Mein Bruder, ein Tüftler, Bastler und Sammler

von Liane Rohn

Passend zum des LC Wie sich unser Alltag veränderte, kramte ich zwei Geschichten hervor, ohne das Copyright der betroffenen Person, mein Bruder, einzuholen.

Der Detektor

Detektor vor 30 Jahren
Detektor vor 30 Jahren

Mein Bruder Wolfgang versuchte 1939/40, gerade 10 Jahre alt, einen eigenen Radioempfänger zu basteln. Der Volksempfänger war wohl nicht so sein Ding, oder er durfte ihn nicht, wann immer er wollte, benutzen!
Eine quadratische Sperrholzplatte diente ihm als "Untersatz" des Detektors, mit dem man Nachrichten empfangen, aber nicht senden konnte. Aus Pappe, Kupferdraht,  Zigarettenpapier, Sandpapier und Klebeband musste die Spule hergestellt und befestigt werden. Aus einem alten Gerät wurden Drehkondensatoren ausgebaut. Meterlanger feiner Draht als Erdung war nötig, um an den unterschiedlichen Standorten wie Küchentisch, Fensterbank oder Dachboden den Empfang herzustellen. Im Freien diente der Draht an einer Stange als Antenne.

Das Kernstück

Wichtigstes Teil des Apparates war ein erbsengroßes Stück Bleikristall, das konnte mein Bruder in einem entsprechenden Laden erwerben. Ein alter Lautsprecher hätte allerdings auch genügt, um mit Mühe ohne Antenne empfangen zu können.
Seine Euphorie war groß, als er mehr als Rauschen, sondern „echte Nachrichten" zu hören glaubte. Mit geduldigem Suchen im Äther waren sie auch relativ deutlich zu hören.
Heute besitzt Wolfgang, fast 85jährig, mehr als siebenhundert  Radios aus allen Epochen des technischen Fortschritts. Durch jahrzehntelanges Ersatzteilsuchen und -finden, funktionieren noch etwa 300 Geräte, aufgestellt in zwei Räumen.

Der selbstgebaute Fotoapparat

Als Wolfgang kaum 17 Jahre alt war, fiel ihm ein Fotoapparat auf dem Speicher unseres Elternhauses in die Hände. Natürlich ein Plattengerät, mit reichlich kaputtem "Falt"-Gestell, aber das Innenleben schien noch intakt zu sein. Und drei gut verpackte Platten waren  zum Glück auch noch vorhanden. Mit Laubsäge und Sperrholz entstand ein passendes Gehäuse, und es begann der Einbau der Technik. Es war spannend darauf zu warten, ob beim Platteneinschieben und Knipsen etwas Positives auf dem Negativ erscheinen würde.
Ich, eine dünne 13/14jährige, war sein erstes "Fotomodell". Zwei entflochtene Zöpfe, um die hageren, etwas entblößten Schultern Mutters Brautschleier üppig drapiert, war ich für Wolfgangs erstes Portrait hergerichtet. Jetzt kam der spannende Moment - und es gelang! Leider ist dieses Bild durch Umzüge verloren gegangen, schade.

Heute

by_Pius Schuler_pixelio.de
by_Pius Schuler_pixelio.de

Heute besitzt mein Bruder alles, was die moderne Fotografie hervorbringt und bedient sich ihrer reichlich durch das Festhalten sehenswerter Motive.
Ehrlich, ich bewundere meinen Bruder, das war unter uns Geschwistern nicht immer so!
Seine einzige Tochter hat sich beruflich der wissenschaftlich/künstlerischen Fotografie zugewandt. Ob es am Vorbild meines Bruders oder an den Genen liegt, wer weiß das schon. Jedenfalls fällt der Apfel doch nicht weit vom Stamm ?

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