Festungswälle an der „Kö“

von Anne Pöttgen

In dicht bebauten Innenstädten ist immer dann ein Blick in die Vergangenheit möglich, wenn Baustellen eingerichtet werden. So beim U-Bahn-Bau in Düsseldorf.

Gute Zeit für Archäologen

Lange bevor der erste Spatenstich für den Bau der neuen U-Bahn-Strecke getan wurde, hatten die Stadtarchäologen ihre Werkzeuge parat gelegt. Es galt, behutsam freizulegen, was von der Zeit als Festung Düsseldorf übrig geblieben war. Frühere Generationen waren da nicht so vergangenheitsbewusst gewesen und hatten aufgetauchte Mauerreste einfach weggeschafft. Seit 1980 gilt für den historischen Stadtraum das Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalens.
Die Vermutungen der Archäologen fußten auf alten Plänen und Stadtansichten. An vielen Stellen sind die Vermutungen Realität geworden.

Warum Festung?

Der winzig kleine Ort zwischen den beiden Mündungsarmen des Flüsschens Düssel in den Rhein erhielt natürlich nach seiner Erhebung zur Stadt eine Umwallung. Daraus entwickelte sich eine Steinmauer mit Türmen und Torburgen.
Als die Feuerwaffen aufkamen, entschlossen sich die Landstände, den Ort als Landesfestung auszubauen. Er war immerhin die Residenzstadt des Herzogtums Berg. Die Stadt ist allerdings nicht von Osten her erobert worden, die Franzosen kamen über den Rhein. Das war 1795 unter Napoleon.
Eine Karte der Festung im modernen Stadtplan
Aber schon 1689 und 1702 standen Truppen Ludwigs XIV. vor Düsseldorf und zerstörten das Nachbarstädtchen Kaiserswerth, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, völlig. Der damalige Landesherr war Johann Wilhelm II. Herzog von Jülich und Berg, geboren als Johann Wilhelm von der Pfalz. Die Pfalz war in den Jahren zuvor mehrfach von den Franzosen verheert worden und so wurde vorsichtshalber auf dem linken Rheinufer die „Düsselburg“ als kleine Festung errichtet, die aber 1795 nicht von Nutzen war.

Festungsbau

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Wenn man sich die Geschichte der Festungsanlagen ansieht, lernt man Wörter kennen wie Kurtinen, Ravelins und Kontergarden, verbesserte Wälle und Gräben also. Einer dieser Gräben ist erhalten geblieben und ziert jetzt die ziemlich bekannte „Kö“. Die Reste, die unter dem Boden vermutet wurden, waren 1980 unter Denkmalschutz gestellt worden.
Während der kriegerischen Zeiten unter Ludwig XIV. baute Johann Wilhelm II., von seinen Untertanen liebevoll Jan Wellem genannt, die Festung Düsseldorf aus, im Süden der Stadt kam eine Zitadelle hinzu. Zu weiteren Ausbauten fehlten die Mittel. Jan Wellem hatte nämlich auch eine Vorliebe für die Kunst. Die später berühmte Kunstakademie wurde von ihm gegründet. Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, Anna Maria Luisa de Medici, hat er Werke der besten Maler der Zeit gesammelt.
Nach Jan Wellems Tod wurde die Festung weiter ausgebaut, bewährte sich aber weder im Siebenjährigen Krieg noch bei Napoleons Angriff 1795. Düsseldorf soll zu Zeiten des umfangreichsten Ausbaus die größte Festung Europas gewesen sein. Obertägig erhalten ist nur die Bastion Anna Amalia im Süden.

Napoleon

Foto Albertus Wilke, by-sa
Foto Albertus Wilke, by-sa

Napoleon ist den Düsseldorfern in guter Erinnerung. Tat er doch den Ausspruch, dieser Ort sei ein Klein-Paris. Aber auch seine Taten kamen der Stadt zu Gute, er erließ nach seinem Besuch 1811 ein Stadtverschönerungsdekret. Die riesigen Festungsanlagen waren 1801 auf seinen Befehl hin gesprengt, der frühere fürstliche Hofgarten schon 1795 von seinen Truppen völlig zerstört worden. So war Platz geschaffen für den weitläufigen Hofgarten, der den „Bürgern“ gewidmet wurde. Finanziert von den Franzosen, eine Art Wiedergutmachung.
Aber Napoleon sorgte nicht nur für die Stadtverschönerung. Das Herzogtum Berg wurde zum Großherzogtum, regiert von seinem Schwager Murat, später von Napoleon selbst und danach von seinem erst dreijährigen Neffen Napoleon-Louis. Wirklich regiert hat Graf Jacques Claude de Beugnot, der die Verschönerungen beaufsichtigte. Dieser Zeit verdankt Düsseldorf einen Hafen und eine erste Universität und im Hofgarten den Napoleonsberg.
Nach dem Ende der Herrschaft Napoleons kam Düsseldorf wie die ganze Rheinprovinz zu Preußen. Düsseldorf zählte damals etwas mehr als 22.000 Seelen.

Ausgrabungen

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Auch bei Großbaustellen arbeiten die Archäologen nach demselben Prinzip wie bei abgelegenen Grabungsstellen. Es wird ein Planum angelegt, also eine ebene Fläche, die Schicht für Schicht abgetragen wird. Bei kleinen Grabungsstellen von Hand und mit Hacke und Schaufel, beim U-Bahn-Bau mit einem speziellen Bagger. Der Aushub wird von den Archäologen unter die Lupe genommen. Alles, was gefunden wird, wird sorgfältig dokumentiert, ob es einzelne Funde sind wie Tonpfeifen der Soldaten, die an den Wällen Dienst taten, oder die Festungswerke selbst.
Jedes Fundstück wird gesäubert, gezeichnet und in einen Plan eingezeichnet, auch wenn es sich nur um Senftöpfe oder Mineralwasserflaschen aus Ton handelt. Die ganz großen Sensationen wurden nicht gefunden, aber auch diese Kleinigkeiten gehören zur Düsseldorfer Geschichte des 17. bis 19. Jahrhunderts.
Einer der Baustopps des U-Bahn-Baues wurde erforderlich, als menschliche Gebeine gefunden wurden. Man war auf ein Teilstück eines alten jüdischen Friedhofs gestoßen. Trotz der umfangreichen Vorarbeiten war von diesem Ausläufer des Friedhofs nichts bekannt.

Das war‘s

Die Tunnelvortriebsmaschine, Turborine getauft, ist längst zerlegt und abtransportiert, offene Stellen gibt’s nicht mehr und die Archäologen sind jetzt bei der Nachbearbeitung ihrer Funde. Wirklich spektakuläre Fundgegenstände halten sie nicht in den Händen.
Im ArcheoPoint, der im zentralen U-Bahn-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee eingerichtet werden soll, wird aber neben Tonpfeifen, Senftöpfen und Münzen etwas viel Größeres zu sehen sein: ein Mammutzahn, oder vielmehr Reste eines Zahns. Gegen Ende der Tunnelbohrzeit wurde er von den Archäologen geborgen und bisher in feuchter Umgebung gehalten, um den Zerfall zu vermeiden. Es wäre doch zu schade, wenn diese Reste des ältesten Düsseldorfers nicht erhalten blieben.

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