Der Weingartener Blutritt

Von Dietrich Bösenberg

Alljährlich am Freitag nach Christi Himmelfahrt findet in Weingarten im südlichen Baden-Württemberg der Blutritt statt. Diese größte Reiterprozession Europas wurde schon 1529 schriftlich erwähnt und dürfte bereits Vorläufer gehabt haben.

Die Blutritte

Im Zentrum dieses frommen Brauches steht eine Reliquie besonderer Art - nach der Legende Blut vom gekreuzigten Jesus. Sie ist in einem kostbaren Reliquiar gefasst, das seit Jahrhunderten in bestimmten Kirchen aufbewahrt wird. Am Blutfreitag wird das Reliquiar im Rahmen eines großen Festes durch einen Reiter durch Stadt und Umland getragen. Dabei folgen dem Heilig-Blut-Reiter tausende von Reitern aus nah und fern, begleitet von Musikkapellen und zahllosen Gläubigen zu Fuß. Lichterprozessionen und feierliche Gottesdienste gehören zum Ablauf.

Blutritte kennt man an verschiedenen Orten Oberschwabens wie z. B. Weingarten, Bad Wurzach sowie auf der Bodensee-Insel Reichenau. Die Blutritte sind nicht von ungefähr hier beheimatet, einer historischen Landschaft zwischen Donau und Bodensee. Diese Region war traditionell katholisch ausgerichtet und geprägt und von unzähligen Klöstern, Stiften, Schlössern ehemaliger Kleinherrschaften sowie Deutschordensgebieten.

Die Bedeutung des Weingartener Blutritts

In erster Linie stellt der Blutritt ein religiöses Ereignis dar. Die katholische Kirche feiert ein frommes Fest, bei dem der Segen Gottes für Haus, Hof und Felder erfleht wird.

In der agrarisch geprägten Landschaft präsentierte sich in früheren Zeiten auch die Bevölkerung, insbesondere der Bauernstand, der durch den Besitz von Pferden seinen Wohlstand demonstrierte. Dies drückte sich auch in der Kleidung der Reiter aus, die bis heute Frack und Zylinder tragen.

Außerdem dürfte die Abgrenzung der Konfessionszugehörigkeit zu protestantischen Nachbargebieten eine Rolle gespielt haben. Im Blutritt drückte sich eine Identifizierung der Bevölkerung mit Heimat und Religion aus.

Der Blutritt hat auch einen volkskundlichen Hintergrund: das Umreiten eines Gebietes, um böse Geister und Schäden fernzuhalten. Bei der Prozession werden heutzutage Altäre an vier verschiedenen Stellen aufgestellt und die Flur in alle vier Himmelsrichtungen gegen Blitz, Hagel und Ungewitter gesegnet.

Tourismus

Inzwischen ist daraus auch ein touristisches Ereignis geworden. Unter den bis zu 30 000 Besuchern sind Pilger und Touristen aus nah und fern vertreten. Wenn auch das leibliche Wohl der Menschen mitberücksichtigt werden muss, so steht dennoch der religiöse Aspekt im Vordergrund der Feierlichkeiten.

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