Die Milchkannengeschichte

von Eleonore Zorn

Wer hätte das gedacht in meiner Kindheit, dass man im Jahr 2013 den Kindern geduldig erklären muss, dass die Milch nicht von Müller-Milch kommt, nicht im Tetra-Pack wächst, nicht aus der Lila Kuh von Milka fließt?

Milch, ein „Überlebensmittel“

In der Nachkriegszeit, in der ich Schulkind war und auf dem Land lebte, wohin es uns nach der Flucht aus der Batschka verschlagen hatte, da wusste jedes Kind noch genau, dass die Kuh, das Kalb und die Milch zusammen gehörten. Trotzdem gab es auch damals schon das Milchlädchen, da die Milch und andere Lebensmittel vom Staat oder vom Land und der Kommune bewirtschaftet wurden. Es gab ja noch „Zuteilungen“ durch Lebensmittelmarken. Ausreichend Milch für die Familie zu bekommen, war nicht leicht und jeder Tropfen zählte. Milch war ein kostbares Lebensmittel und man weinte buchstäblich über „verschüttete Milch“.

Die Milchkanne, oft verbeult und ungeeignet

Dummerweise hatten wir als Flüchtlinge auch kein eigenes Geschirr, sondern benutzten das Geschirr, das uns unsere Wirtsleute, die uns auf Anordnung der Behörden in ihr Haus aufgenommen hatten, zusammen mit den nicht mehr benötigten Zimmern ihrer Urgroßmutter überließen. Zu den Utensilien, die wir vorfanden, gehörte auch eine verbeulte Aluminium-Milchkanne (1-Liter-Kännchen) ohne Deckel. Mit dieser Kanne beim Milchlädchen Milch zu holen und sie am dünnen, verbogenen Henkel ohne Verlust nach Hause zu transportieren, war sehr schwierig. Wir Kinder (7 uns 8 Jahre alt) gaben uns große Mühe, aber es gelang nie. Schlimm war es, wenn einmal sogar die Kanne schaukelte und der kostbare Inhalt in kleinen Wogen einmal links, einmal rechts aus dem Kännchen schwappte. Dieses Schaukeln war nicht leicht zu stoppen. Es gab dann viel Jammer, Zeter und Mordio zu Hause, denn dort warteten drei Kinder und zwei Erwachsene auf die Milch. Meine Mutter verlängerte die Milch sowieso immer mit Wasser, sonst hätte sie nie gereicht.

Der Milchladen, ein Ort der Kommunikation

Trotz dieser unerfreulichen Begleiterscheinungen des Milchholens sind mir jedoch bis heute auch andere Beobachtungen um das Milchlädchen herum weit mehr im Gedächtnis geblieben als die verschüttete Milch.
Das Milchlädchen war am Dorfplatz angesiedelt, wo auch der Dorfbrunnen mit seinem breiten Steinmäuerchen stand, und sinnigerweise waren dort auch die Viehwaage sowie der Farrenstall. Damals wusste ich noch nicht, wozu alle diese Vorrichtungen gut sein sollten.
Da man vor dem Milchlädchen „anstehen“ musste und manchmal recht lange warten, hatte ich Zeit, meine neugierigen Blicke umherwandern zu lassen in der Dämmerung, denn Milch gab es erst gegen Abend. Um den Dorfbrunnen versammelten sich um diese Zeit die jungen Burschen des Dorfes, lungerten dort sozusagen „absichtslos“ herum, wie das ja heute auch noch an manchen Plätzen im Dorf und in den Städten üblich ist.

Der Dorfplatz, eine alte Form der „Dating-Agentur“

Damals war es nicht üblich, dass junge Mädchen abends ohne Anlass alleine draußen auf der Straße waren. Das Milchholen war deshalb ein sehr willkommener Grund für heranwachsende junge Mädchen, sich abends noch einmal hinauszuwagen. Meist kamen die größeren Kinder oder jungen Mädchen der Familie in Zweiergruppen. Die Blicke wanderten rege zwischen den Wartenden vor dem Milchlädchen und den Burschen am Dorfbrunnen hin und her.
Der Dorfplatz war einer der wenigen Plätze, der noch einigermaßen gut beleuchtet war. Die jungen Mädchen hatten sich meist mehr als für eine Erledigung notwendig herausgeputzt, denn man konnte ja nie wissen, ob nicht etwa der heimlich Angebetete dort sein würde. Der Rest ergab sich von selbst.

Annäherung

Manche junge Burschen wussten sich so in Szene zu setzen, dass man sie nicht übersehen konnte, die Mädchen setzten ihre Vorzüge etwas dezenter ein, aber auch ihre Botschaften kamen an.
So mancher Bursche bot seine Dienste als Beschützer auf dem Heimweg an. Die schüchternen und wohlerzogenen weiblichen Wesen lehnten dieses Angebot wenigstens ein oder zwei Mal ab. Die Keckeren unter ihnen nahmen es begeistert an. So schieden sich schon durch diese harmlosen Annäherungsversuche die Charaktere und es fanden sich die passenden Paare nach und nach zusammen.

Der Dorftratsch ersetzte die Lokalzeitung

Manche fanden auch außerhalb der „Milchlädchen-Pfade“ noch Wege, sich zu treffen. Das war damals aber nicht anzuraten, denn letzten Endes wollte jeder Mann eine unbescholtene, eher zurückhaltende Partnerin fürs Leben haben. Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit waren weder erlaubt noch üblich, da wachten die Eltern, die Pfarrer, die Lehrer und nicht zuletzt die Nachbarn hinter den Gardinen streng darüber. Die Gerüchteküche brodelte heftig in der „Schlange“ am Milchladen. Noch ehe die jungen Leute sich versahen, hatten sie einen schlechten Ruf weg.
Und bei denen, die heimliche Wege für ihre Liebe gefunden hatten, war die frühe Heirat oft nicht zu verschieben, was damals eine sehr peinliche Situation war, die die Dorfgemeinschaft intensiv erörterte, breittrat, ausschmückte, aufbauschte.
Und wo tat sie das? In der Warteschlange vor dem Milchlädchen natürlich!
Was ist an die Stelle des Milchlädchens getreten? Die vielen Stadtteilzeitungen können trotz ihrer großen Anzahl das Kommunikationszentrum Milchlädchen nicht ersetzen. Gibt es jetzt weniger soziale Kontrolle und auch weniger Tratsch?

Kommentare

Zurück