Heimkehr

von Elisabeth Grupp

In den letzten Kriegstagen 1945 ging ein junger Soldat, gerade 16 jährig, über die schwäbische Alb zu seinem Heimatort. Er sah von der Höhe des Berges seine Mutter mit einem französischen Gefangenen auf dem Acker arbeiten.
Plötzlich entdeckte der Franzose den Herankommenden. Die  Hacke wegwerfend sprang er den Berg hinauf, packte den Jungen indem er ihn herumwirbelte und rief: “Oh Jung, Jung ist wieder da“!

Im Elternhaus

Die Freude über den heimkehrenden Sohn war übergroß. Dennoch erkannte sein Vater die gefährliche Situation. Sein Sohn hatte einen Gestellungsbefehl für das Kreiswehrersatzamt, den er unverzüglich auszuführen hatte, um einer Einheit zugestellt zu werden.
Er kam diesem Befehl nicht nach. Stattdessen wechselte er die Uniform mit kurzen Hosen und versuchte, sich auf dem Hof nützlich zu machen. Der Vater nahm sofort mit einem alten Kriegskamerad - der bei der Gendarmerie war - Kontakt auf. Dieser sicherte ihm, unter strengen Vorsichtsmaßnahmen, seinen Beistand zu.
So gelang es dem jungen Soldaten mit viel Glück die letzten Kriegstage ohne den Verlust seines Lebens zu überstehen.

Verdrängen

So wie die Uniform weg geräumt wurde, so räumte man alle Erlebnisse des Krieges
in Schubladen. Auch alle Vorkommnisse im weiteren Leben verschwanden in Schließfächern. Es wollte niemand etwas wissen, es interessierte niemanden, es wäre unbequem gewesen. Ab und zu kam etwas aus den Spalten heraus, die man schnell zukittete.
Das Überschäumende, nicht mehr Haltbare, vertraute der Sohn seinem Beichtvater an, der irgendwann die große Not bemerkte. Trotz dessen Zusicherung von Gottes Barmherzigkeit und Vergebung konnte er dieser Zusage nicht vertrauen.

Disziplin

Wie ein Strom seinem Ziel entgegen fließt, so verläuft das Leben von jedem Menschen. Es gehört viel Kraft dazu, sich selbst und anderen Disziplin abzuverlangen.
Dieses Training gelingt meistens nur über viele Jahre hinweg bis die Lebenskraft nachlässt. In einem Zustand der absoluten Schwäche öffnen sich die Schubladen und nichts kann mehr verborgen bleiben. Das Zutage-Getretene kann meistens nicht mehr verarbeitet werden. Um es dennoch zu ertragen, flüchtet sich der Mensch in Depressionen oder auch in Wahnvorstellungen.

Rückblende

Wer spricht heute von Missbrauch an Buben, die in den Kampf geschickt wurden. Sie wurden ideologisch geformt und in der Masse zurecht gebogen. Ohne Ausbildung zeigte man ihnen die Einstellung an Richtmaschinen um Granaten abzuschießen. Nach dem Knopfdruck kam die Rückmeldung: “Volltreffer auf Lastwagen“. Die Begeisterung bei Erfolg und das Lob war ansteckend. Wen kümmerte die Anzahl der Getroffenen, wer half den Jungen mit dieser Belastung fertig zu werden?
Um dem zu entfliehen, sah der hier Beschriebene als Ausweg nur den freiwilligen Wechsel zu einer anderen Waffengattung. Ausgerüstet mit dem Gestellungsbefehl und mit einer kleinen Abweichung vom direkten Weg erreichte er damals seinen Heimatort.
Obwohl er nie einer anderen Einheit angehörte, fühlte er sich in seinem Wahn verfolgt. Erst im hohen Alter zeigte sich das Ausmaß des Missbrauchs und des Alleingelassenseins, das nur noch über Medikamente gemildert werden konnte.

Ruhe und Frieden finden

in der Altenpflege konnte ich Menschen begleiten, die in Ruhe und Frieden ihr Leben beenden durften. Es gab aber auch Schicksale, wie das beschriebene, die sich sehr schwer taten, um versöhnt die Welt zu verlassen.
Vor meinen Augen sehe ich noch die alten Kriegsveteranen hinter den Scheiben der geschlossenen Abteilung. Sie trugen weiße Overalls. Des Verstandes beraubt durch Depression und Wahn, tasteten sie mit den Fingern die Scheiben ab, wie Fliegen an den Fenstern.
Mein entsetzter Blick traf die Dame der Heimleitung, welche mir zu verstehen gab: “Die alten Veteranen sterben aus“.

Kommentare

Kommentar von Margret |

Liebe Elisabeth,
Deine bewegende Schilderung beschreibt genau das Leiden vieler Menschen, die das Trauma ihrer Kriegserlebnisse nicht haben aufarbeiten können. An dieser Stelle setzt das "Behandlungszentrum für Folteropfer" http://www.bzfo.de/ in Berlin an, um für die wenigen Menschen, denen das Leben auch heute noch aus diesem Grunde zur Qual wird, in Sonderprogrammen eine Hilfestellung geben zu können.
Man kann nicht genug auf diese Tragödien hinweisen, wie Du es getan hast.

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