Höhlenwohnungen in Kappadokien

von Erna Subklew

Vor vielen Millionen Jahren bedeckten in der Zentraltürkei, in Kappadokien, mehrere Vulkane das Land mit ihren Eruptionen. Zu den größten von ihnen zählten der Erciyes Daği südlich von Kayseri und der Hasan Daği südöstlich von Aksaray. Sie überzogen die Gegend meterhoch mit hellem Tuffstein.

Die Geschichte der Gegend

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Göreme

Seit zwanzig Millionen Jahren bis hinein in die frühgeschichtliche Zeit bedeckten die genannten Vulkane und noch einige kleinere Zentralanatolien mit einem weichen hellen Tuffstein (In einer der vorgefundenen Höhlen hat man eine Zeichnung vom Ausbruch des Hasan Dagi gefunden). Durch Erosion entstanden bizarre Gebilde mit tiefen Rillen und steil abfallenden Wänden auf deren Grund sich oftmals kleine Flüsse befinden.

Da Menschen in der Regel sich ihre Behausungen aus dem Material anfertigen, das sie vorfinden und zudem die verhältnismäßig leichte Bearbeitung des Materials überzeugte, hat man bereits in der Bronzezeit neben den natürlich entstandenen Höhlen neue als Wohnraum hergestellt. Im Laufe der Zeit wurden nicht nur Höhlen in den Berg hinein sondern auch in die die Tiefe gegraben. Bereits seit der Bronzezeit, zur Zeit des großen hethitische Reiches, wurden Gänge tief in die Erde gegraben, Räume und Lagerstätten angelegt. Ein Grund dafür dürfte dabei auch der Schutz der Höhlen gegen extreme Temperaturen gewesen sein. Während die Sommer in Zentralanatolien sehr heiß sind, sind die Winter extrem kalt.

Erste Berichterstattung

Zum ersten Mal wird von ganzen unterirdischen Städten in der Anabasis von Xenophon im vierten Jahrhundert vor Christus berichtet. Er schreibt, dass die Menschen in Anatolien ihre Häuser in die Erde hinein bauten. Die Eingänge für das Vieh waren angelegte Wege, die für die Menschen aber erfolgten über Zugänge, die kaum größer waren als ein Brunnenschacht, den man entweder über eine Leiter oder über in die Wand gegrabene Tritte betrat.

Die Besiedlung durch die Christen

Kirche von Aksaray, Foto: Klaus-Peter Simon

Im ersten christlichen Jahrhundert zogen sich zunächst Einsiedler aus dem bereits christianisierten Umland hierher zurück. Sie benutzten die vorhandenen Höhlen als Refugium ehe sie selber anfingen eigene zu graben. Für sie bedeuteten die Höhlen nicht Schutz vor Angreifern sondern zunächst eine gute Rückzugsmöglichkeit aus der Welt. Ab dem vierten Jahrhundert nach Christi, als sich das Christentum ausweitete, zogen immer neue Gruppen hierher. Ihre Ansiedlung führte zu einem vermehrten Bedarf an Wohnungen, Klöstern und Kirchen. Da sie zunächst keine Feinde hatten, blieben die Wohnungen ebenerdig.

Als die isaurischen Truppen, die als Räuber bekannt waren in diese Gegend einfielen, später dann die Hunnen, danach persische Gruppen und seit dem siebenten Jahrhundert nach Christus die Araber in diese Gegend einfielen, wurden auch die Wohnungen aus Gründen von Sicherheit und Verteidigung unterirdisch gebaut. Drei Jahrhunderte lang lebten die christlichen Bewohner hier versteckt. Erst mit der Übernahme von Kappadokien durch Byzanz konnte man wieder frei in den in den Berg gebauten Wohnungen leben.

Der Bau von Kirchen

Bis zum elften Jahrhundert sollen ungefähr 3000 Kirchen aus dem Tuffstein gehauen worden sein. Die Kirchen waren unterschiedlich ausgestattet, von den kahlen Wänden der Untergrundkirchen bis zu schönen Fresken in den Kirchen, die oberhalb aus dem Stein gehauen waren, konnte man alles finden. Über hundert mehr oder weniger umfangreiche Reste von Kirchen kann man heute noch im Göreme-Tal finden. Man entwickelte aber keinen eigenen Stil, sondern übernahm die Architektur der byzantinischen Sakralbauten. Diese Kirchen gehören heute zu den am besten erforschten Höhlenkirchen.

Seit 1985 gehören die Kirchen zum Weltkulturerbe der UNESCO und sind damit hoffentlich vor der Zerstörung durch heutige Menschen geschützt.

Mit dem Sieg der Seldschuken bei der Schlacht von Manzikert über Byzanz war die fruchtbare christliche Zeit zu Ende.

Türken in Kappadokien

Trotz der religiösen Toleranz der neuen Herrscher wanderten die christlichen Bewohner langsam ab. Türkische Bauern übernahmen die Wohnhöhlen. Sie mussten sich nicht mehr vor Feinden schützen und so veränderten ihre Wohnungen auch ihre Form.

Die Höhlenwohnungen bekamen neue Fassaden und die vordem miteinander verbundenen Räume wurden zu einzelnen Einheiten verändert, die jeweils nur von außen betreten werden konnten. Viele Jahrhunderte lebten im selben Dorf noch Christen (Griechen) und Moslems zusammen bevor die letzten Christen nach dem Ersten Weltkrieg die Dörfer verließen.

Heute baut man als Touristenattraktion wieder ganze Hotels in den Felsen. Außerdem legt man große Lagerräume an, um darin Obst vor allem Äpfel und Zitronen möglichst lange bei konstanten Temperaturen zu lagern.

Die unterirdischen Städte

In dem eher eben gelegenen Dorf Derinkuyu befindet sich gegenüber den üblichen Touristengeschäften, der Eingang zu einer der so genannten unterirdischen Stadt. Der Eingang ist nicht sehr groß. Man betritt die Stadt entweder über eine Leiter oder aber über in die Wand gegrabene Tritte. Als erstes sieht man in dem Raum, in den man kommt einen riesigen runden Stein, der in der Mitte ein Loch hat. Das ist die "Tür" zu dieser Stadt. Wenn Gefahr besteht, wird dieser Stein, der wie ein Mühlstein aussieht, vor den Eingang gerollt. Er ist so gestaltet, dass er nur von innen bewegt werden kann, nicht aber von außen. Wobei das Loch im Stein eine Art Spion bildet. Von dem Platz im Inneren der Erde gehen nun Stollen nach den verschiedenen Seiten ab. Und immer wieder auch in die Tiefe. Man sagt, dass es einige Städte gibt, die bis zu zehn Stockwerke haben. Dazwischen gibt es immer wieder große Räume, so dass man längere Zeit in der Stadt leben konnte.

Die obersten Räume sind dem Vieh vorbehalten, das über einen angelegten Weg hinunter gelangt.

Die Einrichtung

In den Wänden sind Vorrichtungen für die Aufnahme von Gefäßen für Lebensmittel, Wasser und andere Flüssigkeiten vorgesehen.

Unter dem ersten Stockwerk befinden sich dann die Wohn- und Wirtschaftsräume. Tische, Bänke und Schlafstätten sind aus Stein gehauen. In den einzelnen Städten hat man auch Arbeitsräume gefunden: In einigen von ihnen, beispielsweise in Kaymakli einen Schmelztiegel für Kupfer, in Derinkuyu eine Weinpresse, in Güzelyurt eine Toilette. Es gab in diesen Städten auch Zisternen und Brunnen.

In den darunter liegenden Stockwerken befinden sich dann die Räume von Kloster und Kirche. Diese Räume sind in der Regel einfach gehalten und kaum verziert. Ihr Grundriss ist meist ein Kreuz. In den Wänden dieser Räume sind Nischen für die Aufnahme von Verstorbenen.

Da man damit rechnete, auch länger diese unterirdischen Städte bewohnen zu müssen, hat man Luftschächte gebaut, die noch heute funktionieren und die gleichzeitig den Rauch des Feuers abtransportieren.

Man weiß von 40 unterirdischen Städten, die es in Kappadokien geben soll und glaubt, dass es noch mehr sein könnten. Man spricht auch davon, dass ein Teil von ihnen miteinander verbunden gewesen sein sollen, doch hat man bisher noch keinen Gang gefunden.

Die Feenkamine

Feenkamine bei Goereme

Der verhältnismäßig weiche Tuffstein unterliegt leicht der Erosion. Da wo sich auf das weiche Gestein härteres gelagert hat, entstanden hohe Türme. Während die Seiten durch Wasser und Wind abgetragen wurden, blieb der Tuffstein unter dem härteren Stein stehen und bildete so hohe Kamine. Diese schlanken Türme, die mich an Minarette erinnern, werden Feenkamine genannt.

Zunächst wurden sie zu Wohnzwecken benutzt indem man sie innen durch Gänge unterteilte und so Stockwerke und Wohnräume entstanden, Fenster wurden ausgespart. Heute sind diese Türme nicht mehr von Menschen bewohnt sondern bilden natürliche Taubenschläge.

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