Mettenschicht in Pöhla

Von Ute Lenke

Im Erzgebirge, am Fuß des 1214m hohen Fichtelberges liegt der kleine Ort Pöhla, heute eher bekannt als Wintersportort. Ein Blick in die Geschichte zeigt das wechselvolle Schicksal dieser Region, bevor wir uns auf eine vorweihnachtliche Reise ins Innere des Berges begeben.

Geschichte

Der Name Erzgebirge weist jedoch auf die weit größere Bedeutung hin, die diese Landschaft schon seit dem Mittelalter auszeichnet: ihre enormen Vorkommen an Erzen.

Es gab hier eine bedeutende Bergbau- und Hüttenindustrie, die die Städte und Ihre Bewohner, fast alles Bergleute, vor allem aber die Landesherren von Sachsen, allen voran August der Starke, reich machten.

Nach dem zweiten Weltkrieg begann für den Bergbau im Erzgebirge eine neue „Blüte“zeit, denn neben Eisen, Silber und Zinn findet man im Erzgebirge auch Pechblende und darauf waren die neuen Machthaber, die sowjetischen Besatzer besonders scharf. Pechblende enthält Uran, das die Sowjets für den Bau ihrer Atombomben brauchten. Die „SAG Wismut“, wie das von den Sowjets gegründete Bergbauunternehmen der DDR hieß, war lange Zeit der drittgrößte Uranerzproduzent der Welt. Dutzende neue Stollen und Schächte entstanden rund um die alten Bergbaustädte Johanngeorgenstadt, Schwarzenberg, Schlema und Schneeberg.

Der Bergbau

Der Uranabbau geschah unter unvorstellbaren Bedingungen: zwar ging es den Bergleuten materiell besser als den übrigen DDR-Bewohnern, aber die Arbeiter und Arbeiterinnen(!) starben früh an der „Schneeberger Krankheit“, an Silikose und radioaktiver Verseuchung. Daran konnten auch die vielen staatlichen Erholungsheime der „Wismut“ an der Ostsee nichts ändern.

Gegenwart

Nach der Wende wurde aus dem einst florierenden Bergbauunternehmen der größte Sanierungsfall. Der Großkunde Sowjetunion kündigte die Lieferverträge und die maroden Bergwerksanlagen wurden bis 1991 stillgelegt. Einige Schächte wurden geflutet, andere saniert und zu Besucherbergwerken umfunktioniert. Möglicherweise ist es aber mit dem Bergbau doch noch nicht ganz zu Ende: ein australisches Unternehmen hat die Anlagen gekauft, denn man hat „seltene Erden“ gefunden, die für die Elektronikindustrie extrem wichtig, teuer und eben „selten“ sind. Vielleicht heißt es dann bald wieder im Erzgebirge: „Glück Auf“.

Die Zinnkammern

Von der Flutung verschont blieben die auch geologisch überaus interessanten „Zinnkammern“ in Pöhla als einmalige Zeugen der Wismut-Bergbaugeschichte.

Die Zinnkammern, in denen früher Zinn abgebaut wurde, sind heute Besucherbergwerk. Ganzjährig werden Führungen und zahlreiche Sonderveranstaltungen angeboten: man kann dort heiraten, Familien- oder Betriebsfeiern veranstalten, es finden Konzerte, Theateraufführungen und Kinderfeste statt. Ein besonderer Höhepunkt des Jahres ist die Mettenschicht. Sie findet in der Adventszeit statt und um Eintrittskarten zu erhalten, muss man sich schon im Sommer anmelden, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Das Huthaus

Der Eingang und das Empfangsgebäude für Besucher, das sogenannte Huthaus, haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam mit dem, was wir aus dem Ruhrgebiet von einem Bergwerk kennen. Kein Förderturm, keine Schachtanlagen weit und breit. Ein Häuschen mit Spitzdach, das auf den ersten Blick an ein Hexenhaus aus dem Märchen erinnert, ein imposanter Schwibbogen aus Eisen mit den Gruß „Glück Auf“, alte Bergbaugeräte.

Das Huthaus war früher das Verwaltungsgebäude eines Bergwerks. Hier lagerte das Werkzeug, das Gezähe; hier wurde der Lohn ausgezahlt; hier gab es einen Andachts- und Gebetsraum. Auf dem Dach befanden sich eine Wetterfahne, ein Reiter, eine Uhr und die Glocke, mit der die Bergleute zur Schicht gerufen wurden.

Schwibbogen

Der Schwibbogen, der in kleinerer Version heute nahezu international als Weihnachtsschmuck bekannt ist, hat hier im Erzgebirge seinen Ursprung. Er stammt aus der Bergstadt Johanngeorgenstadt. Dort hatten Bergleute brennende Grubenblenden angebracht um den Stolleneingang in den dunklen Winternächten zu beleuchten. 1730 entstand daraus zunächst aus Schmiedeeisen und mit biblischen Motiven verziert der erzgebirgische Schwibbogen. So, wie wir ihn heute kennen, aus Holz und mit Motiven der Volkskunst, entstand er vor dem 2. Weltkrieg, als Eisen für „wichtigere Kunst“ gebraucht wurde.

Einfahrt

Im Huthaus der Zinnkammern befindet sich heute ein kleines Museum, das die Wartezeit bis zur Einfahrt verkürzt. Sind alle Besucher mit Schutzhelmen versorgt und mit den Sicherheitsvorschriften bekannt gemacht, geht es ab in den Stollen. Aber nicht etwa hinunter, sondern fast geradeaus, 3000m in den Berg hinein mit der Grubenbahn. Diese Fahrt ist ein Erlebnis für sich: die Grubenbahn ist klein, schmal, laut und dunkel, sie ruckelt und schaukelt und die Bergwände sind manchmal bedenklich nahe. Es zieht im Stollen und ganzjährig herrscht dort eine Temperatur von 14°.

Im Berg

Danach geht’s zu Fuß noch eine Strecke weiter durch den Stollen, vorbei an alten Schächten, Blindschächten, Abbaustellen und mit Wasser vollgelaufenen Kavernen. Kundige Bergwerksführer begleiten die Besucher und haben für wissbegierige viele Antworten und Erklärungen parat. Doch dann wird es weihnachtlich: am Ende des Weges erkennt man helle Lichter und geschmückte Weihnachtsbäume in einer großen Halle, in der Bänke aufgestellt sind.

Die Mettenschicht – einst

„Mette“ ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine nächtliche, meist mitternächtliche Messe, heute noch bekannt als weihnachtliche „Christmette“. Von der ursprünglichen Bedeutung sind vor allem die weihnachtlichen Bräuche wie Mettenmahl und Mettenkerze übriggeblieben. Die Mettenschicht war die letzte Schicht am Heiligen Abend und wurde besonders gefeiert: der Steiger beendete die Schicht vorzeitig, anschließend wurde im Huthaus eine Feier abgehalten; mit dem Singen von Bergmannsliedern dankte man für den Bergsegen, anschließend gab es ein einfaches Essen und einen Kräuterschnaps, bevor es zur Kirche in die Christmette ging.

und jetzt

Die heute für Touristen veranstalteten Mettenschichten folgen diesem Brauch. In der Halle war eine festlich beleuchtete Bühne aufgebaut; unter feierlichen Trompetenklängen zog eine Bergmannskapelle ein, der Steiger hielt eine Rede, ein Chor sang Bergmanns- und Weihnachtslieder; alle waren in ihrer traditionellen Bergmanns-Feiertagskleidung. Die Akustik im Berg ist einmalig, und das Publikum war ergriffen. Auch das Essen wurde geboten: es gab Schnittchen mit erzgebirgischer Wurst und den Kräuterschnaps (den man gut gebrauchen konnte, denn die Wurst war deftig).

Abschied

Nach vielen Gesprächen mit den ehemaligen Bergleuten und einem herzlichen Abschied mit „Glück Auf“ fuhren wir wieder aus. Inzwischen schneite es; in den Ortschaften, durch die wir fuhren, war jedes Fenster eines Hauses nach erzgebirgischem Brauch durch Schwibbögen erleuchtet. Wir hatten einen unvergesslichen Nachmittag erlebt.

dort gibt es eine Seite „Stichworte“ mit Erklärungen zu Bräuchen und Begriffen zur erzgebirgischen Weihnacht.

Manfred Becker-Huberti: Lexikon der Bräuche und Feste.2007

Alle Fotos: Eigentum der Autorin

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