Große und kleine Volksfeste in Deutschland

Von Horst Glameyer

Wenn der Duft von gebrannten Mandeln und Bratwürsten in die Nase steigt, Karussells sich oft mit ohrenbetäubender Musik im Glanz bunter Lichter drehen oder auf und ab bewegen, dann schlägt die glitzernde Welt des Jahrmarkts Groß und Klein in ihren Bann.

Das Münchner Oktoberfest

„O'zapft is!“ („Es ist angezapft!“) mit diesem Ausruf eröffnet der Münchner Oberbürgermeister das Oktoberfest auf der Wiesn, nachdem er das erste Fass Bier angestochen hat. Es handelt sich um das mittlerweile größte Volksfest der Welt, das auf ein Pferderennen anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese von Hildburghausen am 17. Oktober 1810 zurück geht. Auf die nach der Prinzessin benannten Theresienwiese (kurz „Wiesn“ genannt) strömten allein im Jahr 2012 über 6 Millionen Besucher aus aller Welt. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte wurde aus verschiedenen Gründen, wie Krieg, Cholera und Inflation, das Fest mehrmals ausgesetzt. Unvergessen bleibt auch das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980. Ansonsten vergrößerte sich das Fest ständig, und mit ihm stiegen auch die Preise für Bier, Brathendl und Karussellfahrten. Neben Wurstbuden und vielen Fahrgeschäften gibt es ein Musikantenzelt mit Blasmusik und großen Maßkrügen.

Der Hamburger Dom

Im Gegensatz zum Münchner Oktoberfest gibt es in Hamburg einen Winterdom (Dom-Markt), seit 1947 den Sommerdom (Hummelfest) und seit 1948 den Frühjahrsdom (Frühlingsfest), die alle jeweils vier Wochen dauern. Sie sind das längste Volksfest Deutschlands. Im Jahr 2009 kamen etwa 10,8 Millionen Besucher. Wie auf jedem großen Jahrmarkt erfreuen sich auch hier Jung und Alt an dem bunten Treiben zwischen Schieß- und Wurstbuden und können vom Riesenrad auf den Dom hinunter sehen.

Bereits im 11. Jahrhundert suchten Handwerker, Händler und allerlei fahrendes Volk im einstigen Mariendom Schutz vor Hamburgs „Schietwetter“. Dem Erzbischof Burchard von Bremen wurde das zu bunt. 1334 erhielten die Schausteller Hausverbot. Drei Jahre später durften sich wenigstens die Händler bei schlechtem Wetter im Dom unterstellen. 1804 wurde der Dom abgerissen. Die Märkte verteilten sich über das ganze Stadtgebiet, Erst 1893 fand der „Dom“ als Jahrmarkt auf dem Heiligengeistfeld seinen ständigen Platz.

Der Cannstatter Wasen

Am 28. September 1818 eröffnete der württembergische König Wilhelm I. am Neckarufer das seither als Cannstatter Wasen bekannte Volksfest. Es ist beides: ein „landwirtschaftliches Hauptfest“ und ein Volksfest mit Karussells und vielen Buden. Das Hauptfest dient vor allem dazu, die Agrartechnik des Landes auszustellen. Auf dem Volksfest erfreuen sich die Besucher wie auf jedem Jahrmarkt an Lebkuchenherzen, Zuckerstangen und vielen anderen Leckereien. Die Idee zu dem Gesamtfest stammt vom König selbst, als 1817 die „Zentralstelle des landwirtschaftlichen Vereins“ gegründet wurde. Schon bei der Eröffnung kamen Schausteller und Besucher aus allen Landesteilen. Am ersten Tag sollen es sogar 30.000 gewesen sein. Als Symbol und Wahrzeichen dient seit damals die „Fruchtsäule“, die für viele Besucher auch heute noch ein beliebter Treffpunkt ist.

Das hannoversche Schützenfest

Um 1380 traf sich erstmals in Hannover zu regelmäßigen Wehrübungen eine etwa 80 Mann starke Mannschaft, die sogenannten „Stadt Schütten“. Sie wurden von der Stadt bezahlt und schossen mit ihren Armbrusten auf einen Holzpapagei, der auf einer Stange befestigt war. Gelegentlich schossen die Armbrustschützen mit den herzoglichen Soldaten um die Wette.

Im 16. Jahrhundert verdrängten Feuerwaffen die Armbrust. Statt auf den Holzpapagei schoss man nun auf Scheiben. Im Jahre 1529 erhielten die Hannoveraner von ihrem Herzog Erich I. die Erlaubnis, jährlich ein Schützenfest zu feiern. Erich II. bestätigte 1574 das Privileg.

Schon im 16. Jahrhundert gab es in Städten und Dörfern Schützenfeste, die häufig Volksfestcharakter mit Karussells und allerlei Buden annahmen. Zu jedem Schützenfest gehört ein Umzug mit Musik. Der alte Schützenkönig wird verabschiedet, und der neue nach dem Wettschießen inthronisiert. Der größte Festumzug findet jedes Jahr in Hannover statt.

Kleine Volksfeste

Herbstmarkt in Dresden

Neben den vorwiegend in Norddeutschland gebräuchlichen Schützenfesten schlagen überall im Frühjahr und Herbst die Schausteller auf den Jahrmärkten ihre Stände, Buden und Karussells auf. Außer Kinderkarussells und Autoscootern gibt es immer wieder neue Fahrgeschäfte. Sich mit ihnen durch die Luft schleudern oder auf den Kopf stellen zu lassen, dazu bedarf es wohl einer gehörigen Portion Mut und Freude am Waghalsigen.

Die süddeutsche Kirmes, ursprünglich ein Kirchweihfest, hat eine bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition. An manchen Orten, wie in Regensburg und Passau, wird dieses Volksfest auch Dult genannt. Während anfangs die Besucher die Darbietungen der Gaukler nur bestaunen konnten, fuhren sie Ende des 19. Jahrhunderts schon selbst Karussell. Bald hörten sie auch Drehorgelmusik dazu.

Der heimliche Reiz aller großen und kleinen Volksfeste liegt vermutlich darin, dass sie nicht von Dauer sind, aber regelmäßig wiederkehren.

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