Kitsch oder Kunst?

von Horst Glameyer

Kaum jemand wird den freundlich dreinschauenden deutschen Gartenzwerg, wie er zur Freude der Kinder und mancher Erwachsener in vielen Vorgärten steht, für ein Kunstwerk halten. Es sei denn, zwei Bildhauer hätten sich seiner Vorfahren, der Heinzelmännchen, angenommen.

Der deutsche Gartenzwerg: Kunst oder Kitsch?

Ernst Kopisch schrieb 1836 nach einer alten Sage die Ballade von den Heinzelmännchen zu Köln, deren Nachfahren die beliebten Gartenzwerge und in heutiger Zeit die Mainzelmännchen des ZdF sein sollen. Zum 100. Geburtstag des Dichters (1899) stiftete der Kölner Verschönerungsverein den figurenreichen Heinzelmännchenbrunnen. Er wurde von den  Bildhauern Heinrich und Edmund Renard geschaffen und steht in der Nähe des Kölner Domes.
Auch ein von Werner Richter geschaffenes Kunstwerk erinnert an vier Kölner Heinzelmännchen. Als Denkmal aus Bronze und Granit ist es seit 1981 im Treptower Park zu bewundern, während die serienmäßig aus Plastik hergestellten Gartenzwerge in Deutschlands Vorgärten häufig geringschätzig als Kitsch bezeichnet werden. So eng liegen Kitsch und Kunst beieinander.

Worin unterscheiden sie sich?

Der Begriff „Kitsch“ entstand um 1870 in Münchner Künstlerkreisen und bezeichnet billig hergestellten Kunstersatz. Dabei handelt es sich nicht nur um Gegenstände der darstellenden und bildenden Kunst, sondern auch um literarische Texte und Musik, die Echtheit und Originalität nur vortäuschen. Im Unterschied zum Kunstgewerblichen, zur Unterhaltungsliteratur und -musik täuschen sie „höhere  Werte“ vor und sollen als etwas „Schönes“ erscheinen. Das gilt insbesondere für die Werbung, die bewusst alles weg lässt, das ihren kommerziellen Zielen abträglich sein könnte. Sie entführt den Verbraucher in eine scheinbar heile Welt, in der ihn angeblich das begehrenswert Vollkommene erwartet, das ihn glücklich machen wird.. Er braucht nur zuzugreifen und es zu kaufen. Dank der nahezu allgegenwärtigen Medien ist er vom Werbekitsch geradezu umringt. „Kunst“ verkörpert dagegen das Wahre, das Einmalige und ist gewiss nicht immer nur schön.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Es ist nicht nur eine Geschmacksfrage, ob sich jemand mit Gegenständen umgibt, die andere für Kitsch halten und deshalb entschieden ablehnen. Niemand kann einem solchen Gegenstand ansehen, welche Erinnerungen und liebevollen Erlebnisse sich damit für seinen Besitzer verbinden. Auf den Kunstwert kommt es dabei nicht an. Andenken mögen noch so kitschig sein, verbinden sie sich mit unseren Gefühlen, möchten wir sie nicht missen. Deshalb ist Kritik an unserem Geschmack nicht angebracht, weil sie sich in diesem Fall zugleich gegen unsere Gefühle richtet.
Auch scheint die scharfe Grenze zwischen Kitsch und Kunst in unserer Zeit allmählich zu verschwimmen. Dinge, die lange für Kitsch gehalten und entsprechend geschmäht wurden, finden heutzutage ihren Platz in Kunstmuseen. Nicht selten entscheidet ihr Marktwert auch über ihren Kunstwert.

Kommentare

Kommentar von Uwe Bartholl |

Lieber Horst,
ich finde nicht heraus, was der 2. Link mit Deinem Beitrag zu tun hat. Deine Gedanken haben mich dann aber weitergetrieben zu den mir wertvollen Hintergrundinformationen durch die ZEIT-online-Artikel der beiden letzten Links. Es hat mich gefreut, dass wir uns gedanklich begegnet sind. Uwe

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