Rilkes Briefe an einen jungen Dichter

von Manfred Mätzke

Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kam es zwischen dem  zwanzigjährigen Franz Xaver Kappus und Rainer Maria Rilke zu einem Briefwechsel. Sein Inhalt  ist auch für uns Menschen heute (und nicht nur für die angehenden Künstler unter ihnen) interessant und hilfreich.

Der Beginn

Im Spätherbst 1902 saß der junge Dichter und Zögling der Militärakademie Franz Xaver Kappus unter uralten Kastanien im Park der Akademie und las in einem Gedichtband von Rainer Maria Rilke. Als er erfuhr, dass Rilke etwa 15 Jahre zuvor auf einer Militäroberschule war, für die sich seine Konstitution allerdings als nicht widerstandsfähig genug erwies, beschloss Kappus, seine dichterischen Versuche an Rilke zu schicken und um sein Urteil zu bitten. Daraus ergab sich ein Briefwechsel, in dem Kappus in den Jahren 1903 /1904 und 1908 zehn lange Briefe erhielt.

Anleitungen für das Leben

Rilke legt in den Briefen Grundlinien seiner eigenen Einstellung als Dichter dar, gibt ihm Ratschläge zur literarischen Tätigkeit und  zur Lebensführung allgemein.
In seinem Vorwort zur Herausgabe der zehn Briefe schreibt Kappus 1929, dass ihn das Leben zwar auf Gebiete abtrieb „vor denen des Dichters warme, zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen.“ Doch das sei nicht wichtig, wichtig seien die Briefe für viele „Wachsende und Werdende von heute und morgen.“ Für das Verständnis der Briefe ist es hilfreich zu verstehen, dass das was bei Rilke ein Modell fürs Dichten ist, immer ein Lebensmodell ist. Er hat sich immer dagegen verwahrt, dass die Kunst eine Welt für sich darstellt. So ist es auch nicht sinnvoll bei den Briefen zwischen Anleitungen für das Leben und das Schreiben zu unterscheiden.

Das Leben annehmen

Es sind Briefe über das Leben, voller Lebensweisheit, Ermunterungen und Verhaltensempfehlungen. Sie lehnen das Leichtsinnige ab und betonen den Ernst des Lebens. Die zehn Briefe können als kleine Abhandlung gesehen werden, in der es vorrangig um Einsamkeit, Geduld, Liebe und Dichtung geht. Rilke will die Entschlusskraft und innere Sicherheit seines Lesers fördern, seine Selbständigkeit, seine Unabhängigkeit und seinen Mut stärken. Er räumt der notwendigen Stärkung des Selbstvertrauens eindeutig den Vorrang vor jeder literarischen "Erziehung" ein. Und er bemüht sich, das Eigene und das Mög­liche seines Gesprächspartners und seines Lesers herauszustreichen. Für ein  Dasein, das wir so weit es geht annehmen.

Aus den Briefen

„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes. Darum, sehr geehrter Herr, wusste ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen.“ (Paris, am 17. Februar 1903)
„Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muss ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ‚Ich muss’ dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muss ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.“ (Paris, am 17. Februar 1903)

„…Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit. Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!“ (Viareggio bei Pisa (Italien), am 23. April 1903)

„Lassen Sie Ihren Urteilen die eigene stille, ungestörte Entwicklung, die, wie jeder Fortschritt, tief aus innen kommen muss und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären. Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich, im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewussten, dem eigenen Verstande Unerreichbaren sich vollenden lassen und mit tiefer Demut und Geduld die Stunde der Niederkunft einer neuen Klarheit abwarten: das allein heißt künstlerisch leben: im Verstehen wie im Schaffen.“ (Viareggio bei Pisa (Italien), am 23. April 1903)

„Und tatsächlich liegt ja künstlerisches Erleben so unglaublich nahe am geschlechtlichen, an seinem Weh und seiner Lust, dass die beiden Erscheinungen eigentlich nur verschiedenen Formen ein und derselben Sehnsucht und Seligkeit sind.“ (Viareggio bei Pisa (Italien), am 23. April 1903)

“Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ (z. Zt. Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903)

„Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.“ (Rom, am 14. Mai 1904)

„Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.“. (Borgeby gård, Flädie, Schweden,
am 12. August 1904)

„…was ich über Ihre Neigung zum Zweifel sagen könnte oder über Ihr Unvermögen, das äußere und innere Leben in Einklang zu bringen, oder über alles, was Sie sonst bedrängt -: es ist immer das, was ich schon gesagt habe: immer der Wunsch, Sie möchten Geduld genug in sich finden, zu ertragen, und Einfalt genug, zu glauben; Sie möchten mehr und mehr Vertrauen gewinnen zu dem, was schwer ist, und zu Ihrer Einsamkeit unter den anderen. Und im Übrigen lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: das Leben hat recht, auf alle Fälle.“ (Furuborg, Jonsered, in Schweden am 4. November 1904)

Die Briefe heute

Was zeichnet ein Lieblingsbuch aus? Das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat stellten 2010 im Rahmen des Wettbewerbs „Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch“ diese Frage. Den ersten Preis erhält Monica Adina Lorelay Mitea aus Rumänien. Ihr Lieblingsbuch: „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke. In ihrer Begründung schreibt sie: „Ein Buch, das mich mehr als 20 Jahre begleitet hat... die Bibel meiner ‚poetischen‘ Existenz. Von ihm habe ich gelernt, dass der Dichter die Schönheit der Welt zu sich ruft und dann auch die anderen auf die Dinge der Umgebung aufmerksam macht.“ Durch Rilkes Briefe habe sie die Magie der Welt entdeckt, schreibt sie. „Alle wichtigen Fragen der Existenz bekommen eine  Antwort: die Liebe, das Schaffen, die Einsamkeit, die Beziehung ‚Ich‘ – ‚Der Andere‘…“

Kommentare

Kommentar von Uwe Bartholl |

Lieber Manfred,
Dein Beitrag, lebenswerte Gedanken, um sie nach einem sonnigen Vorfrühlingstag mit in den Abend zu nehmen. Danke, das Buch ist gekauft.
Gruß
Uwe

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