Arbeiterfrauen um die Jahrhundertwende 1899 - 1900

Von Erna Subklew

Wenn ich an eine Familie im frühen 20. Jahrhundert denke, dann fällt mir folgendes Bild ein: Der Vater nimmt seine Tasche, in der sich seine Brote befinden samt der Flasche mit dem Kaffee und verlässt zeitig in der Früh das Haus. Die Mutter kümmert sich um die Erziehung der Kinder, schickt sie zur Schule und verrichtet die Hausarbeit.

Die vorindustrielle Familie

Die Familie der vorindustriellen Zeit war nicht so sehr eine Großfamilie als weit mehr eine Produktionsgemeinschaft, die in den meisten Fällen aus den Eltern und den Kindern, also aus ungefähr sechs Personen bestand. Dabei war es nicht wichtig, ob es sich um eine bäuerliche oder handwerkliche Familie handelte. Die in der Produktionsgemeinschaft verrichteten Tätigkeiten waren nicht den einzelnen Familienmitgliedern streng zugeordnet, jeder betätigte sich in der Regel auf dem Gebiet, das er am besten beherrschte. Dabei waren die Kinder nicht ausgenommen. Von der Familie eines Webers ist mir bekannt, dass schon vierjährige Kinder dazu angehalten wurden, die Garnspindel zu wickeln. Kleine Mädchen mussten früh auf ihre noch kleineren Geschwister aufpassen, während die Mutter mit der Haus- oder aber einer Produktionsarbeit beschäftigt war. Durch das miteinander Tun wuchs man ganz natürlich in die Arbeit der Familie hinein.

Vergrößerte sich die Produktivität so, dass man es nicht mehr mit der Familie allein schaffte, stellte man Gesinde ein.

Die fortschreitende Industrialisierung

Die Trennung des Wohnortes vom Arbeitsplatz brachte eine grundlegende Änderung im Verhalten der Familienmitglieder mit sich. Der Vater überließ durch seine lang andauernde Abwesenheit von der Familie die Führung des Haushaltes und die Erziehung der Kinder weitgehend der Frau. Die Kinder besuchten die Schule, die Schulpflicht war in den meisten deutschen Ländern bereits seit langem eingeführt. Wahrscheinlich gingen sie jetzt auch regelmäßiger zur Schule und besserten in der freien Zeit, in den Familien, in denen es nötig war, das Familienbudget durch kleine Arbeiten auf. Man nahm die Schule ernster.

Die Stellung der Frau

In der Gesellschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war es sehr wichtig für die Stellung einer Frau, ob sie verheiratet oder ledig war. Am angesehensten war die Ehefrau, und unter den alleinstehenden galten die verwitweten oder geschiedenen Frauen mehr als die, die nie verheiratet waren. Diese Einstellung reichte bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein.

So widersprach es dem Ansehen, als berufstätige Frau zu heiraten. Viele Frauen hörten mit ihrer Erwerbsarbeit kurz vor ihrer Eheschließung auf, damit im Familienstammbuch bei der Frau nicht ein Beruf genannt wurde.
Das ausgehende 19. Jahrhundert war die Zeit der Einführung der Sozialversicherungen bei Krankheit, Unfall und Invalidität (1883-1884-1889). Diese Versicherungen waren der Situation der Männer weit mehr angepasst, als der der Frauen. Diese kamen nur selten in den Genuss, von einer Versicherung zu profitieren.

Die Benachteiligung der Frauen bei der Sozialgesetzgebung

Die beginnende Sozialgesetzgebung des Kaiserreiches hatte als Zielgruppe den Industriearbeiter vor Augen, von dem eine soziale Gefahr ausgehen konnte. Der Gesetzgeber war sich zwar bewusst, dass durch die Gesetze die Frauen benachteiligt werden, wagte sie aber nicht auf diese auszuweiten, da man mit der Sozialgesetzgebung unbekanntes Neuland betrat und annahm, dass eine lange Zeit der Akzeptanz nötig sein würde, um die Gesetze umzusetzen. So wurden ganze Arbeitsgebiete, in denen vorwiegend Frauen beschäftigt waren, wie die Landwirtschaft, nur in bestimmte Teile der Alters- und Invalidenversicherung einbezogen.

Da auch nur der versichert war, der in einem dauernden Arbeitsverhältnis stand, eine Frau aber durch Mutterschaft und Familie kaum regelmäßig arbeiten konnte, waren die meisten Frauen nicht sozial abgesichrt. Eine allgemeine Witwen- und Waisenrente gab es nicht. Ob bewusst oder unbewusst war die Sozialpolitik des Kaiserreiches Geschlechterpolitik.

Erwerbstätige Frauen

Während es das Ideal des Mittelstandes war, dass der Mann der Ernährer der Familie und die Frau für Kinder Haushalt zuständig war, erstaunte es mich sehr zu lesen, wie stark die außerhäusliche Erwerbstätigkeit der Frauen der sozial schwachen Schichten bereits zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war.

So gibt die amtliche Erwerbsstatistik von 1882 an, dass bereits 24 Prozent der 18.956.932 Erwerbstätigen Frauen waren. 1895 waren es 25 Prozent und 1907 kletterte die Zahl bereits auf 30,4 Prozent. Dabei sind noch nicht die mithelfenden weiblichen Familienmitglieder erfasst, deren Zahl 1907 mit 3,1 Millionen genannt wird. (Alle Zahlen stammen aus Barbara Fait: Arbeiterfrauen und -familien im System sozialer Sicherheit. S. 176)

Für 1907 ergeben sich folgende Zahlen: 70 Prozent der unverheirateten Frauen waren berufstätig, aber nur 26 Prozent der verheirateten. Viele der weiblichen Angehörigen trugen mit ihrem Verdienst zum Unterhalt der Familie bei.

Frauen und Fluktuation

Obwohl die Prozentzahl der erwerbstätigen Frauen und Mädchen sehr hoch erscheint, hatten doch die wenigsten ein durchgehendes Erwerbsleben. In der Regel arbeiteten Frauen vom Ende der Schulzeit bis zur Heirat oder bis zur Geburt des ersten Kindes. Allerdings sprangen die Frauen in Notlagen, wie der Krankheit des Mannes, schnell ein und nahmen eine Arbeit an. In der Regel war es so, dass selbst wenn kein Notfall eingetreten war, die Frauen durch Gelegenheitsarbeiten, wie Putzen, Waschen, Nähen, Bügeln und anderem das Familienbudget aufbesserten oder überhaupt erst ein einigermaßen auskömmliches Leben ermöglichten. Daneben wurde auch Heimarbeit durchgeführt, die heimlich erfolgen konnte, so dass man dem gängigen Bild der Frau und Mutter nach außen hin entsprach. Diese Arbeit wurde extrem schlecht bezahlt.

Schein und Wirklichkeit

Es stellt sich die Frage, warum Ideal und Wirklichkeit so weit auseinander fielen. Die Erwerbstätigkeit der Frauen musste dazu herhalten für viele Veränderungen herhalten, die als gesellschaftliche Missstände angesehen wurden. So ging die Geburtenrate gegen Ende des 19. Jahrhunderts zurück, was man der zunehmenden Erwerbstätigkeit zuschrieb. In der Kritik stand dabei vor allem die Fabrikarbeit, weil sie die Frau ihrer eigentlichen Rolle entfremde. Selbst Frauenvereine, Ärzte und die Arbeiterbewegung vertraten diese Ansicht. Ebenso galt sie als Grund für die höhere Säuglingssterblichkeit.

Eine Feldstudie, durchgeführt von Lisbeth Franzen-Hellersberg, die zwar erst 1932 erschien, aber die Situation in den vorhergehenden Jahrzehnten ebenso betraf, sagt, dass die Frau, vor allem die Arbeiterfrau und auch schon das Mädchen, das Lasttier der Arbeiterfamilie sei.

Dem bürgerlichen Ideal der Rollenverteilung zu entsprechen, gelang den Arbeiterfrauen nicht. Sie bezahlten ihre Überbeanspruchung durch eine erhöhte Sterblichkeit im mittleren Alter.

Quelle

Barbara Fait – Arbeiterfrauen und –familien im System sozialer Sicherheit: Zur geschlechterpolitischen Dimension der „Bismarck’schen Arbeiterversicherung 1997" im Jahrbuch für Wissenschaftsgeschichte, Berlin

Kommentare

Zurück