Ich wohne in der Stadt

von Erdmute Dietmann-Beckert

"Die Menschen, nicht die Häuser machen die Stadt." (aus England)

Geschichte der Stadt und der Universität

Diese beginnt mit der Siedlung "Giezzen", an der Lahn, erstmals erwähnt 1197. Als Stadt erscheint sie 1248 in den Urkunden.

Nach der Reformation veranlasste der Landgraf den Bau des Neuen Schlosses (1533-1537). Auf dem Gelände hinter dem Schloss wurde ein Botanischer Garten angelegt, der heute zu den ältesten in Deutschland gehört.
Landgraf Ludwig von Hessen gründete 1607 die Universität "Ludoviciana" in Gießen als lutherische Anstalt. Die Universität Marburg (1527) war calvinistisch geworden.

Im 19. Jahrhundert kam Justus Liebig als Professor an die Ludwigs-Universität Gießen. Er ist die Person, der wir den Suppenwürfel aus Fleischextrakt verdanken. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Innenstadt mit Universität zu neunzig Prozent zerstört. Letztere konnte erst 1957 wieder eröffnet werden. Seitdem heißt sie Justus Liebig Universität.

Aus dem früheren "Ackerbürger"-Städtchen war die Universitäts-Stadt Gießen mit Hochschulen, Schulen und Verwaltungen entstanden. Die wachsende Anzahl der Studenten und Studentinnen prägen heute das das Stadtbild.

Gießen nach dem Krieg

Der eiserne Besen (Foto: Autorin)

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs hatten von der alten Stadt nicht viel übrig gelassen. Von dem 500-Jahre alten Rathaus gab es nur noch Trümmer. Deshalb wurden in den Jahren zwischen 1950 und 1960 am Berliner Platz ein Behördenhochhaus und das Stadthaus errichtet. Die Einwohnerzahl wuchs. Anstelle der Straßenbahn verkehrten Busse. Der Individualverkehr nahm zu und die Straßen der Innenstadt wurden auf vier Spuren erweitert. Bis 1977 war die Einwohnerzahl durch Eingemeindungen auf 78 000 gewachsen. Heute zählt die Stadt etwas mehr als 80 000 Einwohner.

Aus dem ursprünglichen Notaufnahmelager in Gießen ist heute eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge und Asylsuchende geworden. Ende September 2015 haben zirka 5000 Personen um Asyl gebeten.

Das neue Rathaus

Rathaus, Fassade (Foto: Autorin)

Das Behördenzentrum war gegen Ende der 90er Jahre baufällig geworden und sollte abgerissen werden. Die Stadtverwaltung entschloss sich, am selben Standort, dem Berliner Platz, ein neues Rathaus zu bauen. Es sollte ein Kulturrathaus werden, das neben der Stadtverwaltung, einer Ausstellungshalle und einem Konzertsaal Platz bieten sollte.

Die Stadtbibliothek erhielt im ersten und zweiten Obergeschoss neue Räume. Damit ist es möglich, für Bücher und Medien eine bessere Präsentation zu schaffen. Auch PCs für Recherchen werden zur Verfügung gestellt. Im ersten Obergeschoss gibt es einen abgegrenzten Ort für Kinder. Neben Spielsachen und Bilderbüchern für kleinere Kinder, stehen den älteren Jugendbücher und CDs zur Verfügung.

Im Erdgeschoss befindet sich das Bürgerbüro mit Servicecenter. Weiter gibt es jetzt neben den bisherigen Ämtern ein Frauenbüro, eine Integrationsbeauftragte und einen Radwegebeauftragten. Die Baukosten waren mit 78 Millionen am Ende höher als veranschlagt.

Der freie Platz vor dem Gebäude bietet einen direkten Blick auf den Gebäudekomplex und die Kunstobjekte.
Die anfängliche Befürchtung, dass Kunsthalle und Konzertsaal ungenutzt bleiben könnten, hat sich inzwischen als unbegründet erwiesen. Die Kulturangebote werden angenommen.

Ich als "neue" Mitbürgerin schätze sehr, dass dieses Rathaus im Zentrum der Stadt nicht nur ein Behördenzentrum ist, sondern auch ein Kultur-und Begegnungsort ist.

Die Kongresshalle

Kongresshalle (Foto: Autorin)

Gegenüber dem Neuen Rathaus befindet sich die Kongresshalle. Sie war im November 1966 fertig gestellt worden. Der schwedische Architekt Sven Markelius hatte sie in der Tradition des Bauhauses entworfen. Sie repräsentiert heute einen Kontrapunkt neben dem modernen Rathaus. Die Halle war, bevor das Neue Rathaus gebaut war, das kulturelle und kommunikative Zentrum in der zerstörten Stadt.

Heute bietet das Haus Platz für Kongresse, Tanzveranstaltungen, Konzerte und andere vielfältige Veranstaltungen.

Im Innenhof der Halle befindet sich ein Japanischer Garten, der bei Veranstaltungen für Besucher geöffnet ist. Links neben dem Haupteingang ist das Touristik- und Informationsbüro der Stadt.

Hinter der Halle fließt die Wieseck, der kleine Nebenfluss der Lahn. Dort befinden sich der Eingang zum Restaurant und dem kleinen Saal für Vorträge oder für vielfältige Veranstaltungen, darunter die des Frauenbüros der Stadt.

Das Stadttheater

Stadttheater Giessen (Foto:Autorin)

Als die Stadt 1906 die dreihundert Jahrfeier der Universität ausrichtete, forderten Bürger den Bau eines Theaters. Sie spendeten Zweidrittel der Bausumme. Darum steht über dem Portal: „Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns“.
Ein Wiener Büro und ein Gießener Architekt gewannen die Ausschreibung. Das Gebäude ist vom Jugendstil beeinflusst. Im Juli 1907 wurde es mit Goethes Faust eröffnet.
Im Dezember 1944 fiel der Zuschauerraum den Brandbomben zum Opfer.
Mit Richard Wagners „Tannhäuser“ wurde das Sprechtheater im November 1951 nach Renovierungsarbeiten im Foyer wiedereröffnet. Mit Hilfe einer Tombola waren die notwendigen Mittel beschafft worden.
Das Theater war wieder funktionsfähig, aber viele Stilelemente des ursprünglichen Baus waren verloren gegangen. Erst Ende der 1970er Jahre wurden das Foyer und die Kassenhalle stilgetreu wieder hergestellt. Insbesondere die Vorderfront mit den Jugendstil-Fenstern von 1907 strahlt heute wieder in neuem Glanz.
Das Theater ist ein Dreispartenhaus mit Schauspiel, Oper, und Musical und über Gießen hinaus ein kulturelles Zentrum in Mittelhessen.

Der Stadtkirchenturm

Im Zentrum der Stadt erhebt sich das Wahrzeichen der Stadt, der Stadtkirchenturm. Er gehörte bis zum Bombenangriff 1944 zur Stadtkirche Pankratius. Im Bombenhagel von 1944 wurde er schwer beschädigt. Als Erinnerung an Krieg und Zerstörung wurde er restauriert und steht heute als Mahnmal im Stadtzentrum. Seit Mitte der 1960er Jahre befindet sich im Turm die Michaelskapelle. Sie ist täglich geöffnet und lädt ein zu Ruhe und Besinnung. An der Wand gegenüber dem Eingang, im Altarbereich, ist der Engel Gabriel abgebildet.
Auf einem Seitenaltar liegt ein Buch, in dem die Namen der Bürger verzeichnet sind, die im Bombenhagel starben. Die Kapelle wird von beiden Konfessionen genutzt.
Von Montag bis Freitag findet um 18 Uhr in der Kapelle das Turmgebet statt.
Im Kirchenladen gegenüber ist der Schlüssel zur Turmbesteigung gegen eine Gebühr zu erhalten. Eine Treppe führt nach oben. Von der Dachterrasse aus bietet sich der Panoramablick auf die Stadt und die Lahnberge. In der Vorweihnachtszeit blasen Posaunen die Weihnachtslieder vom Turm herab.

Stadtkirchenturm (Foto: Autorin)

Zum Schluss

Das Porträt dieser Stadt ist natürlich unvollständig. Es gibt noch viele interessante Orte. Da ist zum Beispiel der Botanische Garten, der nur zwei Jahre nach Gründung der Universität angelegt wurde und einer der ältesten in Deutschland ist. Er ist täglich geöffnet. Auch das wieder aufgebaute Hauptgebäude der Universität im Zentrum der Stadt habe ich auch nicht vorgestellt. Dort befinden sich Rektorat und Verwaltung und die große Aula mit den Porträts aller bisherigen Rektoren.
Auch die erst in den letzten Jahren entstandenen Gartenanlagen an der Lahn und die Fußgängerbrücke sind sehenswert. Letztlich aber sind es Menschen, Freunde, die eine Stadt lebens- und liebenswert machen.

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