Damals ...

von Horst Glameyer

Fast ist es, als kämen wir Achtzigjährigen von einem anderen Stern, so sehen   unsere Kinder und Enkel uns mitunter an, wenn wir ihnen aus dem Alltag unserer eigenen Kindheit und Jugend erzählen. Was damals selbstverständlich war, ist heute längst vergessen.

Frühe Kindheitserinnerungen

Meine Eltern und ich wohnten damals in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Hamburg.  Blickte ich aus dem Fenster, sah ich auf der belebten Straße unter mir mehr Pferdefuhrwerke als Autos. Kräftige Männer rollten schwere Bierfässer über kleine Rampen in Kellerlokale. Auch trugen sie auf der Schulter lange Eisstangen oder Körbe mit Eisstücken zum Kühlen hinunter. Vermutlich waren Kühlschränke den Wirten noch zu teuer, obwohl sie schon im 19. Jahrhundert erfunden wurden. Ein schneeweißer Wagen mit Rollläden an der Seite fiel mir besonders auf. Ihn zogen zwei Schimmel. Er gehörte einer Wäscherei, die bei ihren Kunden die Wäsche abholte und schrankfertig zurück brachte. Selbst Bäcker stellten Tüten mit Brötchen und Milchhändler große und kleine Milchflaschen sowie abgepackte Butter vor die Wohnungstür ihrer Kunden. Im Milchgeschäft wurde Butter aus dem Fass verkauft und Milch in die kleine vom Kunden mitgebrachte Kanne gefüllt.

Kolonialwaren

Kaffee, Tee, Gewürze und viele andere Importwaren stammten aus den einstigen deutschen Kolonien. Folglich wurden Lebensmittelgeschäfte noch immer gern als „Kolonialwarengeschäfte“ bezeichnet. Zucker, Mehl und viele andere Lebensmittel wog der Kaufmann vor den Augen seiner Kunden in Tüten ab. Häufig griff er danach in einen der Glashafen auf dem Ladentisch und steckte seinen kleinen Kunden ein, zwei Bonbons zu. Damals war es noch üblich, die neben der Mutter wartenden Kinder sogar beim Bäcker mit einem kleinen Stück Kuchen und beim Schlachter mit einem Würstchen zu erfreuen.

Bügeleisen und anderes

Ich entsinne mich noch an zwei Bügeleisen in jener Zeit, an die sich heute wohl kaum noch jemand erinnert. Meine Mutter besaß zwei Eisen, die sie abwechselnd über der Flamme auf dem Gasherd erhitzte. Anschließend hakte sie einen Griff ein und trug das heiße Eisen zum Bügelbrett. Meine Großmutter auf dem Lande heizte dagegen ihr Bügeleisen mit glühenden Torfstücken auf und schwenkte es vor dem Bügeln mehrmals hin und her, damit es recht heiß wurde.
Der Waschtag machte seinerzeit den Frauen viel Arbeit. Die Kochwäsche wurde natürlich gekocht, auf dem Waschbrett sauber geschrubbt, mehrmals gespült und ausgewrungen. Danach kam sie zum Trocknen auf die Wäscheleine im Hinterhof oder auf den Dachboden. Dort stand eine große Mangel für die Bettwäsche. Als ich drei oder vier Jahre alt war, durfte ich meiner Mutter beim Wäschemangeln helfen und die Kurbel drehen.

Straßenbahnen und Lokomotiven

Seit 1978 besitzt Hamburg keine Straßenbahnen mehr. Als sie noch fuhren, sagte man: „Die Elektrische kommt.“ In den 30er Jahren berechnete der Schaffner den Fahrpreis für Kinder nach deren Körpergröße. An den Rahmen einer der Durchgangstüren musste sich das Kind vor eine Marke stellen. Wer darunter blieb, durfte kostenlos mitfahren. Mein Vetter hatte Glück. Er war älter, aber kleiner als ich. Das kreischende Geräusch, wenn die Elektrische in eine Kurve einbog, klingt mir noch heute in den Ohren.
Ein besonderes Erlebnis waren die Dampflokomotiven im Hamburger Hauptbahnhof. Stand man auf der Brücke über den Gleisen, konnte man ganz in weißen Dampf gehüllt die Lokomotiven anfahren hören. Bald werden Züge vielleicht schon führerlos fahren. Seinerzeit hatten in Hamburg die Fahrer der Bahnen, Busse und Alsterdampfer noch mindestens einen Begleiter. Seit langem sind diese wegrationalisiert worden.

Unser erstes Radio

Im Frühjahr 1933 bekamen wir unser erstes Radio. Damals war ich noch nicht fünf Jahre alt. Inzwischen waren wir auf Wunsch meiner Mutter aus Hamburgs Innenstadt nach Neugraben umgezogen. Wer erinnert sich noch der unruhigen Zeiten vor 1933, als sich große politische Parteien mit ihren Schutztruppen in heftige Straßenkämpfe verwickelten? Als Polizeibeamter musste mein Vater für Ruhe und Ordnung sorgen, und meine Mutter war froh, wenn er unversehrt heimkam.
Das Radio stand in der Wohnstube, ein längliches Gerät. Als ich einmal allein in der Stube davor stand, wurde ein äußerst echt wirkendes Hörspiel gesendet. Es handelte sich um einen Tieffliegerangriff auf einen Personenzug. Ich hörte Schüsse, dann die Schreie der getroffenen Fahrgäste. Ein Schaffner versuchte, sie zu beruhigen. Das war 1933. Ich habe die Sendung nie vergessen. Ein Vorgeschmack auf kommende Ereignisse. Viel später erlebte ich im Krieg selbst einen Tieffliegerangriff.

Im Gleichschritt

Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich Pimpf im Jungvolk, bekam eine Uniform und musste am Mittwoch- und Samstagnachmittag zum Dienst antreten. Im Gegensatz zur evangelischen Jungschar am Donnerstagnachmittag, der ich weiterhin angehörte, marschierten wir als Fähnlein oder Jungzug im Gleichschritt durch die Straßen und sangen Lieder, die zum Teil noch aus der Wandervogelbewegung stammten. Trug eine solche Kolonne eine Hakenkreuzfahne voran, die nach einem Liedtext zu urteilen, mehr war als der Tod, musste jeder auf dem Bürgersteig sie mit in Augenhöhe ausgestrecktem, rechtem Arm grüßen. Tat er das nicht, konnte es ihm schlecht ergehen.
Längst begrüßten uns die Lehrer zu Beginn ihres Unterrichts wie selbstverständlich mit dem einheitlichen Hitlergruß. Mitunter frage ich mich, wie würden wohl heute die Schulkinder reagieren, wenn ihre Lehrer sie morgens mit „Heil Merkel!“ oder dem Namen eines anderen regierenden Bundeskanzlers begrüßten?

Kriegsvorbereitungen

Ein Jahr später, im Sommer 1939, bekam ich wie alle Kinder und Erwachsenen eine Volksgasmaske. Sie lag von nun an griffbereit in einem grauen Karton auf dem Schrank im Schlafzimmer. Ich kann mich nicht entsinnen, sie jemals getragen, geschweige angepasst zu haben.
Der Dachboden wurde „entrümpelt“, der Kellergang für den Ernstfall mit Stühlen und Wolldecken ausgestattet. Bei Luftschutzübungen am Abend alarmierte uns das Wolfsgeheul der Sirenen, und wir mussten bis zur Entwarnung den Keller aufsuchen. Der Luftschutzwart prüfte derweil auf der Straße, ob alle Fenster „verdunkelt“ waren. Kein Lichtspalt durfte zu sehen sein, weil er feindlichen Fliegern als Bombenziel dienen könnte.
Noch war für uns Kinder alles fast ein Spiel. Wir fuhren auf Rollschuhen oder schlugen den Kreisel. Selbst als es nach den ersten Luftangriffen ernst wurde,  suchten und sammelten wir Flakgranatensplitter und verglichen sie mit den Sammlungen der anderen Kinder.

Kriegszeit

Ich weiß nicht, ob man sich anhand von Fotos die Ereignisse jener Tage wirklich vorstellen kann, wenn man sie nie erlebt hat. Als ich 15 Jahre alt war, flüchtete ich beim ersten Sirenengeheul in den  Luftschutzkeller unter dem Museum für Kunst und Gewerbe neben dem Hamburger Hauptbahnhof. Als ich nach der Entwarnung auf die Straße trat, standen die Kaufhäuser in Hamburgs großer Einkaufsstraße, der Mönckebergstraße, in Flammen.
Ein Jahr später wurden meine Klassenkameraden und ich Kindersoldaten (den Begriff gab es damals noch nicht). Mein Freund starb mit 16 Jahren als Flakhelfer bei einem Luftangriff auf Bremen.
Gehe ich heute mit meiner Enkelin durch die Mönckebergstraße an den hell erleuchteten Schaufenstern vorüber, erzähle ich ihr, dass hier während des Krieges   alles  „verdunkelt“, war. Die Leute trugen abends „Leuchtabzeichen“ an ihren Mänteln, um sich nicht umzurennen.

Kriegsende

Als Arbeitsmann im Reichsarbeitsdienst zog ich unter militärischem Kommando im Frühjahr 1945 zu Fuß der Front in Mecklenburg entgegen. Einen Spaten habe ich nie gesehen. Stattdessen setzte man mir einen Stahlhelm auf und drückte mir ein Gewehr in die Hand. Zum Glück brauchte ich auf niemand zu schießen; denn im Mai hieß es, der Führer sei im Kampf um Berlin gefallen. Ich konnte nach Hause gehen.

Nachkriegszeit

Es war ein langer Fußmarsch von Karow in Mecklenburg bis nach dem Bauernhof meines Onkels an der Niederelbe. Hier zogen Pferde noch den Pflug und die Erntewagen. Elf Kühe hatten eigene Namen. Sie wurden mit der Hand gemolken. Es gab Kälber, Schweine, Ferkel. Schafe, Lämmer, auch Hühner, Gänse und Enten samt ihren Küken. Selbst die Schweine konnten im Herbst tagsüber ihren Stall verlassen und unter den Apfelbäumen das Fallobst fressen. Die Zeit der Traktoren und Massentierhaltung war noch nicht angebrochen. Alle Tiere waren Lebewesen und wurden auch so behandelt, waren keine bloßen landwirtschaftlichen Erzeugnisse oder Produkte. Aber das war damals, und den Bauernhof gibt es schon lange nicht mehr.

Kommentare

Kommentar von Uwe Bartholl |

Lieber Horst,
als hätten wir Strecken unseres Lebens gemeinsam gelebt, so habe ich für alles dieselben Bilder.
In dieser Distanziertheit auf die eigene Vergangenheit zu schauen und sie so zu beschreiben und nicht zu bewerten, dass gefällt mir sehr. - Wie durch dies ganze LC wird auf besondere Weise die eigene Vergangenheit lebendig.
Gruß Uwe

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