Um die halbe Welt der Arbeit wegen

von Bernhard Bräuer

Die Welt und mit ihr die Arbeitswelt änderten sich nach 1945 gewaltig. Das war auch ein Teil meines Lebens.

Neuanfang

Es war ein herrlicher Morgen, als ich im September 1950, gekleidet wie ein Waldarbeiter, mit der Axt im Rucksack mein Fahrrad durch den Hochwald in Richtung Zonengrenze schob. Als ich mit dem Fahrrad von Stein zu Stein in Richtung westdeutsches Ufer taperte, hörte ich plötzlich Schüsse aus einer Maschinenpistole und laute Rufe: “STOY, STOY!”. Ich war aber schon am westdeutschen Ufer.
Ein westdeutscher Jeep mit Grenzpolizisten zeigte mir den Weg nach Bad Harzburg. Ich fuhr zum Bahnhof und kaufte eine Fahrkarte und eine Fahrradkarte für den Zug nach Düsseldorf. Mein einziger Kontakt im Westen waren Düsseldorfer, die während des Krieges in Thüringen evakuiert waren.
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück fuhr mein Gastgeber mit mir zum Arbeitsamt, wo ich meine Arbeitspapiere vorlegte. Ein Arbeitsvermittler sagte, dass von einem großen Rohrwerk Bohrrohrdreher gesucht würden. Obwohl ich gar nicht wusste was ein” Bohrrohr” war, sagte ich, dass ich diese Arbeit ausführen könnte, und er schickte mich zur Vorstellung zu einem Werk in der Ronsdorfer Straße. Dort stellte ich mich vor und wurde eingestellt.

Wirtschaftswunder

Täglich fuhr ich mit dem Fahrrad zur Frühschicht und die Arbeitskollegen, besonders die Vorarbeiter, machten mich mit Technologien und Werkzeugmaschinen  vertraut, die mir bisher unbekannt gewesen waren.  Das Werk war ein  großer Komplex, in welchem ca. 3000 Leute beschäftigt waren. Vom 2. Weltkrieg stand noch ein großer “Zuckerhutbunker “auf dem Werksgelände, neben dem Wohnhaus der Familie Inden, welche das Werk gegründet hatte. Auch waren noch die Halle einer Torpedoversuchsanstalt und die von Siemens gebaute größte Stumpfschweißmaschine der Welt vorhanden, die aber nicht mehr Torpedoköpfe sondern Bohrrohrgewinde anschweißte.
Nachmittags suchte ich Büchereien auf, wo ich in der Fachliteratur die Theorien  der Herstellung von Bohrrohren für die Erdöl- und Erdgasindustrie nachlesen konnte. Auch belegte ich ein Fachstudium an der Fernschule Essen. Ich arbeitete mich schnell ein und hatte kein Problem bald das tägliche “Pensum”, so wurde die Akkordarbeit bezeichnet, zu schaffen.  Die Arbeitskollegen achteten streng darauf, dass niemand das “Pensum”überschritt, um nicht den Akkord zu verderben.

Ein spannender Auftrag

Im Herbst 1955 wurde ich zur Betriebsleitung gerufen, wo mir der Direktor sagte, dass die Firma an der Westküste von Kanada in Port Moody, einem Vorort von  Vancouver in der Provinz Britisch Columbia, ein neues Rohrwerk zur Herstellung von Rohren für die Industrie, und besonders für die Erdöl- und Erdgasindustrie, errichtet. Das Werk sollte Anfang 1956 anlaufen und ich wäre vom Betriebsleiter vorgeschlagen worden, um in diesem neuen Werk die theoretische und praktische Ausbildung für das Personal der Bohrrohrabteilung durchzuführen.
Ich verabschiedete mich von den Arbeitskollegen und Vorgesetzten und verbrachte die nächsten Monate in den zahlreichen Produktionsanlagen und Konstruktionsbüros, die Anlagen, Werkzeuge und Messgeräte für das neue Rohrwerk in Kanada geliefert hatten. Die Monate vergingen schnell mit Besprechungen, dokumentieren von Beobachtungen, anfertigen von Zeichnungen und praktischer Arbeit in Vorbereitung  auf die Aufgaben in dem neuen Rohrwerk. In Hannover, bei der Kanadischen Kommission, bekam ich ein Besuchervisum, das für 6 Monate gültig war.

In die Neue Welt

Am 5. August 1956 flog ich mit einer Viking der Lufthansa nach Shannon, Irland. Da die Lufthansa keine Erlaubnis hatte, von Deutschland kommend direkt in Shannon zu landen, machte das Flugzeug eine Zwischenlandung in Sheffield, England, wo es für etwa 30 Minuten in einer einsamen Ecke des Flughafens parkte. Es wurde nicht betankt und die Passagiere durften das Flugzeug nicht verlassen. In Shannon stiegen alle Passagiere in eine Super-Constellation um, ein 4-motoriges Propellerflugzeug der Lufthansa, zum Flug nach Montreal.   Es war Nacht,  als das Flugzeug, ausgerüstet mit Zusatz-Treibstofftanks, die an den Flügelspitzen angebracht waren, sich mit heftigen Fibrationen und lautem Dröhnen der Motoren langsam vom Rollfeld abhob. Durch ein kleines Fenster konnte ich ein glühendes, etwa 12 cm dickes Auspuffrohr sehen, das eine blaue Flamme hinter sich her zog.  Etwa 11 Stunden waren wir in der Luft, als das Flugzeug im Morgengrauen den Transatlantik-Flughafen in Montreal anflog. Die Abfertigung durch die Kanadische Einwanderungsbehörde war schnell und unbürokratisch.

Westwärts

Mit einem Autobus musste ich zum Kontinentalflugplatz fahren, wo der 12 –stündige, etwa 4500 km lange Flug nach Vancouver startete. Nach Zwischenlandungen in Toronto, Winnipeg, Regina und Calgary, setzte das Flugzeug gegen 16:00 Uhr pazifischer Zeit in Vancouver zur Landung an.  Das Gepäck musste man neben dem Flughafengebäude unter einem freistehenden Dach abholen. In der Luft lag ein Geruch von Zedernholz, der von den zahlreichen Sägewerken kam, die am Pazifik in der Nähe des Flughafens arbeiteten.
Ich wurde von einem Beauftragten der Firma abgeholt. Wir gingen zu dem geparkten Auto, einem roten Mercury Straßenkreuzer mit weißem Dach und einen 8-Zylinder Motor. Wow! Auf der vorderen, mit weißem Leder überzogenen, Sitzbank konnten bequem drei Personen sitzen.  Günter fuhr mich zu dem einzigen Hotel in Port Moody, das nahe am Bahnhof und nur 1 km vom Rohrwerk  entfernt lag.

Andere Länder andere Sitten

Das Hotel hatte auf der ersten Etage 6 Zimmer, eine Toilette und einen Duschraum. Ich wurde dann belehrt, dass mich das nicht stören müsste, denn die Zimmer wären fast nie belegt. Um die im Erdgeschoss liegenden Bierhallen betreiben zu können, musste das Hotel 6 Zimmer haben. Das war eines der strengen Alkoholgesetze, ein Überbleibsel aus der Victorianischen Zeit. Eine der Bierhallen darf nur von Damen in Begleitung eines Herren betreten werden und die Andere nur von Herren ohne Begleitung. Das heißt, alleinstehende Damen hatten keinen Zutritt. Um 23:45 wurde das Licht ein paar Mal aus- und eingeschaltet. Das hieß: in 10 Minuten gibt es kein Bier mehr. Jeder bestellte Bier so viel die Tische erlauben und sie tranken es so schnell sie konnten, denn um 24:00 mussten alle raus. Die meisten waren betrunken und fuhren in ihren Autos nach Hause…
In einem „Coffeeshop” neben dem Hotel habe ich gegessen. Der Kaffee wurde in großen Aluminiumgefäßen, Perculatoren, zubereitet, aus Glaskannen serviert und laufend nachgegossen. Auf dem Tassenboden hätte man die Zeitung lesen können.

Kennenlernen

Die ersten Arbeitstage waren damit ausgefüllt, mich mit allen Abteilungen des Rohrwerkes bekannt zu machen und mich über die Probleme in der Abteilung für die Fertigung der Ölfeldrohre zu informieren.
Die Produktionsanlage war mit in Deutschland hergestellten “Sondermaschinen” ausgerüstet, sie waren alle ”Modell # 1”.  Bedienungsanleitungen waren nicht vorhanden. Die angelernten Arbeitskräfte hatten Erfahrungen als Tagebau-Bergarbeiter, Fischer, Fallensteller, Holzfäller, Landarbeiter und Landvermesser. Sie hatten ihre Erfahrungen mit den Werkzeugmaschinen in persönlichen “geheimen” Notizbüchern aufgezeichnet.
Die Maschinen waren nach neuesten Zerspanungsmethoden konstruiert, aber ungeeignet für die optimale Herstellung von Gewindeverbindungen nach amerikanischen Spezifikationen.  Reklamationen und Beschwerden von Kunden über undichte Gewindeverbindungen, die bisher ignoriert worden waren, konnten auf falsche Konstruktion der Zerspanungsmaschinen und der Zerspanungswerkzeuge zurückgeführt werden.
Da war guter Rat gefragt, nicht nur meiner.

Verbesserungen

Diese und zusätzliche Mängel erforderten gezielte Abhilfemaßnahmen wie:
-Schulung von Personal und Erstellung von Betriebs- und Arbeitsanleitungen
-Erstellung und Einführung von Arbeits- und Unfallschutzvorschriften
-Nacharbeit aller Fertigprodukte mit fehlerhaften Gewindeverbindungen
-Erwerb von Maschinen und Werkzeugen zur Herstellung von Produkten mit handelsüblicher Qualität.
Diese Vorschläge wurden wegen der zusätzlichen Kosten von der Geschäfts- und Betriebsleitung nur sehr zögernd akzeptiert. Ich konzentrierte mich auf die Arbeit der Schulung von Personal und der Qualitätserhöhung.
1959 wurde ich Planungsingenieur für den gesamten Betrieb und damit verantwortlich für die Produktionsplanung von der Rohmaterialbeschaffung bis zur Verladung der Fertigprodukte. Damit hatte ich freie Hand.
Meine Arbeitswelt erweiterte sich in die Entwicklung und die Einführung von Systemen, um ein komfortables und sicheres Arbeitsumfeld zu gewährleisten. 1963 wurden Umweltschutzsysteme und Anlagen entwickelt und in Betrieb genommen um den behördlichen Bestimmungen Folge zu leisten.

Meine private Arbeitswelt

Inzwischen hatte sich meine Arbeitswelt auf Familienaktivitäten ausgedehnt. Nach Jahren einer Junggesellenexistenz hatte ich eine Familie gegründet und ein Haus gebaut. Als wir am Strand eine Mahagonitür von einer Yacht fanden, wollten die Kinder ein Spielhaus haben. Das baute ich im Garten mit Telefon und Möbeln. Dazu gab es einen Rundlauf, eine Kletterstange und ein Reck. Zusätzlich baute ich im Erdgeschoss ein Familienzimmer für Spiel- und Bastelaktivitäten aus, denn die Winter waren lang und regnerisch an der pazifischen Küste Kanadas.

Kommentare

Kommentar von Wende |

Finde den Bericht sehr gut und anschaulich als leben eines Ingenieurs in den Nachkriegswahlen,nur das persönliche kommt etwa zu kurz

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