Das Grimm’sche Wörterbuch

von Lore Wagener

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sammelten nicht nur Märchen, sondern auch Wörter. Mit ihrem „Deutschen Wörterbuch“ wollten sie eine deutsche „Wörter-Schatztruhe“ begründen.

Das Königreich Hannover

Zu ihrem Entschluss kamen die Brüder Grimm allerdings nicht ganz freiwillig. Und das war eher eine traurige Geschichte. Die Brüder – beide Juristen und Germanisten - hatten an der Universität Göttingen ihre Professorenstellen. Sie waren also Landeskinder des Königreichs Hannover, dessen Herrscher in den 1830er Jahren in Personalunion Georg IV, König von Gro0britannien und Irland, war. Unter seiner Herrschaft hatten die Hannoveraner im Jahre 1833 eine relativ freiheitliche Verfassung bekommen. Mit dem Tod von Georg IV. erlosch aber die Personalunion mit der britischen Krone und aus dem Geschlecht der Welfen bestieg nun Karl August I. den hannoverschen Thron. Der war gleichzeitig englischer Herzog von Cumberland und galt als besonders reaktionär. Diesen Ruf bestätigte er gleich nach seinem Regierungsantritt, indem er die Verfassung von 1833 aufhob und durch restriktivere  Vorschriften ersetzte.

Die Göttinger Sieben

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Das empörte natürlich die Hannoveraner und besonders die liberal gesinnten Göttinger Professoren. Die Brüder Grimm gehörten dann auch zu den Göttinger Gelehrten, die im November 1837 eine Protestation gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes einreichten. Der neue König reagierte ungnädig mit ihrer Amtsenthebung. Sie verloren ihre Professorenämter. Jacob wurde außerdem des Landes verwiesen, musste aber nicht weit reisen, denn im Königreich Sachsen war er ja schon im Ausland. Der Protest der „Göttinger Sieben“ fand Aufmerksamkeit in allen deutschen Landen und rüttelte die Opposition auf. Er gilt heute als ein wichtiges Ereignis des Vormärz.

Ein deutsches Belegwörterbuch

Der Verleger Simon Hirzel
Der Verleger Simon Hirzel

In Leipzig schlugen die Verleger Reimer und Hirzel den beiden Arbeitslosen vor, nun die „unfreiwillige Muße auszufüllen und ein neues, großes Wörterbuch der deutschen Sprache abzufassen“. Damit bekamen die Grimms die Möglichkeit, für alle Deutschen wenigstens einen gemeinsamen Sprachraum zu sichern.  „Es soll ein Heiligtum der Sprache gründen, ihren ganzen Schatz bewahren, allen zu ihm den Eingang offen halten … und wird ein hehres Denkmal des Volks, dessen Vergangenheit und Gegenwart in ihm sich verknüpfen“. (Jacob Grimm)
Die beiden Germanisten begannen 1838 mit der Arbeit, die verlegerisch vom S. Hirzel Verlag betreut wurde. Sie wollten nicht nur alle deutschen Wörter erfassen, sondern ebenso das Wissen über deren Herkunft, Merkmale und Gebrauch festhalten. Sie suchten also in der gesamten Literatur nach Textstellen, in denen das Sammelobjekt vorkam. Die exakte Quellenangabe diente dann als Beleg für einen fundierten Eintrag ins Wörterbuch. Damals war das ohne technische Hilfsmittel ein Mammutvorhaben. Die Grimms glaubten, dass sie in etwa 10 Jahren fertig sein würden. Für den ersten Band brauchten sie aber bereits 16 Jahre. 1854 war er fertig. Obwohl ihnen etwa 80 Mitarbeiter halfen, die Wörter suchten und Belege sammelten, kamen die Brüder zu ihren Lebzeiten nur bis zum Buchstaben F.

Frühere deutsche Wörterbücher

Natürlich waren die Brüder Grimm nicht die Ersten, die ein deutsches Wörterbuch in Angriff nahmen. Bis zum 16. Jahrhundert hatten solche Bücher vorwiegend lateinisch – hochdeutsche Vokabeln zum Inhalt. Jacob Grimm erwähnte  zum Beispiel ein „vocabularius optimus“ aus dem 14. Jahrhundert. Er lobte, dass er darin wertvolle Hinweise zur altdeutschen und mittelhochdeutschen Periode gefunden habe. Positiv erwähnte Jacob auch ein Buch aus dem Jahre 1616 mit dem Titel „teutsche Sprach und Weisheit“. Das Werk sei überaus fleißig und lehrreich. „Was deutsche Arbeitskraft vermöge, geht aus diesem schätzbaren Werk hervor.“ Jacob Grimm erwähnte dann in seinem Vorwort einige deutschsprachige Wörterbücher aus den Jahren 1774 und 1818. Die hat er wohl gründlich studiert, als er sich mit seinem Bruder Wilhelm an die Arbeit machte.

Hirten, Jäger und Fischer

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Der Wortgebrauch des deutschen Volkes sollte auf allen Stilniveaus dokumentiert werden, nicht nur aus gelehrten Büchern. Dafür steckten die Germanisten ein ziemlich weites Feld ab. Sie schauten nicht nur dem Volk aller Stände und Landstriche „aufs Maul“. Sie forschten persönlich auch bei allen möglichen Berufsgruppen nach – bei Seeleuten und Bergleuten, den Sennerinnen oder den Imkern. Fremdwörter nahmen sie nur sehr restriktiv auf. Aber in „schlechten“ Wörtern, die ihre Vorgänger tunlichst vermieden hatten, sahen sie keine Schwierigkeiten. Sie wollten wirklich alles erfassen, auch Schimpfwörter. Jacob Grimm wetterte: „Das Wörterbuch ist kein Sittenbuch, sondern ein wissenschaftliches, allen Zwecken gerechtes Unternehmen. Selbst in der Bibel gebricht es nicht an Wörtern, die bei der feinen Gesellschaft verpönt sind. Wer an nackten Bildsäulen ein Ärgernis nimmt, gehe auch an diesen (Wörtern) vorüber …“  Damit wurde das Deutsche Wörterbuch das erste, in dem auch unfeine Wörter zu finden sind.

Nachfolge ab 1863

Nach dem Tod der Grimms führten Generationen von Gelehrten das Werk weiter. Rudolf Hildebrand oder Moritz Heyne sind einige der Germanisten, die an der Fortführung des Werks beteiligt waren. Professor Heyne zum Beispiel kam im Jahre 1883 an die Universität Göttingen, um die seit 1867 begonnene Arbeit an der Herausgabe fortzusetzen. 1908 übernahm die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin die Weiterentwicklung des Projekts. In Göttingen wurde eine zentrale Sammelstelle zum Systematisieren der Belege begründet. Ab 1930 gab es eine feste Arbeitsstelle bei der Berliner Akademie. Während der NS-Zeit musste die Akademie ihre jüdischen Mitglieder entlassen, konnte ihre Arbeit jedoch unter Auflagen fortsetzen. Nach dem 2. Weltkrieg gehörte die Berliner Akademie zu Ost-Berlin und damit zur ehemaligen DDR. Dennoch arbeitete sie unter Beschränkungen weiter mit der Göttinger Sammelstelle zusammen. In Ost-Berlin wurde der 32. und letzte Band im Jahre 1961 fertig gestellt. Aus den veranschlagten 10 wurden somit 123 Jahre der Bearbeitung.

Die aktuelle Bedeutung

Die Bedeutung des Grimm’schen Wörterbuchs liegt nicht im Aktuellen, das ist wegen der langen Bearbeitungszeit und des Umfangs nicht möglich. Es umfasst 32 Teilbände mit weit mehr als 300.000 Stichwörtern. Dazu gibt es noch ein rund 4.000 Quellen umfassendes Quellenverzeichnis.
Aber gerade durch die lange Bearbeitungszeit hat das Werk etwas Besonderes. „In ihm spiegeln sich einhundert Jahre politischer, sprachpolitischer und lexikographischer Geschichte wider. Dadurch wird das Buch  nicht nur zu einem worthistorischen Grundlagenwerk der deutschen Sprache, sondern auch zu einem unvergleichlichen geschichtlichen Zeugnis wissenschaftlicher Vergangenheit mit ihren Theorien, Verfahren und Methoden. Insoweit findet es noch immer ein reges Interesse." (berlin-brandenburgische Akademie der Wissenschaften) Nachbearbeitungen und Ergänzungsbände wurden sofort nach 1961 in Angriff genommen. Heute ist die digitale Version des Werkes von Bedeutung.

Wörterbücher unserer Nachbarn

Wappen der Accademia della Crusca
Wappen der Accademia della Crusca

Vergleichbare Wörterbücher anderer Nationen wurden meist von deren Akademien initiiert.
Bedeutend ist das Oxford English Dictionary. Es wird von Oxford University Press herausgegeben. Nach siebzig Jahren Arbeit war es 1928 fertig. Vorgänger  war das 1755 erschienene Dictionary of the English Language von  Samuel Johnson.
Die Accademia della Crusca. in Florenz gab 1612 das erste Wörterbuch heraus, das bis 1923 mehrfach in Neuauflagen erschien.  Die Accademia bezeichnete sich gern als Cresson (Kleieflocken), weil ihr Ziel der Sprachpflege "die Spreu vom Weizen“ trennen sollte. Das propagiert auch ihr Wappen.
In Frankreich brachte die Akademie Française ab 1694 das Dictionaire de l'Académie heraus.
In Spanien erschien das Diccionario de Autoritäres zwischen 1726 und 1739.
Von den weiteren, zumeist im 19. Jahrhundert begonnenen, Nationalwörterbüchern sind das dänische Ordo Over der danke Spröd und das niederländische Woordenboek der Niederländische Tal abgeschlossen. Weitere Nationen arbeiten noch daran. Allen ist gemeinsam, dass es für sie wichtig ist, ihren nationalen Sprachschatz zu pflegen und zu erhalten.

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