Der ungenannte Teil der Solidarnosc-Bewegung

Von Roma Szczocarz

„Mächtig unbekannt“, es geht um die weibliche Hälfte der “Solidarnosc“-Bewegung. Zu Beginn der 1980er Jahre waren die Frauen nicht nur mit Brot schmieren für ihre Männer beschäftigt, sie unterstützten sie auch aktiv, sie kämpften gemeinsam - in der ersten Linie. Aber leider geriet die Rolle der Frauen in Vergessenheit.

„ Frauen, stört uns bitte nicht“

Diese Parole konnte man während der großen Streikwelle 1980 um die Danziger Leninwerft an einer Mauer der Werft sehen. Sie lautete genau: „Frauen, stört uns bitte nicht, wir kämpfen für ein freies Polen“.

Unglaublich! Die “Solidarnosc“-Bewegung zählte ungefähr 10 Millionen. Mitglieder: Männer UND Frauen. Die Frauen leisteten damals im Vorfeld der Gründung der “Solidarnosc“-Bewegung einen unschätzbaren Beitrag.

Selbstverständlich, die solidarische Mitarbeit der Frauen an der Basis war gut, aber immer im Schatten der Männer. Die Hauptfiguren waren damals die Kranführerin Anna Walentynowicz und die Krankenschwester Alina Pienkowska. Ohne diese beiden Frauen wäre die Geschichte der Streiks anders verlaufen.

Während der Streikaktion im August 1980 war Lech Walesa bereit, nach der Ankündigung einer Lohnerhöhung, den Streik zu beenden, aber die beiden riefen zur Fortsetzung der Aktion auf. Besonders die flammenden Reden der Kranführerin waren berühmt und unterstützten die Streikenden. Während der Streikwelle 1980 standen Hunderte von Frauen vor den Mauern der Leninwerft in Danzig. Sie bildeten ein unüberwindbares Hindernis für die Polizei und die Armee, die beide den Befehl hatten, den Streik gewaltsam aufzulösen.

„Mutter der Solidarnosc“

Im September 1980 wurde die Gewerkschaft “Solidarnosc“ gegründet und Anna Walentynowicz zur “Mutter der Solidarnosc“ ernannt.

Wer war Anna Walentynowicz? Anna wurde 1929 in Rowne damals Polen, heute Ukraine, als Kind katholischer Bauern geboren. Sie kam am 10. April 2010 bei dem Flugzeugabsturz der polnischen Delegation, nahe Smolensk, ums Leben.

Als die Arbeiterin Anna Walentynowicz eine Verbesserung der Arbeitsbedingung auf der Leninwerft forderte, wurde sie von der Werftführung am 7. August 1980 fristlos entlassen - nach fast dreißig Jahren Betriebszugehörigkeit und kurz bevor sie das Rentenalter erreichte. Ihre Entlassung hat am 14. August zu den Streiks, die zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft „Solidarnosc“ und zu den Augustabkommen zwischen der „Solidarnosc“-Bewegung und dem kommunistischen Regime geführt.

Die weibliche Hälfte der „Solidarnosc“-Bewegung in Danzig hatte Annas klugen Kopf. Leider trat noch 1980 die schon Rentnerin gewordene Anna Walentynowicz aus der Gewerkschaft „Solidarnosc“ wieder aus.

Vergessene Siegerinnen

Als Ministerpräsident General Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte und die “Solidarnosc“ verbot, wurden viele Männer verhaftet und inhaftiert. Jetzt trafen die Frauen alle wichtigen Entscheidungen. Als ihre Männer verhaftet waren, haben sie die Netze der Untergrundstrukturen der Gewerkschaft „Solidarnosc“ organisiert. Die Journalistinnen, Publizistinnen und viele andere namenlose Aktivistinnen haben illegale Flugzettel, Untergrundblätter, überhaupt die Alternativpresse selbst hergestellt, ebenso die Untergrundliteratur. Denn die Frauen kolportierten alles, während die Polizei nur die Männer als Autoren und Publizisten gesucht hat. Die Frauen waren aktiv bei der Veranstaltung von verbotenen Treffen und führten Schulungen der jungen Leute durch.

Ein ganz vergessener Teil ihrer Tätigkeit: die Hilfe - die Hilfe für die Familien der inhaftierten Kollegen.

„Vergessen Sie die Frauen nicht“ von Louise Otto- Peters

Die Frauen der “Solidarnosc“-Bewegung sind aus dem Schatten der “ewigen Zweiten“ getreten, dank eines Buches: “National Secret: The Women Who Brought Democracy to Poland“ von Shana Penn, einer amerikanischen Literatin, Publizistin und Feministin, der Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum in San Francisco. Die Amerikanerin hat die Geschichte der Frauen-Aktivistinnen beschrieben. Das Buch, in dem die namenlosen Frauen als Leiterinnen der „Solidarnosc“-Bewegung dargestellt werden, galt in Polen als literarische Fiction. Warum marginalisierten die Männer - die Kollegen – die Rolle der Frauen bei Polens Weg zur Demokratie? Warum hatten die Frauen – die Aktivistinnen in dem kollektiven Gedächtnis - keine Funktion?

Das Motto von Louise Otto- Peters, Begründerin der deutschen Emanzipationsbewegung, ist immer noch aktuell:

„Die Geschichte aller Zeiten hat es gelehrt,….
dass diejenigen, welche selbst an ihre
Rechte zu denken vergessen, auch vergessen werden“

Kommentare

Kommentar von Bernhard Peitz |

Ich habe in die neue Ausgabe zwar erst bei einigen Artikeln reingelesen, aber die waren schon wieder richtig interessant. Da gibt es also noch einige Abende zu lesen. Danke dafür.

Zurück