Begräbniskultur heute

von Erna Subklew

In der Einführung zur „Geschichte des Todes“ von Philippe Ariès wird gesagt, dass seit Jahrtausenden sich  die Einstellung des Menschen zum Tod nur sehr wenig verändert hat. Erst im 19. Jahrhundert vollzog sich ein langsamer Wandel, der in unserer Zeit immer stärker wird.

Die Geschichte des Sterbens

Die menschliche Kulturgeschichte beweist uns, dass zur jeglicher Zeit Menschen ihre Toten bestattet haben. Die Art und Weise wie sie es taten, hing und hängt ab von ihrem Umfeld, also von ihrer Religion, die unter dem Einfluss ihrer Kultur steht.
Die Veränderungen, die sich durch das Zerbrechen und die Veränderung der früheren großen Familienverbände und durch die große Mobilität der einzelnen Familienmitglieder ergeben, werfen Fragen auf, die beantwortet werden müssen, soll ein Begräbnis nicht nur die Entsorgung eines Leichnams bedeuten.
In unserer immer noch christlichen Tradition gibt es alte Bräuche und Gepflogenheiten wie ein Begräbnis durchzuführen ist. Eine Bestattung ist ein Geschehen, bei dem die christliche Gemeinde von einem ihrer Mitglieder Abschied nimmt und den Toten von den Wohnungen der Lebenden zu den Wohnungen der Toten begleitet.
Daher erklärt es sich, dass Begräbnisse ein öffentlicher Akt sind. Keine kirchliche Bestattung konnte bis weit in unsere Tage in aller Stille erfolgen.

Die christlichen Bräuche seit dem 10. Jahrhundert

Bereits im Mittelalter stand von dem Zeitpunkt an, bei dem der Priester mit der „Letzten Ölung“ das Haus eines Sterbenden betrat, dieses auch für jeden anderen offen. Ich erinnere mich gut, als einer meiner Mitschüler gestorben war, wir den Toten besuchten, der auf dem Vorplatz des Hauses aufgebahrt war. Die familiäre private Sache war zu einer öffentlichen geworden, von der Familie war sie in die Gemeinde (Gemeinschaft) übergegangen.
Ab dem 10. Jahrhundert unterscheiden wir drei Abschnitte der Bestattung: Das Requiem, die Aussegnung des Toten und die Beisetzung. Diese Einteilung ist heute in den meisten Fällen nicht mehr einzuhalten, da in der Regel Tote nicht mehr zu Hause aufgebahrt werden, sondern in der Kapelle des Friedhofs und ein Besuch des Verstorbenen nicht mehr zu jeder Zeit möglich ist.

Veränderung im 19. Jahrhundert

Eine Bestattungsform hat sich schon im 19. Jahrhundert geändert. Bis dahin waren Steindenkmäler, also Grabsteine, den Adligen vorbehalten. Diese wurden in so genannten Kaufgräbern ( Grüften oder Mausoleen) beigesetzt, deren Benutzungszeit so lange dauerte, wie sie bezahlt wurde. Die anderen Bürger wurden in „Zeitgräbern“ beigesetzt, die zunächst  nur ein Holzkreuz hatten. Das Wesentliche aber war, dass sie nach einer bestimmten Zeit aufgelassen wurden. Diese Zeit verkürzte sich im 20. Jahrhundert wesentlich. War sie um 1960 noch 25 Jahre, so waren es 20 Jahre später nur noch 20 Jahre und man sprach bereits von einer Verkürzung auf nur noch 15. Jetzt sind auch nicht privilegierte Bürger in der Lage, ein Kaufgrab zu erwerben, dass über die vorgesehene Zeit belegt bleiben kann.  Dadurch wurden die Friedhöfe zu klein. Die Friedhofsverwaltungen kauften, wo es möglich war, Land dazu oder sperrten die Belegung mancher Friedhöfe ganz. Hätten sie die künftige Entwicklung voraussehen können, hätte man es wahrscheinlich unterlassen.

Begräbnisformen

Trauerzug 1932 (privat)
Trauerzug 1932 (privat)

Ursprünglich war die Erdbestattung, die gängigste Art der Bestattung. Bei ihr unterscheidet man das Einzelgrab, das Gemeinschaftsgrab und das Massengrab. In Deutschland ist die Sargbestattung auf einem Friedhof Pflicht.
Beim Gemeinschaftsgrab kommen mehrere Bestattungsfälle in ein Grab. Die Begräbnisse können zu unterschiedlich Zeiten erfolgen.
In Massengräbern werden vor allem in Krisenzeiten Menschen ohne Trennung der Bestattungsfälle begraben.
Besonders würdige Personen kamen früher in eine Gruft oder ein Mausoleum, also eine gemauerte Grabkammer, in die der Sarg hineingestellt wurde. Heute wendet man diese Bestattungsart nur noch selten an. Die einzige mir bekannt gewordene Beisetzung in einem Mausoleum war die von Atatürk. Im Jahre 1938.  Schon bestehende aber werden weiter genutzt.
Während bis in die nahe Neuzeit Selbstmörder als Außenseiter an der Friedhofsmauer ihr Grab fanden, wird diese Art der Bestattung seit einigen Jahrzehnten nicht mehr praktiziert.

Die Feuerbestattung

Lange Zeit wurde die Feuerbestattung von der katholischen Kirche abgelehnt.  Inzwischen ist sie erlaubt und durch die geringeren Kosten  hat diese Art der Bestattung sehr schnell zugenommen.
Bei einer Feuerbestattung besteht die Möglichkeit die Trauerfeier mit dem Sarg, den es auch hier geben muss, oder der Urne zuhalten. Entgegen der Erdbestattung gibt es aber mehrere Möglichkeiten der Beisetzung.
Zum einen kann man die Urne, wie den Sarg, auf dem Friedhof begraben. Ein Urnengrab ist nur halb so groß wie eine Erdbestattung und dadurch günstiger. Daneben gibt es die Beisetzung auf dem Privatgrund, auf See, im Weltall, die anonyme Bestattung, die Baumbestattung, die Streubestattung und die in einer Urnenwand. Dies alles sind Bestattungsarten, die es vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gegeben hat und für die man keinen Friedhof braucht.

Öko-Bestattungen

Neuerdings spielt auch der Gedanke des Naturschutzes eine Rolle bei den Bestattungen. So sollen Särge mit giftfreiem Lack gestrichen werden und die Urnen aus biologisch abbaubarem  Material bestehen.
Zu der Öko-Bestattung kann auch die Alkalische Hydrolyse gerechnet werden. Bei ihr wird der Verstorbene mit Sarg in einen Tank mit Kalilauge gelegt, in dem er in wenigen Stunden in eine rückstandfreie sterile Flüssigkeit verwandelt wird, die über das Abwasser entsorgt werden kann. Diese Art der Biokremierung braucht 85 Prozent weniger Energie gegenüber der Feuerbestattung und verringert den Flächenverbrauch gegenüber Friedhöfen.
Das Verfahren ist bereits in Kanada, Großbritannien und Australien zugelassen ebenso wie in acht Bundesstaaten der USA. In 17 laufen die Zulassungsverfahren.

Übergeben des Toten der Erde

Die Schritte beim Tod eines Angehörigen nötig sind, werden den meisten von uns gar nicht mehr so bewusst sein, da man diese Arbeiten meist einem Beerdigungsinstitut überlässt.
Zunächst erfolgt die amtliche Feststellung des Todes durch einen Arzt. Erst dann beginnen die einzelnen Schritte: Nach der Leichenwaschung kommt zunächst das Ankleiden und Herrichten, wir sollen ja auch als Tote angenehm aussehen, dann das Einsargen. Anschließend wird der Verstorbene in seinem Sarg in der Regel in die Kapelle des Friedhofes gebracht, wenn nicht ein Trauerzentrum genutzt wird. Die Angehörigen müssen mit dem Friedhofsamt ausmachen, zu welchen Zeiten die Trauernden den Toten besuchen und Abschied nehmen oder eine Totenwache halten können.
In der Kapelle des Friedhofes oder Trauerzentrums wird zum angesetzten Termin auch die kirchliche oder weltliche Trauerfeier durchgeführt.  Von dort aus geht nach der Zeremonie der Zug der Trauernden hinter dem Sarg oder der Urne her bis zum Grab. Hier erfolgt in der Regel noch einmal eine kurze Ansprache oder ein Gebet für den, der als Nächster sterben wird und die Trauergäste nehmen am offenen Grab einzeln Abschied,  indem sie Erde oder Blumen ins Grab werfen.

Rituale zur Trauerbewältigung

Die Gebete,  die Musik und die Trauerrede lassen uns noch einmal den Verstorbenen in unser Gedächtnis zurückrufen und helfen dabei, mit der Trauerarbeit zu beginnen. Dazu gehört auch das Beileid wünschen, bei dem die Trauergäste den Angehörigen ihr Mitgefühl ausdrücken. In der Regel ladet die Familie des Verstorbenen die Teilnehmenden zu einem Leichenschmaus in ein Lokal ein.
In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass immer mehr Anverwandte darum bitten, nicht am Grabe Beileid zu wünschen. Dafür liegt meist am Eingang der Kapelle ein Kondolenzbuch aus. Immer weniger Gäste nehmen auch das Angebot einer  Einladung zu einem gemeinsamen Essen oder Kaffee nicht mehr an. Was bedeutet dies? Hat man so wenig Zeit für den Verstorbenen oder möchte man so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren?
Beinahe glaube ich letzteres, denn in immer mehr Todesanzeigen steht auch der Satz: Die Beerdigung hat auf Wunsch des Verstorbenen in aller Stille stattgefunden.

Islamische Bestattung

Obwohl wir weit über drei Millionen Moslems in Deutschland haben, überführen die meisten von ihnen ihre Toten noch in ihr Herkunftsland. Dabei entstanden bereits Ende 1990 islamische Gräberfelder auf deutschen Friedhöfen Zu groß scheinen die deutschen Bestattungsvorschriften die islamische Tradition bei der Trauerfeier zu behindern. So schließen, vor allem türkische Moslems Bestattungsversicherungen ab, damit sie ihrem Glauben gemäß diese Welt in ihrem Ursprungsland verlassen können. Diejenigen, die die Versicherung abgeschlossen haben, haben auch meist ihr Todeslaken zu Hause bereit liegen.
Der Unterschied zur deutschen Bestattungskultur ist, dass möglichst am gleichen Tag begraben werden soll, der Stein für die rituelle Waschung nicht vorhanden ist, in der Erde noch niemand begraben sein darf, der Tote nur in ein Laken gewickelt begraben wird, das Grab nicht aufgelöst wird und das Gräberfeld eine gesicherte Richtung nach Mekka hat.

Quellen:
Philippe Ariès: Die Geschichte des Todes

Josef König: Einige grundsätzliche und umfassende Überlegungen zu den neuerlichen Veränderungen in der Bestattungskultur aus katholischer Sicht

Weitere Informationen erhalten Sie bei
Die letzten Dinge: Deutsche Begräbniskultur im Wandel der Zeit

Der Tod in der Diskussion

Kommentare

Zurück