El Greco und die Moderne - eine Ausstellung

von Sibylle Sättler

Man kann sich El Greco auf unterschiedliche Weise nähern. Der direkteste Kontakt wäre eine Reise nach Toledo. Aber auch ein Besuch der Düsseldorfer Ausstellung „El Greco und die Moderne“ im Jahre 2012 gewährte Einblick in seine faszinierende Welt.

Die Wiederentdeckung El Grecos nach 300 Jahren

Mit seinem Tagebuch von 1910 „Spanische Reise“ eröffnete der Kunsthistoriker / Schriftsteller Julius Meier-Graefe erstmals bei den deutschen Lesern den Reigen der Wiederentdeckung El Grecos, dessen Gemälden er in Spanien begegnet war.
Vorläufer der El Greco-Ausstellung 2012 gab es schon 1911 in der Alten Pinakothek in München. Auch im Rheinland war er kein Unbekannter. 1912 gab es eine Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, und in Köln fand im selben Jahr die Sonderbundausstellung statt, in der auch El Greco vertreten war, zusammen mit Künstlern wie Walter Ophey, Wilhelm Lehmbruck und Heinrich Nauen.

El Greco weckte das Interesse der Expressionisten

Die Eröffnung des fünften Siegels
Die Eröffnung des fünften Siegels

Es waren insgesamt etwa 40 Künstler der frühen Moderne, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Max Oppenheimer, Ludwig Meidner sowie die Maler des Blauen Reiter und Cezanne, Picasso, Delaunay und Schiele, die sich von El Greco begeistert „anstecken“ ließen. Er erschien ihnen mit seinen expressionistisch empfundenen Werken und seiner besonderen Lichtführung als Vaterfigur der Moderne.
Aber es gab nicht nur Bewunderung: Der Bonner Kunsthistoriker Carl Justi „würdigte“ El Grecos Spätwerk als „Fall für den Augenarzt oder einen Psychiater“.

Was war neu 2012 in Düsseldorf?

Hier stand erstmals El Greco im Fokus. Zu sehen waren, vor dunkelgrauem Hintergrund, mehr als vierzig seiner Originalwerke, Porträts, Landschaften und religiöse Themen, aus den größten Museen der Welt zusammengetragen. Auch zwei Gemeinschaftsbilder mit seinem Sohn Jorge Manuel waren zu sehen.
In farblichen Kontrast dazu wurden vor hellgrauem Hintergrund rund 80 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen der Moderne platziert. Motivische Vergleiche zwischen El Greco und den Expressionisten waren gut erkennbar, da sich die entsprechenden Gemälde in der Ausstellung vis-à-vis befanden. (Beispiele unter „Laokoon“ und „Eröffnung des fünften Siegels“). Auch Picassos „Porträt eines Unbekannten im Stil von El Greco“ zeigt seine Bewunderung für ihn. Wilhelm Lehmbrucks gelängter „Schreitender Jüngling“ und „Der Gestürzte“ waren vertreten, eindeutig El Greco nachempfunden.

El Greco auf Kreta als Meister der Ikonenmalerei

El Greco, Marientod
El Greco, Marientod

Domenikos Theotokópoulos, bekannt als El (spanisch) Greco (italienisch), der Grieche, wurde 1541 in Candia, dem heutigen Iraklion, auf Kreta geboren. Er entstammte einer gut situierten Familie. Eine Religionszuordnung El Grecos ist nicht möglich, da auf Kreta orthodoxes und lateinisches Christentum nebeneinander existierten. Künstlerisch ausgebildet wurde er in der Kretischen Schule der Ikonenmalerei, deren Werkstätten die orthodoxe Tradition im byzantinischen Stil mit westlichen Einflüssen verbanden. 1563 weist ein Dokument ihn als Meister der Ikonenmalerei aus. Vor seinem Aufbruch 1567 nach Venedig muss El Greco der meist geschätzte Maler Kretas gewesen sein.
Gleich zu Beginn des Rundgangs durch die Ausstellung empfängt den Besucher eine byzantinische Ikone aus den 1560er Jahren.

Venedig und Rom als Übergänge

Knabe der eine Kerze entzündet
Knabe der eine Kerze entzündet

Insgesamt 10 Jahre lebte El Greco in Italien, wo er sich der Ölmalerei zuwandte. Hier befand er sich in Konkurrenz zu hochrangigen Künstlern, die großenteils in der Nachfolge Michelangelos wirkten. Tizian betrachtete er als seinen Lehrer, auf den die spätere Licht- und Farbgestaltung seiner Bilder zurückgeht. In der Ausstellung zu sehen war aus dieser Zeit das Genrebild eines „Knaben, der eine Kerze entzündet“.
Eine Anekdote: El Greco bot dem Papst die Übermalung des kritisierten „Jüngsten Gerichts“ von Michelangelo mit seinen Aktdarstellungen in der Sixtinischen Kapelle an. Diese Kritik der römischen Maler habe den Papst bewogen, ihn der Stadt zu verweisen.

El Greco in Toledo

Begräbnis des Grafen Orgaz
Begräbnis des Grafen Orgaz

1576 wurde Toledo seine Wahlheimat. Sein unehelicher Sohn kam 1578 zur Welt, den er offiziell anerkannte und selbst künstlerisch ausbildete in Malerei, Bildhauerei und Architektur. 1589 weist ein Dokument El Greco als „vecino“ (Einwohner) Toledos aus.
In Toledo erhielt er bald mehrere Aufträge vom Spanischen Hof. Das Gemälde „Das Begräbnis des Grafen Orgaz“ begründete sein Ansehen. 1582 fiel er bei Phillip II. in Ungnade; sein Bild galt als ungeeignet für die Kirche des Escorial. Um 1600 versuchte El Greco mit dem Gemälde des Großinquisitors Fernando Niño de Guevara, diesen als Mäzen zu gewinnen. Er wurde als Erzbischof nach Sevilla versetzt. Damit scheiterten El Grecos Versuche, für König oder Kirche dauerhaft als Maler zu wirken. Seine Kunden waren die wohlhabenden Bürger der Stadt.
Mit seinen Auftraggebern soll es immer wieder, wie schon in Italien, zu Streitigkeiten bei der Durchführung seiner Werke in bezug auf Preis und Gestaltung gekommen sein.
Trotz der vielen Aufträge stand er immer unter finanziellem Druck. Er starb 1614 hoch verschuldet, was auf seinen anspruchsvollen Lebensstil zurückzuführen war.

Das Laokoon-Gemälde

Laocoon
Laocoon

Geworben wurde in der Öffentlichkeit mit der Abbildung von El Grecos bekanntestem Werk „Laokoon“ 1610 - 1614. Dieses Gemälde zählte zu den Höhepunkten der Ausstellung. Es wurde erst nach seinem Tod aufgefunden. El Greco griff hier die griechische Mythologie auf. 1506 entdeckte man bei Ausgrabungen in Rom die antike Laokoon-Skulpturengruppe, die man als Bezugspunkt annimmt. El Greco setzte den Seher Laokoon und seine Söhne vor dem Hintergrund der Stadt Toledo, statt Trojas, ins Bild. Laokoon hatte als einziger das hölzerne Pferd als Falle der Griechen erkannt. Dafür wurden er und seine Söhne dem Schlangentod ausgesetzt. Die Figuren am rechten Bildrand blieben unvollendet.
Zwischen El Grecos „Laokoon“ und Ludwig Meidners „Drei Klagende in der Apokalyptischen Landschaft“ von 1915 kann man eindeutig Bezüge feststellen.

„Die Eröffnung des fünften Siegels“

Delaunay, La Ville de Paris
Delaunay, La Ville de Paris

Dieses im Zeitraum 1608 - 1614 entstandene Gemälde hat die Vision des Johannes zum Thema und gehört ebenfalls zu den bekanntesten Werken El Grecos. Heute betrachtet man es als Fragment eines früheren Altarprojekts. Es stellt den Evangelisten mit aufwärts gewandtem sehnsuchtsvollem Blick und empor gereckten Armen unter apokalyptischen Wolkengebilden dar mit einer Gruppe Märtyrer, auf die himmlische Gewänder herabkommen. Visionen wie dieses Gemälde wurden häufig thematisiert in der spanischen Barockmalerei. El Greco ist hier als Vorbereiter des Barock anzusehen.
Das Gemälde „Die Eröffnung des fünften Siegels“ von El Greco war auch Vorbild und Anstoß für Picassos „Demoiselles d’Avignon“ von 1907.
Robert Delaunays „La Ville de Paris“ von 1910/12 nimmt mit der rechten Figurengruppe Bezug auf diesen El Greco.

Das Spätwerk El Grecos im Stil des Manierismus

Er war seiner Zeit weit voraus. Als Ikonenmaler angefangen, überwand er im Laufe seiner Entwicklung die vorherrschenden Einflüsse der Renaissance und avancierte zum Hochmeister des spanischen Manierismus. Das wird besonders deutlich in seinen beiden vorbeschriebenen Spätwerken „Laokoon“ und „Eröffnung des fünften Siegels“: oft in die Länge gezogene, Erregung vermittelnde Figuren in ekstatischer Gebärde und fahler Blässe, in grell farbigen Gewändern dargestellt. Die Kulisse ist dramatisch dunkel gestaltet, perspektivisch ungenau und dadurch mysteriös wirkend. Das einfallende Licht verstärkt die Dramatik und vermittelt Erhabenes und Überirdisches.
Diese Wandlung im Werk El Grecos und sein eigenwilliger Malstil, byzantinisch geprägt und westlichen Einflüssen gegenüber aufgeschlossen, waren es, die die Expressionisten herausforderten.

Lobreden und Bezüge auf El Greco

Der Mönch Fray Hortensio Felix Paravicino y Arteaga schrieb 1614 in seinem Sonett über El Greco, seinen Freund: „Kreta gab ihm das Leben und die Kunst, Toledo eine bess’re Heimat, wo durch den Tod er zum ewigen Leben gelangte.“
Julius Meier-Graefe 1910 in „Spanische Reise“: „Ich habe einen über alle Begriffe genialen Menschen gefunden. Ein Mann aus der Gegend Rembrandts und uns so nahe wie ein Zeitgenosse.“
Paul Klee beschreibt das „Laokoon-Gemälde“ 1911 als „Rätsel kompositorischer und malerischer Vollkommenheit.“
Rilke unternahm 1912 eine Reise nach Toledo, um El Grecos Werke am Ort seiner Wirkstätte zu sehen.
Franz Marc 1912 im Almanach „Der Blaue Reiter“: „Wir verweisen gerne und mit Betonung auf den Fall Greco, weil die Glorifikation dieses großen Meisters im engsten Zusammenhang mit dem Aufblühen unserer neuen Kunstideen steht.“
Stefan Andres nimmt in seiner Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ von 1936 Bezug auf El Grecos Gemälde.

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