Verbindung zwischen Herz und Psyche

von Horst Glameyer

„Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen!“ Das ist leichter gesagt als getan, und das Wörtchen „so“ hilft uns dabei nicht weiter. Wie sollen wir unser Herz vor einer Nachricht schützen, die unsere Psyche ohne unser Zutun sogleich an das Herz weitergeleitet hat?

Was ist das Herz?

Das Herz ist medizinisch gesehen eine Pumpe, die alle Organe in unserem Körper mit Blut versorgt und ihn dadurch am Leben erhält. Vorübergehend kann es bei Operationen durch eine Herz-Lungenmaschine ersetzt oder bei einer Herztransplantation durch ein natürliches oder künstliches Herz ganz ersetzt werden. In nicht-medizischem Sinne wird das Herz aber auch als Sitz der Seele betrachtet.

Was sind Psyche und Seele?

Sie sind keine Organe, die sich durch andere ersetzen lassen. In medizinischem Verständnis umfasst die Psyche das Denken und Gefühlsleben eines Menschen. Nach Sigm. Freud ist sie ein System, auf das sich die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Denken gründet. Demzufolge entspringen daraus auch die affektiven und rationalen Motive für das menschliche Handeln.
Auch die Seele umfasst in religiösen und philosophischen Konzepten in unterschiedlichen Kulturkreisen die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge im Menschen. Sie bezieht sich auf ein immaterilles Prinzip und ist im Gegensatz zum menschlichen Körper unsterblich. Im alt- und mittelhochdeutschen Sprachgebrauch kannte man schon die Wendung sich mit „Leib und Seele“ ganz für etwas einzusetzen. In diesem Sinne bildeten Leib und Seele eine Ganzheit.

Herz und Psyche in enger Beziehung

Freudige wie beängstigende Nachrichten und Ereignisse lösen Stress aus. Sie wirken über die Psyche aus verschiedenen Gehirnarealen auf das Herz ein. Wie bei körperlichen Anstrengungen lassen sie es stärker und rascher schlagen. Trauer, Angst und Depression können das Herz krank machen. Umgekehrt kann ein krankes  Herz (z.B. nach einem Herzinfarkt) auf die Psyche einwirken. Körperlich fühlbare Beschwerden (z.B. Herzkammerflimmern) lösen Ängste aus, von denen der Lebenspartner des Herzkranken nicht unberührt bleibt. Gewissensbisse und gegenseitige Vorwürfe hinsichtlich der gemeinsamen Lebensführung beim Essen, Trinken und Rauchen sind nicht selten die Folge und erzeugen erneuten Stress, der das Herz belastet.

Das Herz als Sitz der Seele

In seinem Vortrag „Sitz der Seele ist das Herz: Psychologische Aspekte von Herzerkrankungen“ versucht PD Dr. Jochen Jordan (Frankfurt am Main) diese Aussage zu beweisen, zumindest als plausibel erscheinen zu lassen.
Er verweist auf das Geräusch des Herzens der Mutter, das jeder vor seiner Geburt als das Geräusch des Lebens im Mutterleib gehört hat. Diese Herztöne waren prägend.
Im Kindesalter achten wir beim Spielen und Herumtoben mehr auf unseren Atem als auf das Pochen unseres Herzens. Das ändert sich erst, wenn wir in die Pubertät eintreten. Nun nimmt das Herz durch hormonelle Veränderungen einen hervorragenden Platz ein. Wir sind verliebt und bekommen mitunter schon Herzklopfen, wenn wir an den oder die Geliebte nur denken. Außer der Freude gehören aber auch Trauer und Angst vor Verlust des oder der Geliebten zu den Gefühlen, die unser Herz spürt.

Angst als lebensrettend oder lähmend

Während in der Urzeit des Menschen die Angst lebensrettend sein konnte, indem sie ihn bei Gefahr durch wilde Tiere vor ihnen fliehen oder gegen sie kämpfen ließ, sind uns heutzutage als zivilisierte Menschen diese Möglichkeiten aus gesellschaftlichen Gründen weitgehend verbaut. Schon die Erwartung einer Gefahr, die in uns Angst auslöst, wirkt sich auf unser Herz aus. Nicht selten nehmen wir einen unberechtigten Tadel, eine Demütigung, eine Kündigung oder ein Prüfungsversagen ohne  sogleich  aufzubrausen scheinbar ungerührt hin. Erst später beginnt es, in uns zu brodeln, und wir spüren im Herzen, wie verletzt wir sind.

Wann tritt der Tod eines Menschen ein?

Über Jahrtausende galt ein Mensch als gestorben, sobald sein Herz nicht mehr schlug und er aufgehört hatte zu atmen. Dessen war man sich im 18. Jahrhundert nicht mehr so sicher, nachdem es gelang, Ertrunkene durch Beatmungs- und Wiederbelebungsversuche ins Leben zurück zu holen. Auch durch elektrische Herzstimulation ließen sich Menschen wiederbeleben.
Als Christiaan Banard am 3. Dezember 1967 im Groote Schur Hospital in Kapstadt die erste erfolgreiche kurative Herztransplantation gelang, begann ein neues medizin-technisches Zeitalter. Nicht mehr allein durch den Herztod ließ sich das Lebensende eines Menschen bestimmen. Die Transplantationsmedizin verlangte 1968 nach einer neuen Definition des Todes: den Hirntod. Erst wenn er fest steht, darf dem Verstorbenen sein Herz entnommen und einem anderen implantiert werden.

Definition des Hirntodes

Die dritte Fortschreibung der  „Richtlinien zur Feststellung des Herztodes des wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer vom 9. Mai 1997“ lautet:
„Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstammes. Dabei wird durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten.“

Wo bleibt die Seele nach einer Herztransplantation?

Da infolge der weitgehend abgestorbenen Nervenzellen alle Hinrfunktionen für immer erloschen sind, ist auch die Verbindung zwischen Herz und Psyche dauerhaft unterbrochen. Wie aber ergeht es der unsterblichen Seele des Spenders und der des Empfängers nach einer Herztransplantation? Da jeder Mensch eine einzigartige, nur ihm gehörende Seele besitzt, kann es zu Problemen kommen. So heißt es bei dem Evangelisten Matthäus im Neuen Testament 16.26: Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?
Geht sie mit dem Spenderherz auf den Empfänger über oder verlässt sie das Herz des Spenders und lässt den Empfänger mit dem Spenderherzen seelenlos zurück? Zur Zeit scheint selbst der Aufbau einer nervlichen Verbindung zwischen dem Spenderherzen und der Psyche im Gehirn des Empfängers unmöglich zu sein. Als Pumpe erhält es ihn allerdings am Leben.

Kommentare

Kommentar von Uwe Bartholl |

Lieber Horst,
was ich immer schon so denke, das liegt hier mit Deinem Beitrag ausgebreitet vor mir. Es gipfelt in der Problematik der Herztransplantation. Ein offenes Feld. Fuschen wir nicht schon vielfach medizinisch Gott ins Handwerk?
Gruß
Uwe

Zurück