Von Picht bis Pisa

von Erdmute Dietmann-Beckert

„Die deutsche Bildungskatastrophe.“ (Überschrift einer Artikelserie von Georg Picht 1964)

Das katholische Arbeitermädchen aus dem Schwarzwald

In diesem Jahr sind es fünfzig Jahre, dass Georg Picht (1913-1982) mit seiner Artikelserie zur Situation des deutschen Bildungswesens zunächst die Leser der Wochenzeitung „Christ und Welt“ und dann die Bildungspolitiker aufweckte.
Untersuchungen hatten ergeben, dass Mädchen aus katholischen dörflichen Gegenden seltener das Gymnasium besuchten als Mädchen aus mehrheitlich protestantischen städtischen Landstrichen.
Außerdem gab es in der Bundesrepublik weniger Abiturienten als bei den europäischen Nachbarn. In den Jahren um 1960 studierten nur fünf Prozent der Arbeiterkinder an Universitäten. Das Schlagwort „Bildungskatastrophe“ kursierte in der Fachwelt. (1964)

Die Situation in Baden-Württemberg

Schulen und Lehrerbildungsanstalten waren schlecht ausgestattet und konfessionsgebunden. Die Lehrpläne in dem dreigliedrigen Schulsystem, Volksschule, Realschule, Gymnasium entsprachen nicht dem neuesten Stand. Erkenntnisse aus „Sputnik und die Mondlandung“ erforderten einen zeitgemäßen Unterricht. Die Ausbildung der Lehrer richtete sich nach der Religionszugehörigkeit in den entsprechenden Hochschulen.

Die Reform des Bildungswesens

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Der Wirtschaftsboom hatte mit der internationalen Zuwanderung auch Kinder in die Schulen gebracht, deren Muttersprache nicht Deutsch war. Die Politik reagierte und berief den deutschen Bildungsrat ein. Der erstellte einen Bildungsgesamtplan. Es gab Empfehlungen für die Vorschule, die Grundschule und die Sekundarstufe I.
Die Vorschule sollte helfen, die sozialen und sprachlichen Unterschiede zu verringern. Das „entdeckende Lernen“ wurde in die Grundschule eingeführt. Im Sekundarbereich I lernten die Schüler eine Fremdsprache, in der Regel Englisch. Die Gymnasien führten einen Pflicht- und Wahlbereich ein.
In Baden-Württemberg studierten zukünftige Grund- Haupt- und Realschullehrer an Pädagogischen Hochschulen.
Das föderale System der Bundesrepublik aber verhinderte, dass die „Empfehlungen“ überall in der Bundesrepublik entsprechend umgesetzt wurden.

Der „Pisa-Schock“ und die Folgen

Um die Jahrtausendwende wurde erstmals ein internationaler Leistungsvergleich (auf Basis der OECD)[1] unter den fünfzehnjährigen Schülern durchgeführt, genannt PISA-Test. Zuerst wurde die Lesekompetenz verglichen. Die deutschen Jugendlichen kamen im Jahr 2000 auf Platz 18 von 31. Die Wiederholung 2009 verzeichnete eine geringe Verbesserung.
In den folgenden Jahren wurde der Leistungsvergleich innerhalb der Bundesrepublik durchgeführt.
Die Schulen hatten „gelernt“. Danach erhielten, in einem Vorkurs, Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch war und deutsche benachteiligte Kinder, zusätzlichen Unterricht in Deutsch. Es hatte sich gezeigt, dass sie Textaufgaben wegen mangelnder Sprachkompetenz nicht lösen konnten.
Im bunderepublikanischen Vergleich lag Bayern an der Spitze.


 

Mehr Frauen in Bildung und Forschung

Georg Pichts Darstellung des benachteiligten“ katholischen Mädchens aus dem Schwarzwald“ hatte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die unbefriedigende Mädchen- und Frauenbildung der 60er Jahre in Deutschland gelenkt. Die wirtschaftlich starke Bundesrepublik brauchte gut ausgebildete junge Männer und Frauen.
Bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatten deutsche Frauenrechtlerinnen eine wissenschaftliche Ausbildung für Frauen gefordert. Namen wie Helene Lange und Gertrud Bäumer müssen erwähnt werden. Aber Krieg und Nachkriegszeit hatten die Schwerpunkte anders gesetzt.
Die Studentenrevolte von 1968 ließ aufmerken. Frauen meldeten ihren Anspruch auf eine wissenschaftliche Ausbildung und den Zugang in die universitäre Lehre. Bis dahin hatte es nur 116 000 Studentinnen gegeben. Um 2009 hatte sich ihre Anzahl auf zirka eine Million achthundert Tausend erhöht. Das war ein Zuwachs um mehr als das Zehnfache.

Versuch einer Bewertung

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Zweifellos hat sich seit der Jahrtausendwende die Bildungspolitik hierzulande bemüht, soziale und geschlechterrelevante Unterschiede in Schule und Hochschule auszugleichen.
Die Fördermaßnahmen für Vorschulkinder waren weitgehend erfolgreich. Die Ganztagsschulen haben sich dort bewährt, wo ein sinnvoller Wechsel zwischen Lern-und Freizeitaktivitäten beachtet wurde. Leider hat Baden-Württemberg bisher weniger Erfolg vorzuweisen. In Mathematik und Naturwissenschaft erreichten die Schüler 2011 nur Rang neun.
Aber heute studieren an Universitäten mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund, und es gibt mehr Lehrstühle für Frauen. Nach wie vor besteht im Vergleich mit den fest angestellten Professoren in Leitungsfunktionen eine deutliche Diskrepanz. Hier macht sich weiterhin die „gläserne Decke“ bemerkbar. Die bestehenden Unterschiede zwischen den Bundesländern lassen sich wegen der föderativen Struktur der Republik nicht oder noch nicht auflösen.

Worterklärungen

PISA bedeutet „Programme for International Assessment“ (Schülerleistungen werden weltweit verglichen)
OECD - Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
„Gläserne Decke“ Hindernis beim Aufstieg in Leitungspositionen

Wenn Sie sich eingehender mit dem Frauenstudium beschäftigen möchten, klicken Sie auf
http://www.uni-tuebingen.de/frauenstudium/daten/ueberblick/hist-ueberblick_Buergerrecht.pdf

Zu Georg Picht finden Sie etwas unter http://www.munzinger.de/search/portrait/georg+picht/0/10850.html und http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Picht

Zu Schulleistung in Baden-Württemberg unter
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schulleistungsvergleich-baden-wuerttemberg-nur-mittelmass.70094970-5e24-4458-ab79-73e5f9476c2d.html

Zum Internationalen Leistungsvergleich
und

Zu Pisa und die Folgen

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