Kunstvermittlung für ältere Menschen

von Hildegard Neufeld

Pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche sind in den Museen gang und gäbe. Wie aber ist es mit älteren kunstinteressierten Museumsbesuchern, wie werden deren Interessen und Bedürfnisse in den Museen berücksichtigt?

Ältere Museumsbesucher

Immer mehr deutsche Museen weisen in ihren Dokumentationen auf eine zunehmende Alterung ihrer Besucher hin. Besonders kulturgeschichtliche Museen und Kunstmuseen stellen unter ihren Besuchern einen ausgeprägten „Über 50“-Anteil fest.
Eine Befragung in der Kunsthalle Bielefeld (2011) ergab, dass fast 60 Prozent der Besucher über 60 Jahre alt waren.
Allerdings repräsentieren die älteren Museumsbesucher auch heute noch altersmäßig oft nur knapp einen Querschnitt der Bevölkerung. Die Altersstrukturen sind de facto identisch, teilt beispielsweise das Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit. Einer dortigen Untersuchung zufolge betrug der Anteil der über 60jährigen Museumsbesucher 28-29 Prozent, während sich der gleichzeitige Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppe auf 31 Prozent belief.

Besuchergewinnung

Wie können für die Museen neue Besuchergruppen der älteren Generation gewonnen werden? Dieser Frage sind inzwischen immer mehr Museen nachgegangen und haben  teils schon entsprechende Konzepte für die Gewinnung von weiteren älteren Besuchern entwickelt. Ein Beispiel:
Um den Bedürfnissen der älteren Besucher gerecht zu werden, hat die Kunsthalle Bielefeld ihr Programm im Bereich der Kulturgeragogik ausgebaut. Ruhige Führungen mit Sitzgelegenheiten, spezielle Rundgänge für ältere Menschen und praktische Kreativarbeiten für demente Menschen sind einige dieser Angebote. Zudem soll das akademische Weiterbildungsangebot ausgebaut werden.
Ziel der Kulturgeragogik ist es, auch älteren Menschen kulturelle Teilhabe und lebenslanges Lernen zu ermöglichen.

Geragogik

Unter dem Begriff „Geragogik“ werden Aktivitäten zusammengefasst, die sich speziell an Menschen in reifen Lebensphasen richten. Der Begriff „Geragogik“ kann als Pendant zur Pädagogik gesehen werden und enthält als interdisziplinäre Wissenschaft Elemente der Erziehungswissenschaft und der Gerontologie, wird auf der Webseite der Kunsthalle Bielefeld erläutert.
Die Kunsthalle Bielefeld ist bestrebt, Angebote für alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten zu schaffen. Kulturelle Teilhabe für alle sowie lebenslanges Lernen im Blick auf den demografischen Wandel sind hierfür wichtige Schlüsselbegriffe, die nun auch praktisch umgesetzt werden. Dabei ist es besonders wichtig, die Vielfältigkeit der Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe angemessen zu berücksichtigen.

Seniorenwerkstatt

Die Stiftung Moritzburg - Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt -  in Halle hat ein neues Angebot für ältere Besucher entwickelt. Einmal monatlich zu einer seniorenfreundlichen Tageszeit (jeweils um 14.00 Uhr) und zu einem günstigen Sonderpreis lädt die Stiftung Moritzburg zu Überblicksführungen, thematischen Führungen sowie zu Kunstbetrachtungen und Gesprächen zu ausgewählten Einzelobjekten ein.
Seniorinnen und Senioren, die sowohl an der Kunst als auch am selbsttätigen Kreativsein Freude haben, wird außerdem die Teilnahme an einer einmal jährlich stattfindenden Seniorenwerkstatt angeboten. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, die Freude am Ausprobieren und schöpferischen Gestalten der Interessenten genügt, um unter professioneller Anleitung an der Seniorenwerkstatt teilzunehmen.

Kunstvermittlung durch Künstler

Der Kunstverein Freiburg ist dabei, den Bereich der Kunstvermittlung und Kunstpädagogik auch für Senioren als zentralen Aspekt seiner Ausstellungspraxis auszubauen.
Bereits im April 2006 konnten 20 Künstler der Region gewonnen werden, die unter der Leitung einer freien Kuratorin und Künstlerin im Bereich der „Kunstvermittlung durch Künstler“ in mehrtägigen Workshops unterschiedliche Konzepte und Herangehensweisen zeitgemäßer Kunstvermittlung ausgearbeitet haben. Aus der Erfahrung, dass Kunst oftmals direkter und nachhaltiger aus der künstlerischen Perspektive vermittelt werden kann, basiert das neue Vermittlungskonzept. Im Vordergrund steht dabei nicht das theoretische Erklären, sondern die spielerische Herangehensweise, die eigene kreative Potentiale fördert und Senioren aktiv mit ihrer Lebenswirklichkeit in den Vermittlungsprozess einbezieht.

Kunstkolleg

Ein neues Programmangebot vom Städel-Museum, dem Liebieghaus Skulpturensammlung und der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt richtet sich gezielt an die Gruppe der nicht mehr Berufstätigen und älteren Menschen, die an kultureller und künstlerischer Weiterbildung sowie am Austausch mit Gleichgesinnten interessiert sind. Unter dem Namen „Kunstkolleg“ veranstalten die drei Häuser eine Vielzahl von zielgerichteten Programmpunkten, die Kunstinteresse und Weiterbildung und die Freude an Austausch und Kommunikation miteinander verbinden. Von grundlegenden Einführungen in Fragestellungen der Kunstgeschichte über praktische Übungen zum Erlernen künstlerischer Techniken bis hin zu mehrteiligen intensiven Seminaren bietet das Kunstkolleg vielfältige und zielgruppenspezifische Möglichkeiten, sich in die Welt der Kunst zu vertiefen.
Alle Veranstaltungen werden fachkundig von Vermittlern aus den drei Häusern moderiert.

Kunstvermittlung extern

Das Städel-Museum Frankfurt a.M. bringt den Kunstgenuss in die Senioreneinrichtungen. Die Werke des Museums können so durch einen bebilderten Vortrag (Beamer-Präsentationen) von den Senioren in ihren eigenen Räumlichkeiten empfangen werden.
Das Angebot „Kunstgenuss extern“ wird nach Auskunft des Städelmuseums bisher noch nicht sehr häufig wahrgenommen, es gibt jedoch einige Einrichtungen, die das Angebot regelmäßig nutzen.
Die meisten Einrichtungen nutzen, wenn möglich, vor allem das Angebot, die Arbeiten im Original im Museum zu betrachten. Thema und Umfang sind bei „ Kunstgenuss extern“ je nach Absprache flexibel. „Kunstgenuss extern“ kann telefonisch gebucht werden unter Telefon-Nummer 069/605098-200,

Kunstvermittlung für Demenzkranke

Dass Menschen mit Demenz Kunstwerke im Museum betrachten, mag immer noch ungewöhnlich klingen, im Lehmbruck-Museum Duisburg jedoch ist es Alltag. Bereits 2007 entwickelte das Lehmbruck-Museum als erstes deutsches Kunstmuseum spezielle Führungen für Menschen mit Demenz. Seitdem konnten 80 solcher Angebote durchgeführt werden.
Mit dieser Initiative soll erreicht werden, die Teilhabe von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen im gesellschaftlichen Leben zu erhalten und zur Verbesserung ihrer Lebensqualität, Handlungskompetenz und sozialen Integration beizutragen.
Immer mehr Museen richten ihre Angebote an den Interessen und Bedürfnissen älterer Menschen aus und berücksichtigen damit auch die von Behinderung und Krankheit Betroffenen, wie beispielsweise die bereits angesprochenen Demenzkranken.

Spezielle Angebote für demenzkranke Museumsbesucher

Die Kunsthalle Bielefeld bietet spezielle Kunstführungen für  Demenzkranke an.  Demenzkranke  Menschen, die meist im höheren Alter mit dementiell verändertem Bewusstsein leben, zeigen im Museum große Freude an Kunstobjekten und der architektonischen Umgebung, berichtet die Kunsthalle Bielefeld.
Um Demenzkranken einen Museumsbesuch ermöglichen zu können, der auf ihre Bedürfnisse adäquat eingeht, hat das Demenz-Servicezentrum Ostwestfalen-Lippe in Kooperation mit der Kunsthalle Bielefeld eine Fortbildung für Kunst- und Kulturvermittler veranstaltet.
30 feste und freie Mitarbeiter von Museen und aus der Altenpflege nahmen bisher die Chance wahr, ein Vermittlungsangebot für Menschen kennen zu lernen, die sonst vom kulturellen Dialog weitgehend ausgeschlossen werden.
Altenzentren, Tageskliniken und weitere Betreuungseinrichtungen können sich zwecks näherer Informationen an die Kunsthalle Bielefeld (Telefon 0521/3299950-17) wenden.

Broschüre „Kunstvermittlung für Ältere“

Diese Publikation, die in der Reihe Wolfenbütteler Akademie-Texte herausgegeben wurde, dokumentiert die Tagung der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel   - Kunstvermittlung für Ältere – im März 2010. Die Tagung war das achte Treffen der Europäischen Lernpartnerschaft INCREASE – Intercultural Creativity of Seniors in Europe, die mit 12 Institutionen aus acht ländern durchgeführt wurde.
Die Broschüre kann von der Bundesakademie Wolfenbüttel bezogen werden.

Weitere Informationen der an der Kunstvermittlung für Ältere beteiligten Museen finden Sie unter folgenden Links:

Bundesakademie

Staedelmuseum

Stiftung Moritzburg

Kunstverein Freiburg

Kunsthalle Bielefeld

Kommentare

Kommentar von redaktion |

Natürlich ist dieser Aspekt der Museumsarbeit wichtig, und es ist dazu geforscht und gearbeitet worden. Letzteres haben auch die Museen getan, wie man hier lesen konnte. Aber das ist leider, wie so oft, nicht der Blick der Zielgruppe, der Betroffenen. Es sei hier daher zu verweisen auf eine Arbeit von Esther Gajek, "Seniorenprogramme an Museen: Eine ethnographische Annäherung an die Diversität der Erfahrungen der Teilnehmer". Die Autorin erhielt dafür nicht nur ihren Doktortitel, sondern auch einen Preis für Museumspädagogik erringen. Die Pressemitteilung der HTWK Leipzig, die den Preis auslobt, sagt denn auch alles dazu, was von den Programmen der Museen zu halten sein kann:

"Mit der Diskussion um den wachsenden Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft und die zunehmende Lebenserwartung sind Seniorinnen und Senioren auch in den Blickpunkt der Kulturvermittlung geraten. Das Fachgebiet der Vergleichenden Kulturwissenschaft legt nahe, die Sichtweise der Zielgruppe selbst ins Zentrum zu heben und nicht diejenige der Kulturvermittelnden, der Museumsfachleute oder der Kulturpolitik.

Ganz im Sinn der „Erfahrungswissenschaft“ bringt die preisgekrönte Untersuchung endlich die Perspektive der „Betroffenen“ von Seniorenangeboten in die Fachdiskussion ein. Statt Sekundäranalysen von politischen Leitlinien, didaktischen Konzepten, Veranstaltungsprogrammen und Selbstdarstellungen nimmt sie die Perspektive der älteren Menschen auf durch teilnehmende Beobachtungen. Damit erschließt sie erstmals unvermittelt die Erwartungshaltungen und Mitwirkungsbereitschaft älterer Menschen gegenüber Museen und deren Angeboten. Sie proklamiert einen Paradigmenwechsel, weg vom „Betreuungsobjekt“, hin zu älteren Menschen, die sich aktiv einbringen möchten, eigene Erfahrungen sammeln wollen und in der Teilnahme an Veranstaltungen zunächst die Abwechslung und den sozialen Kontakt sehen und nicht die Abnahme konfektionierter Leistungen."
Es wäre erfreulich gewesen, wenn auf diese Ergebnisse hier eingegangen worden wäre oder sie wenigstens erwähnt worden wären. Es ist nicht alles gut, was die Fachleute so von sich geben, auch hier ist es eher nur in ihrem eigenen Interesse, mit vielen Vermutungen. Nur weil Senioren-Programm draufsteht, muß es nicht zwangsläufig auch gut für die Senioren sein.

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