Gertrud von Le Fort, eine fast vergessene Autorin?

von Hildegard Keller

In der deutschen Frauenliteratur belegt Gertrud von Le Fort keinen vorderen Platz. Als „Streiterin für das ewige Recht“ beugte sie sich nicht der Gewaltherrschaft. Ihre historischen Gestalten symbolisieren das Eintreten für die Schwachen, Verfemten, Entrechteten und sind Zeugnisse innerer Werte.

Mein „persönliches Bild“ von Gertrud von Le Fort.

Die Letzte am Schafott.
Die Letzte am Schafott.

Die Novelle „Die Letzte am Schafott“ (erschienen 1931). beeindruckte mich tief. Es war die erste Lektüre, mit der ich mich nach Kriegsende 1945 intensiver befasste. Einer Deutschlehrerin gelang es, ihre eigene Begeisterung an mich weiter zu geben. In Blanche entwirft Gertrud von Le Fort die fiktive Gestalt der Karmeliterin Blanche de la Force. Die Schwestern von Compiègne starben im Jahre 1794 auf dem Schafott.
In großer Angst verlässt Blanche das Kloster, mischt sich aber unter die Zuschauer. Als die Schwestern singend dem Tod entgegen gehen, schließt sich Blanche ihnen wieder an und vollendet als Letzte den Gesang. Die Novelle ist eine Absage an alle totalitären Ideologien.
Bei Besuchen in Oberstdorf zu den Zeiten als Gertrud von Le Fort dort lebte, wurde mir die Schriftstellerin mit ihren Romanen und anderen Schriften sehr vertraut.
Gertrud von Le Fort starb am 1. November 1971 in Oberstdorf.

Aus dem Leben der Schriftstellerin.

Wappen Geschlecht Von Le Fort
Wappen Geschlecht Von Le Fort

Die Vorfahren Gertrud von Le Forts kommen ursprünglich aus Piemont. Über Genf und Russland kam die Adelsfamilie nach Mecklenburg. Der Vater war preußischer Offizier und zeitweise in Minden in Westfalen stationiert. Dort wurde Gertrud von Le Fort am 11. Oktober 1876 geboren.
Der Unterricht von Privatlehrern und der Einfluss des Vaters weckten in Gertrud das Interesse für historische Stoffe und schärften ihre Gedanken für die historische Sicht der Ereignisse.
Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte sie auf den Gütern ihrer Familie.

Prägungen eines Lebens

Portrait Briefmarke
Portrait Briefmarke

1908 begann Gertrud von Le Forte das Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg
Mit 32 Jahren folgte ein Studium mit den Schwerpunkten Philosophie, Theologie, Kunst und Kirchengeschichte
Über die Zeitschrift „Hochland“ und nach mehreren Romreisen wurde der Protestantin der Katholizismus zur geistlichen Heimat. Ihre Konversion 1926 brachte allerdings keinen Bruch zur Tradition ihrer Familie. Für Gertrud von Le Fort war der Konvertit „gleichsam die Brücke, die zwei Ufer berührt und verbindet“.
Könnte dieser Gedanke nicht  ein Leitmotiv für die ökumenischen Bemühungen der Gegenwart sein?

„Streiterin für das ewige Recht“

und Streiterin für „die geheime Schönheit der Harmonie der Welt“. So charakterisiert Carl Zuckmayer Gertrud von Le Fort. Diese Charakterisierung trifft auf das gesamte Leben und Schaffen der Schriftstellerin zu.
Die erbarmende, sich opfernde und heilende Liebe war ihr großes Thema (nach Manfred Müller). In ihren Romanen, Erzählungen, Novellen und Legenden schuf sie großartige Frauengestalten. Diese geben Zeugnis von dem Wissen um menschliche Abgründe und aller damit verbundenen Unwägbarkeiten.

Einblicke/Erklärungen zu einzelnen Werken

Beispiele 1930 bis 1961
Durch die Einbindung in die Vergangenheit war es Gertrud von Le Fort möglich, Probleme der Gegenwart in dichterische Form „verkleidet“ anzusprechen.
1930 „Der Papst aus dem Ghetto“. Mit diesem Buch wollte Gertrud von Le Fort 1930 den Juden „ein gutes Wort“ sagen.
1932 „Hymnen an Deutschland“. Darin drückt sich die tiefe Liebe zu Deutschland aus.
1938 „Die Magdeburgische Hochzeit“. Zerrissenheit, Not und Elend kennzeichnen den Untergang Magdeburgs, verursacht durch die Spaltung Deutschlands im 30jährigen Krieg. Es mutet fast wie eine Vorausschau auf die Bombennächte des zweiten Weltkrieges an, in denen deutsche Städte in Trümmer fielen.
1934 „Die ewige Frau“ als Manuskript verfasst und einem Bekannten zur sicheren Aufbewahrung übergeben wurde es 1947 veröffentlicht.
Es war Gertrud von Le Fort bewusst, dass sie von den NS Machthabern nur geduldet wurde; hatte sie sich 1942 doch geweigert, ein Gedicht zum Geburtstag des Führers zu schreiben.
1961 „Das fremde Kind“. Darin spricht sich die Dichterin gegen eine klischeehafte antideutsche Vergangenheitsbewältigung nach 1945 aus.

Lesebuch zu Gertrud von Le Fort

Im Echter Verlag ist das Lesebuch „Gertrud von Le Fort“ erschienen. Es bietet eine gute Auswahl an Erzählungen der christlichen Dichterin mit sechs Titeln:
„Die Frau des Pilatus“
„Das Gericht des Meeres“
„Die Verfemte“
„Die Tochter Jephtas“
„Die Consolata“
„Am Tor des Himmels
“.
Das Lesebuch kann dazu beitragen, dass Gertrud von Le Fort vor der Vergessenheit bewahrt wird.

Als Quellen zu diesem Beitrag wurden genutzt:
Manfred Müller „Vergessene Schriftsteller“
Oberweser –myheimat…  „Große Frauen des 19. Jahrhunderts“
Biographie bei Fembio „Gertrud von Le Fort“.
Die Bilder sind Wikimedia/Wikipedia entnommen und gemeinfrei.

Kommentare

Kommentar von Petra Kehl |

Um Gertrud von Le Fort mit ihren Werken wieder ein wenig mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, hat der Verlag Petra Kehl in Zusammenarbeit mit der Gertrud-von-Le-Fort-Gesellschaft in den letzten Jahren Hörbücher mit Werken der Schriftstellerin herausgegeben: "Die Frau des Pilatus", "Es liegt ein Traum von dir in meiner Seele" (Auswahl aus den "Hymnen an die Kirche") sowie kürzlich "Die Letzte am Schafott". Alle Hörbücher sind ohne Schwierigkeiten über den Buchhandel erhältlich.

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