, die Trennung nach Geschlechtern einführen wollte. Wenn man den Namen der Stadt hört, fallen einem sofort die tanzenden Derwische ein, die dort ihren Schwerpunkt haben. Eine geschichtsträchtige Stadt, die die Hauptstadt des Seldschuckenreichs war.
Schon zeitig muss Saliha mithelfen, das Budget der Familie aufzubessern. Sie kann aber immerhin zur Schule gehen und zwar acht Jahre lang, als die Schulpflicht in der Türkei nur fünf Jahre dauerte. Als Jugendliche hat sie bereits kleine Artikel für Zeitungen geschrieben und als Fremdenführerin gearbeitet.

In dieser Zeit hat sie ihren späteren Mann kennengelernt und sich in ihn verliebt. Sie kommt nach Deutschland und versucht mit einem unbändigen Lernwillen, Versäumtes nachzuholen.

Ihr beruflicher Werdegang

Während sie die Sprache lernt, arbeitet sie als Näherin, Kellnerin und Stewardess. Sie macht ihr Begabtenabitur, studiert Pädagogik, schlägt eine wissenschaftliche Laufbahn ein und sie promoviert. Diese übermenschlichen Anstrengungen führen zu gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Die ersten Bücher

Vier Jahre lang recherchiert Saliha Scheinhardt unter Frauen, ehe sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Es erscheint 1983. In „Frauen, die sterben müssen, ohne dass sie gelebt haben“, erzählt sie von einer Frau, deren Mann eine Arbeit in der Bundesrepublik aufgenommen hat und die, dem zunehmend von westlichen Normen geprägten Verhalten ihres Mannes nicht mehr entsprechen kann und den Mann tötet. Das Buch wurde 1989 unter dem Titel „Abschied vom falschen Paradies“ verfilmt.

Das Buch „Drei Zypressen“ beschreibt die Konflikte dreier Mädchen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen, sich der eigenen entfremden, ohne der Tradition entfliehen zu können. Es gelingt nicht, diesen beiden Kulturen gerecht zu werden.

Das Buch „Und die Frauen weinten Blut“ berichtet von Frauen aus drei Generationen, die in Gecekondus leben, jenen Gebieten, die sich rings um die Städte bilden, als Ableger des früheren Dorfes. Diese Häuser werden in einer Nacht errichtet und bestehen zunächst nur aus vier Wänden und einem Dach. Man baut sie weiter, wenn man, so Gott will, in Deutschland Geld verdient hat. Die dort gelebte Einsamkeit ist tödlich.

Die erste ausländische Stadtschreiberin

Saliha Scheinhardt hat fast alle ihre Bücher auf Deutsch geschrieben. 1986 erhält sie, als erste Ausländerin, den Stadtschreiberpreis von Offenbach, der mit 44.000 DM dotiert ist und für zwei Jahre eine freie Wohnung zusichert. Später bekommt noch einmal eine andere deutsch schreibende türkische Autorin den Preis von Bergen-Enkheim (Frankfurt), nämlich Emine Sevgi Özdamar.

Saliha Scheinhardt ist eine fleißige Autorin. Im Jahre 1987 erscheint ihr Buch „Träne für Träne werde ich heimzahlen“. Das Buch enthält viele autobiographische Züge. Es beschreibt eine Kindheit in Anatolien, die von einer sehr traditionellen und unduldsamen Mutter beeinflusst wird. Der Tochter gelingt es, sich diesem Einfluss zu entziehen und sich ihrer Vergangenheit zu entledigen.

Hier begegnen wir der Märchen erzählenden Großmutter, die wir dann auch in andern Büchern wiederfinden.

Weitere Bücher

1988 erscheint der Roman „Von der Erde bis zum Himmel Liebe“, ein Buch in dem die Hauptfigur ein Mann ist. Es beruht auf einem authentischen Ereignis. In einem autoritären Lande wird ein Intellektueller von der Militärjunta gefoltert und stirbt dabei.

1993 erscheinen zwei Bücher „Sie zerrissen die Nacht“, wiederum ist ein authentisches Ereignis der Anlass, das aus der Sicht eines kurdischen Mädchens erzählt wird. Das andere Buch ist ein Roman über das Leben einer jungen Frau für die nur Deutschland und die Türkei zusammen die Heimat ergeben.

Immer wieder ist die Migration das Thema ihrer Bücher. 1994 in „Liebe, meine Gier, die mich frisst“ ist aber die Protagonistin keine Türkin, sondern eine Sizilianerin, die mit ihrer Familie die Heimat verlassen hat.

Nach einem weiteren Roman veröffentlicht Saliha Scheinhardt die Briefe, die sie mit Azis Nesin gewechselt hat, einem sehr bekannten türkischen Dichter, ihr einziges in Türkisch publizierte Buch.

Migration und Heimat

Die Migration und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Migranten geben Saliha Scheinhardt immer wieder Stoff für ihre Bücher. Die Beschreibung der Veränderungen im Verhalten und zwangsläufig auch die damit verbundenen psychischen Auswirkungen sind so zwingend, dass man vermuten könnte, dass ihr eigenes Verlassen der Türkei nicht vollkommen aufgearbeitet ist. Immerhin ist das Ereignis vor über dreißig Jahre geschehen und längst verbringt sie einen Teil des Jahres wieder in der Türkei, sie pendelt, wie es viele Türken machen, wenn sie es sich leisten können. Vielleicht verarbeitet sie dieses Suchen nach Heimat und Geborgenheit auch in ihrem Buch, das im Jahre 2000 erschienen ist „Lebensstürme“.

Die beiden 2005 und 2008 erschienenen Bücher befassen sich mit Ereignissen in der Türkei.

Die letzten Bücher

Salihas Scheinhardts Buch „Töchter des Euphrats“
Salihas Scheinhardts Buch „Töchter des Euphrats“

Die Phase des Suchens scheint beendet zu sein. Die Migration ist nicht mehr Thema.

Das 2005 erschienene Buch „Töchter des Euphrats“ befasst sich mit dem riesigen Staudamm, den die Türkei im Gebiet des Euphrats gebaut hat und dem die Bevölkerung nicht nur positiv gegenüberstand. Städte und Dörfer wurden ausgesiedelt und gewachsene Kultur zerstört und überschwemmt. Auch hier spielen Frauen eine wichtige Rolle und auch hier gibt es die Mythen erzählende Großmutter.

Als ich ihr 2008 erschienenes Buch „Schmerzensklänge“ aufschlug, war ich einen Augenblick überrascht und meinte, dass Saliha Scheinhardt schon die Ereignisse im Gezi-Park verarbeitet hätte. Es ist aber die Schilderung einer Protestaktion türkischer Schüler und Schülerinnen in den neunziger Jahren, die dabei festgenommen und als Terroristen behandelt wurden. Sie wurden dabei gefoltert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Auch dieses Buch beruht auf einem realen Ereignis. Das Geschehen wird aus Sicht der sechzehnjährigen Schülerin Arda erzählt. In- und ausländischen Protesten gelang es, die Mädchen frei zu bekommen und ihre Peiniger vor Gericht zu stellen.

Noch einmal Saliha Scheinhardt

Vielleicht gehören ihre Bücher nicht zur hohen Literatur, aber sie beruhen meist auf tatsächlichen Ereignissen, einer guten Kenntnis der Verhältnisse und einer genauen Recherche. Sie sind authentisch und sich mit ihnen zu beschäftigen, kann nur meiner Meinung nach ein Gewinn für die Leser und die Integration der türkischen Frauen sein.

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