Weihnachten beim Großvater im früheren Danziger Land

Von Hildegard Neufeld

Wenn ich an Weihnachten denke, werden Kindheitserinnerungen wach, die sich mit dem Weihnachtsfest beim Großvater verbinden. Es war ein Erlebnis, das es heute so nicht mehr gibt. Auch das Land, in dem ich als Kind Weihnachten feierte, gehört der Vergangenheit an, jedenfalls so wie es damals war.

Damals

Es war das Land an der Weichsel, zwischen Ostsee und Frischem Haff, im ehemaligen Freistaat Danzig, in dem ich als jüngste Tochter eines Landwirts zusammen mit zwei Geschwistern aufgewachsen bin. Weihnachten, genauer am Heiligen Abend, fuhren wir regelmäßig zum Großvater, der etwa 20 Kilometer entfernt in einem schönen alten Bauernhaus, einem sogenannten Vorlaubenhaus, wohnte.

Weihnachtliches Familientreffen

Hier versammelte sich am Nachmittag des Heiligen Abend die ganze große Familie, alles selbstständige Landwirte, seit Jahrhunderten schon. Großvater hatte acht Kinder, die schon verheiratet waren, und damals sechzehn Enkel. Alle kamen am Heiligen Abend mit Pferd und Wagen oder in der geschlossenen Kutsche angefahren und stiegen in der Vorlaube, einer großen offenen Diele, aus. Dort wurden die Pferde ausgespannt und die Kutschen und Wagen bis zur Heimkehr geparkt.

Großvater empfing die Ankommenden in der großen Halle, dem sogenannten Vorhaus, wo sich alle aus ihren Mänteln und wärmenden Hüllen schälten und die dicken Pelzdecken deponierten. Es war kalt damals zur Winterzeit und oft lag Schnee auf den Feldern und Straßen.

Warten auf die Bescherung

Den Nachmittag verbrachten die Erwachsenen und Kinder getrennt, alle wohl in freudiger Erwartung der kommenden Weihnachtsfeier und der bevorstehenden Bescherung. In der festlich geschmückten „großen Stube“, über die jedes Bauernhaus verfügte, waren die vielen gefüllten „bunten Teller“ und kleinen Geschenke für die Kinder noch sorgsam unter weißen Tischdecken verborgen, als die Kinderschar mit ihren Eltern voller freudiger Erwartung in das Weihnachtszimmer strömte.

Gedichte für den Großvater

Großvater hatte in seinem bequemen Lehnstuhl Platz genommen, und jedes Kind, die Kleinsten zuerst, hatten zum „Gedichtaufsagen“ anzutreten. Während die aufgeregten Mütter in Hilfestellung verharrten, um ihren Sprösslingen bei schwierigen Passagen Beistand zu leisten, zeigten sich die kleinen Akteure zumeist ganz souverän, knicksten und dienerten, wie sie es täglich praktizierten, und Großvater belohnte jedes Kind mit einer großen, glänzenden Fünf-Gulden-Münze, die für die Kindersparkasse bestimmt war.

Weihnachten im festlichen Bauernhaus

Waren alle einstudierten Gedichte aufgesagt, folgte die Weihnachtsfeier, und es wurden gemeinsam die altbekannten Weihnachtslieder gesungen. Erst danach wurden die gefüllten bunten Weihnachtsteller und Geschenke von ihren Hüllen befreit und besonders von den Kindern stürmisch begrüßt, teils auch gleich angeknabbert und ausprobiert.

Nach dem Abendessen war gemeinsames Spielen in der großen Halle (dem Vorhaus) angesagt, wo man sich unter den vielen kuscheligen Pelzdecken verstecken oder die Pelzmäntel, -Mützen und -Stiefel der Onkel und Tanten ausprobieren durfte. Hier konnte eine ausgelassene Kinderschar nach Herzenslust und ungestört spielen und sich gemeinsam freuen.

Die Heimfahrt

Häufig gab es Tränen, wenn zur Abfahrt geblasen und die Pferde angespannt wurden. Wir Kinder wurden aus den verschiedenen Verstecken zusammen gesucht, sortiert und von den passenden Eltern warm eingepackt in die Wagen und Kutschen verfrachtet. Ich wurde zwischen die Eltern platziert und bald unter die Pelzdecke gesteckt, während wir durch die kalte Winternacht heimwärts fuhren.

Zwei Nebenarme der Weichsel waren zu überqueren und die beiden Seilfähren sowie der Fährmann herbeigerufen werden. Befand man sich am gegenüberliegenden Ufer des Fährhauses, war das manchmal recht schwierig, vor allem, wenn der Fährmann erst geweckt werden musste. „Hol over hol!“ rief mein Vater mit lauter Stimme, und schließlich holte uns der Fährmann mit seiner Fähre, bestimmt im letzten Augenblick, bevor wir mit Mann und Ross und Wagen – und mit mir unter der Pelzdecke – im kalten Wasser versanken, denn die Pferde witterten an dieser Stelle bereits den nahen Stall und hatten sicher auch schon kalte Füße.

Diese Weihnachtsfahrten zum Großvater gehören zu meinen schönsten Kindheitserlebnissen und Erinnerungen.

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