Unesco-Weltkulturerbe: die Völklinger Hütte

von Barbara Heinze

Die Eisenverhüttung hat im Saarland eine lange Geschichte, die bis in die Keltenzeit zurückgeht.
Es ist historische Wahrheit, dass ein Keltenstamm, die Mediomatriker, die in Ostfrankreich sowie dem Saarland und Reinland-Pfalz lebten, den Eisengehalt der Berghänge kannten und sie/oder die Römer das Eisenerz geschmolzen haben. Die Geschichte der ältesten neuzeitlichen Eisenschmiede im süddeutschen Raum beginnt im Jahr 1430 mit dem Neunkircher Eisenwerk.

 

Hütten im Saarland

Bild 1 Völklinger Hütte

Ich selbst bin in Neunkirchen aufgewachsen und meine Kindheit und Jugend wurde geprägt von Kohle und Staub des Eisenwerks. Und die Luft war ständig erfüllt von dem Klang der Hämmer und Windlüfter. Meine Erinnerungen: Der Anblick des braunroten Rauchs aus den Hochöfen entlockte mir die Frage: Kommt da Kakao heraus? Vor jedem Gang aus dem Haus nervte mich die Ermahnung meiner Mutter: Putze Dir erst mal Deine Nasenlöcher.

Die von der Familie Stumm geführte Hütte war keineswegs die größte Hütte im Saarland: Das war die Hütte der Familie Röchling in Völklingen. Insgesamt gab es im Saarland zu den Glanzzeiten der Stahlindustrie vier Hütten, neben Neunkirchen und Völklingen noch die Burbacher Hütte und die Dillinger Hütte, die heute noch existiert.

Die Völklinger Hütte wurde 1873 gegründet und war in den Produktionszeiten ein Hochtechnologiestandort: Sie versammelte weltweit die meisten Patente im Hüttenwesen auf sich. In den 1970iger Jahren wurde über eine Million Rohstahl/Jahr erzeugt und waren etwa 17 000 Arbeiter beschäftigt.

Hüttenschliessung

Im Zusammenhang mit der weltweiten Stahlkrise musste die Völklinger Hütte geschlossen werden, nachdem sie 1982 vorher noch mit der Neunkircher Hütte zur Saarstahl verschmolzen worden und dann von den Luxemburger Stahlwerken ARBED aufgekauft worden war. Sehr bald nach der Schließung gelingt es, die Hütte unter Denkmalschutz zu stellen und als Industriedenkmal bei der UNESCO einzureichen, was dann 1994 anerkannt wird.

Das Industriedenkmal

Dazu sei aus dem Internet zitiert ((http://www.voelklinger-huette.org/weltkulturerbe-voelklinger-huette/unesco-besucherzentrum/): „1994 wurde die Völklinger Hütte als erstes Denkmal aus der Blütezeit der Industrialisierung von der UNESCO zum Weltkulturerbe klassifiziert. Für die Völklinger Hütte war das ein wichtiger Schritt – aber auch ein großer Schritt für die UNESCO: Waren es bis dahin Sakralbauten, Schlösser, Burgen oder historische Stadtkerne gewesen, denen das Prädikat Weltkulturerbe der UNESCO verliehen worden war, wurde nun ein Ort der industriellen Produktion, der Arbeits- und Alltagskultur in den Rang eines Welterbes der Menschheit erhoben. Damit erkannte die UNESCO die Industriekultur als herausragende kulturelle Leistung der Menschen an und stellte sie unter ihren besonderen Schutz. Authentizität und Nachhaltigkeit sind für die UNESCO wichtige Ziele“.  

Das Weltkulturerbe-Pflege

Bild 4 Möllerhalle, Ausstellung Deutsche Einheit

 

Die Völklinger Hütte versucht ihrem Weltkulturerbe gerecht zu werden und erhöht die Attraktivität des Industriedenkmals regelmässig durch gut besuchte Ausstellungen. Zum Publikumsmagneten hat sich auch das umfangreiche Kulturprogramm entwickelt. Die Ausstellungsobjekte kommen in den umgewidmeten Produktionsräumen z.B. der alten Erzhalle mit den riesigen und hohen Räumen sehr gut zur Geltung und kontrastieren mit deren schwarzen riesigen Eisenkonstruktionen.

Einige Ausstellungen der letzten Jahre:

        2004/05 Inkagold- 3000 Jahre Hochkultur 193 073 Besucher

        2009/10 60 Jahre Deutschland 132 676 Besucher

        2010/11 die Kelten-Druiden 196 043 Besucher

        2014/15 Ägypten; 25 Jahre Deutsche Wiedervereinigung 178 000 Besucher

        2016/17 Buddha (zur Zeit)

Der Hochofen

Bild 2 Hochofen

Im Hochofen wird das Roheisen aus dem Eisenerz gewonnen, der erste Schritt in der Stahlherstellung. Dabei werden Im Hochofen Eisenerz, Koks (aus Kohle in Kokereien gewonnen) und gewisse Zuschläge (Kalkstein zur Gewinnung einer leichtflüssigen Schlacke) zum sogenannten Möller zusammengeführt. Der zweite Schritt ist dann die Weiterverarbeitung des Roheisens im Konverter zu Rohstahl. Der Koks sorgt nicht nur für die Schmelzhitze im Hochofen, sondern er ist auch ein Reduktionsmittel, denn er entzieht dem Eisenerz den unerwünschten Begleiter Sauerstoff.

Vom Eisenerz zum Roheisen

Durch Verbrennen des Kohlenstoffs aus dem Koks entsteht das Gichtgas (hauptsächlich Kohlendioxyd), das im Hochofen noch oben entweicht. Das vom Sauerstoff befreite Eisen tropft aus der Feuerzone auf den Boden des Hochofens, das Gestell. Das heisse Eisen kommt dabei mit dem glühenden Koks in Berührung und verbindet sich mit dem Kohlenstoff (C). Der C-Gehalt des Eisens beträgt dann etwa 4% und wäre damit zu hoch, um das Eisen für die Herstellung von Stahl verwenden zu können. Das Roheisen, das sich im Gestell gesammelt hat, wird von Zeit zu Zeit abgelassen, ebenso wie die Schlacke. Diese Arbeit heisst der Abstich des Hochofens.

Vor dem Abstich wird festgelegt, welche Menge für a) Gusseisen mit noch relativ hohem C-Gehalt benötigt wird. Diese Menge wird dann zu Massel (kleine Barren) geformt und später an Giessereien verkauft. Die Menge für b) die Herstellung von schmiedbarem Stahl wird in Kokillen (das sind Pfannen) gesammelt und ins Stahlwerk überführt.

Vom Roheisen zum Stahl

Bild 3 Winderhitzer (Windproduktion für die Hochöfen)

Stahl darf nur wenig Kohlenstoff enthalten, damit er schmiedbar bleibt. Man muss also den Kohlenstoff mindern, das geschah bis in die 70iger Jahre in der Thomasbirne durch sogenanntes Windfrischen (Aufblasen von Luft-mit Sauerstoff-zum Oxydieren des C). Normale legierte Stähle liegen etwa bei 0,5% C-Gehalt und bei den kohlenstoffreicheren hochfesten Werkzeugstählen bei 1,7%. Heute wird eine Direktreduktion bevorzugt.

Die Schlacke, die im Verhältnis zum Roheisen in bis zur doppelten Menge entsteht, wurde früher auf Halden gebracht. Teilweise hat man die Schlacke auch zu Schotter gebrochen oder zu Mauersteinen verformt.

Stahlprodukte

Stahl ist definiert als eine Eisenlegierung mit geringem Kohlenstoffgehalt und den Eigenschaften Härte, Rostbeständigkeit und Umformbarkeit.

Man produzierte Walz-und Schmiedeprodukte. Zu den Walzprodukten gehörten

  1. a) Halbzeug, grösstenteils für Gesenkschmieden, b) Stabstahl, c) Warmband und d) Kaltband. Aus Kalkband werden unzählige Teile gestanzt, meist für die Automobilindustrie. Beispiel dafür sind Schloss, Zunge und Höherverstellschiene des Sicherheitsgurts. Röchling war eine der wenigen Firmen in Deutschland, sogar in Europa, die damals Eisenbahnschienen hergestellt haben. Einer der Hauptabnehmer dafür war die SNCF (franzaösische Staatsbahn).

Bei den Freiformschmiedeprodukten werden Blöcke geschmiedet mit teilweise 100 tonnen Stückgewicht. Oft sind es Einzelteile wie z.b. Schiffswellen,Turbinenwellen etwa für Kraftwerke, Generatorwellen und Stücke für den allgemeinen Maschinenbau. Die Schmiedetemperatur betrug dabei 1200 grad Celsius. Die Schmiede in Völklingen ist heute noch aktiv.

Was blieb nach der Hüttenschließung

Bild 6 Erzschrägaufzug

Die Völklinger Hütte war in den Produktionszeiten in den 1970iger Jahren ein Hochtechnologiestandort und versammelte weltweit die meisten Patente im Hüttenwesen auf sich.

Was ist nun, im Jahre 2016, übrig geblieben:

  1. a) Industriedenkmal Völklinger Hütte – UNESCO Weltkulturerbe
  2. b) Die Dillinger Hütte ist noch die einzige aktive Hütte im Saarland, sie produziert besonders reinen Spezialstahl.
  3. c) Die Völklinger Resthütte (Saarstahl-AG) hat sich ebenfalls auf besondere Stähle spezialisiert, muss dazu allerdings das Roheisen aus der Dillinger Hütte beziehen, das in Warmhalte-Waggons angekarrt wird.
  4. d) Moderne Stahlproduktion in Deutschland findet in Elektro-Hochöfen statt, was die Produktion von sehr reinem Stahl ermöglicht.
  5. e) Für die moderne Stahlproduktion ist keine Roheisenerzeugung mehr erforderlich. Man verwendet Schrott, der weltweit eingekauft wird, z.B. von der Autoindustrie.
  6. f) Die Familie Röchling ist nun auf technische Kunststoffe spezialisiert und steht für innovative Produkte und modernste Prozesstechnologie in der Verarbeitung von technischen Kunststoffen.

Unser Rundgang

Bild7 Hostenbacher Schlackenhalde

Zwanzig Jahre später, im Jahr 2014, ergab sich endlich für mich die Gelegenheit, die Völklinger Hütte zu besichtigen: Wir sechs Frauen hatten unsere Radtour durch das Saarland mit diesem Besichtigungsschwerpunkt geplant. Damit wir den ganzen Tag zur Verfügung hatten liessen wir die Räder in Saarbrücken stehen und reisten mit der Bahn an, problemlos und komfortabel.

Unser Rundgang startete am Haupteingang (Bild 1) und dauerte zweieinhalb Stunden.

Wir besichtigten:

   die Hochöfen Bild 2

   die Winderhitzer (Windproduktion für die Hochöfen) Bild 3a und b

   die Möllerhalle (Bevorratung von Erz, Kalk und andere zur Verhüttung notwendige Zuschläge)

   die Hängewaggons

   der Erzschrägaufzug Bild 6

   die Schlackenhalden (inzwischen bepflanzt) Bild 7[

Ein Fazit

Wir haben aber sehr viel gesehen und uns von den riesigen Transportbändern, Windrädern und -schläuchen beeindrucken lassen. Die edlen Goldmasken, Schmuckkassetten, Statuetten in der gerade laufenden Ägypthenausstellung glänzten besonders hell in dem Dunkel der Industriehalle, wo in früheren Jahren Staub, Winde und ohrenbetäubender Lärm den Arbeitsalltag bestimmt hatten.

Leider verpassten wir bei unserem Besuch eine Erlebnisführung, die 2012 stattgefunden hatte: „Not am Mann, Frauen ran“ (https://www.voelklinger-huette.org/de/weltkulturerbe-voelklinger-huette/not-am-mann-frauen-ran/), die in 10 Stationen die Geschichte der Hütte aus der Perspektive der Frau erzählte. Das hätte uns 6 Frauen natürlich besonders interessiert.

Ich werde dieses Weltkulturerbe weiterempfehlen, denn ich habe mich ein wenig in die damalige Arbeitswelt meiner Verwandten und Freunde hineinversetzen können. Eine Welt, der ich nicht nachtrauere! Aber die Hütte als Industriedenkmal – eine gelungene „Krisen“-Bewältigung!

Bildverzeichnis

(private Fotos)

1 Völklinger Hütte, Eingang

2 Hochöfen,

3 Winderhitzer,

(4 Möllerhalle, a und b und

5 Hängewaggons ohne Abbildung)

6 Erzsschägaufzug,

7 Schlackenhalde

 

Mein herzliches Dankeschön an meinen Freund aus dem Saarland für seine hilfreichen Infos zur Völklinger Hütte und der Hüttenindustrie.